Die unbeugsamen Nonnen von Goldenstein - jetzt entscheidet Rom
Schwester Rita, zurück zu Hause
"Die Türen sind offen, ihr könnt rein", ruft jemand, nachdem der Schlüsseldienst seine Arbeit beendet hat. Das Bild dreier alter Frauen im schwarzen Habit, die sich mit Rollatoren den steilen Weg zurück in ihr Kloster bahnen, geht bald danach um die Welt.
Am 4. September 2025 beginnt nämlich das erste Kapitel eines "modernen Märchens", wie Edith Meinhart beschreibt: Die Flucht dreier Nonnen aus dem Altersheim, in das sie nie wollten.
Regina (86), Bernadette (88) und Rita (82), die letzten drei Augustiner Chorfrauen in Österreich, besetzen das Kloster Goldenstein in Salzburg, ihr Zuhause. In der angeschlossenen Schule unterrichteten sie jahrzehntelang.
Doch nun ist es leer geräumt, die Türen sind versperrt. Der Treppenlift ist abmontiert, liturgisches Gerät verschwunden. Sogar Schwester Bernadettes dritte Zähne, die sie vor einem Spitalsaufenthalt zurückgelassen hatte, sind nicht mehr auffindbar. „Jesus ist in meinem Herzen“, sagt Bernadette und macht sich ans Aufräumen.
Wieder zu Hause: Als die Nonne im September 2025 zurück nach Goldenstein kam, fehlten viele ihrer Habseligkeiten.
Die Würde alter Menschen
Meinhart, Journalistin und Autorin, begleitet die drei Nonnen seit Monaten. Gemeinsam mit Christina Wirtenberger, einer ehemaligen Schülerin der Schwestern, bringt sie ihre Geschichte an die Öffentlichkeit. Die beiden Frauen sind zwei vieler Helferinnen und Helfer, die Bernadette, Regina und Rita in den Wochen nach dem 4. September zur Seite stehen werden.
„Das Thema ist vielschichtig“, überlegt Meinhart, „Es geht um gesellschaftliche Themen, wie geht man mit dem Altern um? Mit dem freien Willen alter Menschen, der Würde im Alter, der Selbstbestimmung?“ Und dann ist da noch die spezielle Komponente der katholischen Kirche – da Frauen bzw. Nonnen, dort Männer bzw. Rom: Weil der Orden der Augustiner Chorfrauen zu klein ist, um sich selbst eine Oberin zu wählen, ist der Vatikan für ihren Frauenkonvent zuständig. Für Männerorden gäbe es diese Regel nicht, schreibt Meinhart in ihrem aktuellen Buch über die Nonnen.
Zweites Kapitel der Nonnen-Geschichte: Die Salzburger Schwestern müssen ihr Kloster übergeben , die Wahl fällt auf die Augustiner Chorherren in Reichersberg (Oberösterreich). "Sie haben dieselbe Ordensregel", begründet Edith Meinhart und vergleicht das Leben im Orden mit einer Familie. "Man vertraut einander."
18 Millionen Euro
In dem Fall umso mehr, kannten die Schwestern den Propst von Reichersberg, Manfred Grasl, schon als Jugendlichen, da war er Ministrant. Bernadette, Regina und Rita sei zugesichert worden, ihren Lebensabend im Kloster verbringen zu dürfen und stimmen dem Übergabevertrag zu: Knapp 18 Millionen Euro ist Goldenstein wert, steht darin.
Nicht so deutlich ist das Wohnrecht verankert, im Vertrag ist nur von "Bemühungen" die Rede: "Nach Möglichkeit" werde dafür gesorgt, dass die Schwestern im Kloster verweilen könnten.
Schwestern landen im Heim
Es folgt Kapitel drei: "Es werden Fakten geschaffen", beschreibt Meinhart. Regina und Bernadette werden nach Spitalsaufenthalten ins Seniorenheim gebracht, Rita nach einem Besuch in Deutschland abgeholt – im Heim wartet ein Zimmer auf sie. Der Orden gestand den Nonnen nur Taschengeld zu, Bankkonten wurden gesperrt. Stift Reichersberg beantragt Sozialleistungen des Landes für die Heimunterbringung, rund 60.000 Euro müssen nun ans Land zurückgezahlt werden. Ein Rechtsstreit mit Stift Reichersberg schwelt.
Eineinhalb Jahre lang bleiben die Schwestern im Heim, ehe sie mit Hilfe von Unterstützern ebenfalls Fakten schaffen – sie gehen einfach weg. "Da herinnen sterbe ich sicher nicht", macht Bernadette deutlich.
Wieder im Kloster gemeldet
Viertes Kapitel: Bernadette, Regina und Rita sind wieder in Goldenstein mit Hauptwohnsitz gemeldet, eine 24-Stunden-Betreuung ist vor Ort. „Man muss die Versorgung sicherstellen, dass die Schwestern möglichst lang selbstbestimmt leben können“, betont Meinhart. „Wie eben bei anderen alten Menschen auch.“
Schwester Regina
Bedingungen von oben
Wochenlang herrschte Pattstellung zwischen Orden und rebellischen Nonnen, Schweigen vonseiten des Stifts. Die Schwestern richten das Kloster wieder wohnlich ein, empfangen Gäste. Rechtlich geregelt ist die Lage lange nicht, doch sie könnten wohl nur mit Klage und einstweiliger Verfügung aus dem Kloster gebracht werden, doch alte Nonnen, die die Polizei abführt? Der mediale Aufschrei wäre zu laut.
Fünftes Kapitel: Stift Reichersberg meldet vor zwei Tagen, eine "tragfähige Lösung“ gefunden zu haben. Die Schwestern könnten "bis auf weiteres" im Kloster bleiben. Doch Propst Grasl stellt Bedingungen: Die Klausur – nur zugänglich für Ordensleute – muss wieder hergestellt werden. Der "umfassende Einsatz" von außen sei nicht mehr nötig, da professionelle Pflege und Betreuung bereitgestellt werden, auch ein Priester soll in Kloster ziehen.
Die Schwestern werden auf Wartelisten für ein Pflegeheim gesetzt. Nun liege es an den Nonnen, betont Grasl: „Ich wünsche mir, dass die Schwestern den vor mir skizzierten Weg akzeptieren.“
Aus für Social Media
Ein Weg, der aber abseits der Öffentlichkeit beschritten werden müsste – die Aktivitäten in sozialen Medien müssen beendet werden, auch das ist Bedingung. Der Instagram-Account kratzt an der 111.000-Follower-Schwelle.
Edith Meinhart: "Nicht mit uns! Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein"
Edition Lauter. 206 Seiten. 28 Euro.
Präsentation: 3.12., Kulisse Wien, Ticket: 34 Euro (der Erlös geht an die Nonnen).
Und die Nonnen? Sie lehnen den Vorschlag ab. Das Verbot der soziale Medien würde sie dem einzigen verbliebenen Schutzes durch die interessierte Öffentlichkeit berauben, befürchten ihre Helfer und rügen den Vorschlag als "Knebelvertrag".
Ein Machtwort aus Rom?
Nie sei mit ihnen direkt gesprochen worden, monieren die Schwestern: "Wir werden sicher nicht zustimmen", so Bernadette.
Dies müssten die Schwestern nun gegenüber der nächst höheren Stelle, dem Dikasterium in Rom, rechtfertigen, kontert der Propst via Pressebeauftragtem, Kapitel sechs beginnt. Denn Rom sei befugt, "Entscheidungen" zu treffen, also ein Machtwort zu sprechen.
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