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Chronik Welt
04/01/2020

Corona: Isoliert in Mexikos Surfer-Paradies – Was nun?

Risiko oder Risiko? Ein junger Österreicher weiß nicht, ob es gefährlicher ist, die Heimreise anzutreten oder auf einer mexikanischen Insel zu bleiben.

von Michael Hammerl

In der Nacht glitzert beim Schwimmen im Fluss das Plankton, durchkreuzt von Fischschwärmen. Tagsüber tummeln sich Pelikane am Himmel, während man surft oder in der Hängematte die Wellen beobachtet. Und dann spielt der Kollege nebenan Ukulele. Ein Papagei setzt sich auf deine Hand.

Diese Geschichten erzählte Manfred aus Mexiko, als der KURIER vor über zwei Wochen mit ihm in Kontakt trat. Just nachdem in Österreich die Ausgangsbeschränkungen beschlossen wurden. Manfred wusste, dass das Außenministerium in den kommenden Wochen Heimflüge für Reisende organisieren würde.

„Eigentlich will ich nicht weg. Ich bin hier im Paradies“, erzählte er bei diesem ersten Telefonat. Er habe das besprochen: Mit seiner Familie in Österreich und europäischen Touristen, die ebenfalls bleiben wollen. „Ich bin hier nicht allein.“ Aktuell lebt er in einem Kleindorf im Nationalpark Chacahua, auf einer abgeschiedenen Insel, am Strand, nahe der bekannten Surfer-Stadt Puerto Escondido, an der südlichen Westküste Mexikos.

Lagune von Chacahua

Lagune von Chacahua

Vogel

Chacahua

Hamstern in Mexiko

Bei der „Auslandsservice“-App des Außenministeriums hatte er sich dennoch angemeldet. Für den Fall, dass ein schneller Heimflug möglich ist. Er hätte auch sofort eine komplizierte Reise nach Mexico City antreten können, aber: „Für mich ist klar, dass ich auf keinen Fall in einer größeren Stadt sein will, sollte die Situation eskalieren. Hier ist es sicherer.“ Mexico City gilt wegen der hohen Kriminalitätsrate als eine der gefährlichsten Großstädte der Welt. Der Versuch einer Heimreise könnte insgesamt gefährlicher werden, als ein Aufenthalt, befürchtet Manfred.

Notfalls vom Fischen leben

Er hat sein gesamtes Geld in die Hand genommen, um innerhalb eines halben Jahres Lateinamerika abzuklappern. Beginnend Ende Februar in Mexiko, über Kolumbien, mit einem Grande Finale in Rio de Janeiro, Mitte September.

Was zu erwarten war: In Chacahua hat sich die Situation in den vergangen Wochen verändert. Nur noch wenige Boote steuern mittlerweile den Strand an. Sie versorgen die Shops im Dorf mit Waren, bringen Personen von Puerto Escondido ins Dorf und zurück, berichtet Manfred. „Die Boote dürften offiziell keine Menschen mehr transportieren. In der Realität sieht das aber anders aus.“

Die Bewohner bauen sogar Marktstände auf, bereiten sich auf ein Osterfest vor, hoffen auf Gäste. Allzu viele dürften es nicht werden. Auch in Mexiko, das lange mit Maßnahmen gewartet hat, gilt mittlerweile ein Versammlungsverbot ab 50 Personen.

Chacahua ist grundsätzlich nur via Taxi oder Boot erreichbar. Der Verkehr nach und aus Puerto Escondido habe schon abgenommen. „Man spürt, dass sich die Menschen anders verhalten“, sagt Manfred. Der 26-Jährige hat sich mit Medikamenten eingedeckt, falls ihn Corona oder ein anderes Virus erwischt: Paracetamol und Ibuprofen. Ansonsten hat er kaum gehamstert. Wovon er sich die kommenden Wochen notfalls ernähren will? „Wir werden Fischen“, sagt er und lacht.

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Mexiko drohen italienische Verhältnisse

Völlig abgeschieden lebt Manfred nicht. Er hat hin und wieder eine Internetverbindung, die Versorgung mit Lebensmittel funktioniere, der Zahlungsverkehr auch. Es gäbe einige Europäer, die in Chacahua leben. Doch als Manfred von den Zuständen in Italien hörte, begann er zu grübeln. Auch die Stimmung unter den Touristen hat sich verschlechtert, nachdem eine junge Frau erfuhr, dass ihr Vater in Italien an Covid-19 gestorben ist.

Mexiko hat leider beste Chancen auf ein „italienisches“ Schicksal. Das Gesundheitswesen gilt als kaputtgespart. Es mangelt an Ärzten, Betten und Ausrüstung. Die Zahl der Corona-Infizierten dürfte in Mexiko nur deshalb noch niedrig sein (offiziell knapp über 1.000 Personen), weil kaum Tests verfügbar sind. Auf die Schweinegrippe hatte das Land 2009 anders reagiert, intensiv getestet, Cluster ermittelt, nach Erkrankten gesucht.

Präsident Andrés Manuel López Obrador verharmloste das Virus wochenlang. Noch am 22. März rief er die Bevölkerung auf, doch bitte ins Restaurant zu gehen und die Wirtschaft zu stärken. Am Samstag korrigierte er seinen Kurs und empfahl, „dass sich jetzt alle zurückziehen, mit ihren Familien zu Hause sind, Distanz wahren und auf Hygiene achten“.

Hoffen auf die zweite Welle

Experten halten es für absehbar, dass Mexikos Gesundheitssystem kollabieren wird. Manfred hat bereits aufgehört zu surfen. Was, wenn er sich verletzt? Er hat ebenso bemerkt, dass in den Palmblättern der hiesigen Hütten (Palapas) viele Skorpione leben, die beizeiten von der Decke fallen. Eine Touristin wurde bereits gestochen. Wie gesagt: Ein Notfall wäre eher suboptimal.

Dann stellen sich weitere Fragen: Wie sieht es auf lange Sicht mit der Lebensmittelversorgung aus? Was, wenn es in Mexiko zu einer Hyperinflation und Engpässen kommt? Wenn es in Süditalien schon erste Revolten gibt, wie könnte das in Mexiko enden? Die Prognosen für die mexikanische Wirtschaft werden täglich nach unten korrigiert. Die Ratingagentrur Standard and Poor’s geht davon aus, dass kein anderer lateinamerikanischer Staat so lange brauchen wird, sich von den Nachwirkungen des Virus zu erholen.

Manfred bleibt gelassen. Seine erste Chance auf einen Rückflug hat er verpasst. Sein Smartphone spielte ihm einen bösen Streich: Die Nachricht, dass am 24. März einer der begehrten Rückholflüge über Mexiko City stattfinden sollte, bekam Manfred erst dann, als es schon zu spät war – am 23., zwei Tage nachdem sie ausgeschickt wurde. In so kurzer Zeit hätte er es nie in die Metropole geschafft.

Er wartet nun auf eine zweite Welle, auf der er vielleicht doch noch nach Österreich surfen könnte.

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