Brigitta (51) und Gottfried (49) Kellner in ihrem Reich.

© Ferstl Caroline

Chronik Österreich
06/06/2021

Wo selbst der Thonet-Erbe seine Möbel restaurieren lässt

Gottfried Kellner ist einer der letzten Restaurateure. Seine Leidenschaft gilt den Thonet-Stühlen – den „Ikea-Möbeln der Jahrhundertwende“.

von Caroline Ferstl

An die 300 Thonetstühle stapeln sich auf dem Dachboden von Gottfried Kellner. Für Unwissende erscheint der Ort wie pures Chaos, der Restaurateur hat seine eigene Ordnung: „Immer, wenn ich einen sehe, muss ich ihn kaufen“. An ihnen werkelt er, wenn er eine Pause braucht von seiner eigentlichen Arbeit: dem Restaurieren alter Möbelstücke.

Kellner ist einer der letzten seines Metiers in Österreich. Restaurateur ist ein freies Gewerbe, jeder kann sich so nennen. Was Kellner ausmacht, ist seine Geschichte: Er ist Restaurateur in fünfter Generation. Der Betrieb besteht seit 1830, sein Großvater hat bei der Restaurierung des Stephansdoms und des Palais Lichtenstein nach den Weltkriegen mitgewirkt.

Als einer der Letzten seiner Art finden auch bekannte Namen zu ihm: Kellners Vater arbeitete für Peter Alexander; Kellner selbst kann einige berühmte Namen zu seinen Kunden zählen. Doch aus Bekanntheitsgraden macht sich der Wiener wenig.

Nur eine Begegnung hat ihn beeindruckt: „Als eines Tages der Nachkomme von Michael Thonet bei uns gestanden ist und seine Stühle neu geflochten haben wollte. Da traute ich meinen Ohren nicht.“ So gut beherrscht er sein Handwerk – sogar Thonet selbst nimmt Kellners Können in Anspruch.

Abseits von Zeit und Geld

Kellner wohnt mit Frau, Kindern, Hunden, Schafen und Hühnern in einem alten Gasthof nahe Gutenstein (Niederösterreich). Auf 1.000 Quadratmetern Wohnfläche vereint er Werkstätte, Lager, Ausstellungs-, Wohnraum und Gästezimmer. Das Erdgeschoß gehört ihm, der erste Stock ist das Reich seiner Frau Brigitta. Sie hat sich ebenfalls auf ein Handwerk spezialisiert: Die Tirolerin ist Lampenmacherin.

„Ich bin der einzige Gegenstand im Haus, der noch nicht zu einer Lampe umfunktioniert wurde“, merkt Gottfried Kellner an. Sogar aus seinem Kinderskihelm hat seine Frau eine Stehlampe gemacht. In der früheren Sauna das Hauses hat sie ihren Arbeitsraum untergebracht: Hier stehen Maschinen, die man in keiner Fabrik mehr findet. „Wir lieben unsere Arbeit. Reich werden tut man damit nicht. Aber dafür gehe ich jeden Tag gern in die Werkstätte“, schwärmt die Lampenmacherin.

Für den Stundenlohn, den sie sich auszahlt, würde wohl kein anderer die Arbeit machen.

Aber um Geld geht es hier genauso wenig wie um Bekanntheitsgrade. Werbung haben die beiden nicht nötig, die Kunden finden über Mundpropaganda zu ihnen: „Hier läuft die Zeit noch ein wenig langsamer“, scherzt Kellner.

2019 haben sie den Hof übernommen, knapp ein Jahr dauerte der Umzug mit 40 Tonnen Gepäck. Zuvor waren sie in Theresienfeld zu Hause, in Gutenstein genießen sie die Abgeschiedenheit: „Hier kann man alt werden.“ Die 20-jährige Tochter steht schon in den Startlöchern, würde den Betrieb gleich übernehmen. Doch von Pension ist noch lange keine Rede, Arbeit gibt es genug.

Ikea der Moderne

Corona hat dem handwerklich begabten Paar in die Hände gespielt: „Die Leute mussten sich mit ihren eigenen vier Wänden auseinandersetzen.“ Zudem liegt das Alte im Trend, genauso wie Nachhaltigkeit. Beides vereint der Restaurateur in sich: „Ein Thonetstuhl hält länger als jedes Ikea-Stück.“ Obwohl, der einfache Zusammenbau und die kompakte Verpackung der Möbelstücke ist beiden Firmen gemein.

Thonet gilt als Pionier der Möbelproduktion und des Möbeldesigns. Gegründet 1819 in Wien, begann mit dem sogenannten Wiener-Kaffeehaus-Stuhl (eigentlich Stuhl Nr. 14) 1859 der weltweite Erfolg der Firma.

Thonetstühle haben  eine Prägung an der Unterseite des Sitzrahmens: „GT“ steht für Gebrüder Thonet, ab 1919 wurde der einzelne Buchstabe „T“ verwendet. An der Prägung lässt sich demnach das Alter des Möbelstücks schätzen.

Das Bewusstsein für Möbelstücke aus der Zeit der Großeltern steigt, auch bei der jungen Generation. Und damit auch Kellners eigene Bekanntheit.

Damit wird er sich wohl abfinden müssen.

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