© Stefan Christmann, Alfred-Wegener-Institut

Chronik Welt
04/04/2021

Eiskaltes Paradies: Wo man Corona nur aus Erzählungen kennt

Schichtwechsel in der Antarktis. Jene Forscher, deren Mission Ende 2019 begann, kehren nun in eine fremde Welt zurück. Das birgt Gefahren.

von Philipp Albrechtsberger

Im Paradies auf Erden hat es gerade minus 20 Grad Celsius. Schon in ein paar Wochen werden bis zu minus 50 Grad und Starkwind erwartet. Dennoch ist Peter Jonczyk überzeugt, „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ zu sein.

Der 58-jährige Unfallchirurg steht seit knapp zwei Monaten als Stationsleiter dem neuen, neunköpfigen Überwinterungsteam der Antarktis-Forschung des Alfred-Wegener-Instituts vor. „Wir sind wohl weltweit einer der wenigen Arbeitsplätze, an dem keine Corona-Einschränkungen herrschen“, sagt der deutsche Mediziner im KURIER-Gespräch über das Satellitentelefon.

„Wir leben hier wie anno 2019. Wir brauchen kein Hygienekonzept, das uns vorschreibt, wie wir uns zueinander verhalten müssen.“

Nach einer Akklimatisierung sei die Neumayer-III-Station und die Umgebung auf dem Ekström-Schelfeis eine „de facto viren- und bakterienfreie Zone“. Genau das wird nun zu einem Problem für jene Forscher, die von Peter Jonczyk und seinen Kollegen abgelöst wurden. Der Umstand führe dazu, dass das Immunsystem in eine Art Winterschlaf gehe, „bis es wieder auf Normalniveau ist, können Wochen vergehen“.

Eine Corona-Infektion könnte für die Rückkehrer zum Teil schwerwiegende Folgen haben. Die Forscher wurden mit dem Schiff MS Polarstern auf die Falklandinsel vor Argentinien gebracht, von wo es am Freitag im Flieger nach Europa ging.

In der Heimat erwartet sie eine fremde Welt. Als sie Ende 2019 zu ihrer Mission auf den südlichsten Arbeitsplatz der Welt aufbrachen, hatte das Coronavirus die Welt noch nicht befallen. Die Pandemie und ihre Folgen kennen sie nur aus Berichten und Erzählungen. Das Tragen von Masken ist ihnen ebenso fremd wie Abstandsregeln im öffentlichen Raum.

„Psychosozial wird das herausfordernd“, ist sich Nachfolger Jonczyk sicher, „sie wollen nichts lieber als ihre Liebsten umarmen oder eine Willkommensparty veranstalten – all das ist natürlich noch längere Zeit nicht möglich“. Überhaupt drohe den Rückkehrern ein gewaltiger Kulturschock, denn „auf dem Forschungsschiff gab es zuletzt überhaupt keinen Abstand zueinander“.

Ein trauriges Lied singen von den Gefahren, die die Enge an Bord mit sich bringt, kann die Besatzung der spanischen Hespérides. Auf dem Weg in die Antarktis machte ein positiver Corona-Fall die Mission zunichte. Binnen 48 Stunden waren 35 der 57 Crewmitglieder infiziert, das Schiff musste umkehren.

Der Cluster stellte eine Katastrophe für die unmittelbare Zukunft der spanischen Polarforschung dar. Auch die deutsche Neumayer-III-Station muss 365 Tage im Jahr bewohnt werden. Das Gebäude thront auf 16 Stelzen und muss von Technikern regelmäßig angehoben werden, damit es mit der Schneedecke mitwachsen kann.

Dementsprechend wichtig war, dass die kleine Überwinterungscrew rechtzeitig und gesund in der Antarktis eintraf. Da Flugverbindungen zum Ende der Welt in Pandemiezeiten eingestellt wurden, begaben sich die Forscher mit dem Schiff von Bremerhaven am 20. Dezember auf mehrwöchige Fahrt. Um das Infektionsrisiko gering zu halten, hatten sie sich bereits Wochen davor immer weiter aus der Gesellschaft zurückgezogen. Zum Schluss gab es eine mehrtägige, strenge Zimmerquarantäne.

Schlägt Corona in der Antarktis auf, haben wir ein ernstes Problem“

Peter Jonczyk | Stationsleiter und Arzt

Obwohl die nächsten Nachbarn 200 Kilometer entfernt sind, hat der Antarktis-Mediziner einen exakten Masterplan im Falle einer Corona-Infektion in der Schublade. Für Covid-Positive oder Verdachtsfälle wurden Isolationscontainer außerhalb der Station errichtet, drinnen wurde die Anzahl der Beatmungsgeräte erhöht und eine Raumdesinfektion installiert. Das sei wichtig, „um uns nicht Schritt für Schritt alle Räume abzuschneiden“, sagt der Chirurg, der aber überzeugt ist: „Schlägt Corona in der Antarktis auf, haben wir ein ernstes Problem.“

Auf Unterstützung per Rettungsflieger muss man im antarktischen Winter, wenn wochenlang ewige Dunkelheit herrscht, mitunter eine Woche lang warten. Peter Jonczyk hofft, irgendwann im Februar 2022 wieder abgeholt zu werden. Sein erster Wunsch nach der Rückkehr? „Party muss nicht sein. Lieber eine Corona-Impfung.“

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