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Chronik Welt
11/21/2021

Missbrauchs-Prozess: Das große Zittern vor der Epstein-Vertrauten

Ghislaine Maxwell, Komplizin von Sexualverbrecher und Multimillionär Jeffrey Epstein, drohen bis zu 80 Jahre Haft. Packt sie aus?

von Dirk Hautkapp

Liebhaberin. Freundin. Komplizin. Gespielin. Quasi-Zuhälterin. Buchhalterin eines Pädophilen-Rings. Es sind so viel Etiketten über Ghislaine Maxwell im Umlauf, dass man manchmal den Überblick verliert. Seit sich der Sexualverbrecher und Multimillionär Jeffrey Epstein 2019 in seiner New Yorker Gefängniszelle aufgehängt und damit dem Zugriff der Justiz entzogen hat, gilt seine langjährige Vertraute als Schlüssel zu einem der widerlichsten Kapitel in der endlosen Geschichte von Geld und Machtmissbrauch.

Sie soll zwischen 1994 und 2004 minderjährige Mädchen, einige nicht älter als 14, für den Investment-Banker systematisch rekrutiert haben. Dafür steht die 59-Jährige nun in Manhattan vor Gericht.

Junge Mädchen verliehen

Nachdem er die mit Vergünstigungen geköderten Opfer sexuell ausgebeutet hatte, so der Vorwurf, lieh Epstein die Frauen wie Ware an mächtige Dritte aus. Einer der Empfänger soll Großbritanniens Prinz Andrew gewesen sein.

In dieser Woche soll die Geschworenen-Auswahl abgeschlossen werden. Am 29. November starten die Eröffnungs-Plädoyers. Bei Verurteilung drohen der tief gefallenen Society-Dame bis zu 80 Jahre Gefängnis.

Ihre Masche laut Staatsanwaltschaft: Maxwell, der Opfer wie Teresa Helm nachsagen, sie sei eine „meisterhafte Manipulatorin menschlicher Gefühle“, hat die Mädchen, die sie auf der Straße, in Schönheitssalons oder in Einkaufszentren aufspürte, erst in ihr Vertrauen gezogen. Langen Gesprächen folgten Einladungen ins Kino, zum Essen und Einkaufen. Irgendwann kam das Körperliche ins Spiel. In vielen Fällen, wenn eine Epstein-„Massage“ im Geschlechtsakt endete, war sie laut Anklage Zuschauerin. Oder machte aktiv mit.

In den Passagierlisten der Privat-Boeing 727 Epsteins („Lolita Express“) taucht der Name Maxwell über 500 Mal auf. Sie selbst, es ist Beweisstück Nr. 52 der Anklage, führte offenbar akribisch Notizbuch über Epsteins Mädchen.

Plan der Verteidigung

Die Verteidigung versucht Maxwell dagegen als Opfer und Sündenbock darzustellen. Dass man ihr den Prozess mache, sei eine krampfhafte Ersatzhandlung, weil Epstein nicht mehr belangt werden könne, sagte ihre Verteidigerin Bobbi Sternheim.

Wer ist die Frau, deren Vorname „Gielähn“ ausgesprochen wird? Maxwell, 1961 in Frankreich geboren, wuchs im britischen Oxford auf. Das neunte Kind des Holocaust-Überlebenden und späteren Zeitungs-Zaren Robert Maxwell und der französischen Holocaust-Forscherin Elisabeth Meynard, zog nach dem von Mythen umrankten Tod ihres Vaters auf hoher See in den 90ern in die USA. In New York lernte sie den schwerreichen, damals sozial ungelenken Epstein kennen und führte ihn in die höheren gesellschaftlichen It-Kreise ein.

Aus dem anfänglichen Liebespaar wurde nach Auffassung der Ermittler eine kriminelle Vereinigung, die Dutzende Frauen in abgeschirmten Domizilen in Florida, New Mexico, London, New York und der Karibik sexuell ausnutzte.

Party mit Trump

Im Prozess werden von der Richterin Alison J. Nathan angefangen über die Anklage bis zur Verteidigung überwiegend Frauen das Wort führen. Und über allem schwebt die Frage, ob Maxwell über die großen Namen auspackt, die in Epsteins Orbit kreisten: Bill Gates, Prinz Andrew, Bill Clinton oder, nicht zu vergessen: Donald Trump, der mit Epstein früher häufig Party machte, wie Fotos zeigen. Nach ihrer Festnahme 2020 sagte der Ex-Präsident im Weißen Haus, er habe Maxwell „im Laufe der Jahre viele Male“ getroffen und fügte kryptisch hinzu: „Ich wünsche ihr alles Gute, was auch immer es ist.“

Ghislaine Maxwell wird (nach der Selbstmord-Erfahrung mit Epstein) im für Ratten, Gestank und Gewalt bekannten Knast in Brooklyn nachts in 20-Minuten-Abständen mit der Taschenlampe kontrolliert. Ihre Anwälte stellten bereits vier Mal Antrag auf Freilassung gegen Kaution. Selbst eine angebotene Zahlung von 28 Millionen $ war Richterin Nathan nicht geheuer. Begründung: Fluchtrisiko. Ghislaine Maxwell ist reich, hat drei Pässe (USA, England, Frankreich) und blendende Netzwerke. Ihren 60. Geburtstag wird sie über Weihnachten hinter Gittern verbringen.

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