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Chronik Österreich
09/29/2019

Aussterbende Berufe: Die Letzten ihrer Art in Österreich

Während manche Lehrberufe wie jener des Konditors boomen, drohen andere traditionelle Berufe in Vergessenheit zu geraten. Womit auch jahrhundertealtes Wissen und Können verschwindet.

von Caroline Ferstl, Patrick Wammerl, Markus Foschum, Jürgen Zahrl

„Was willst du einmal werden?“ Kaum ein Kind würde heute diese Frage mit „Drechsler“ oder „Messerschleifer“ beantworten. Vor 60 Jahren hat das noch anders ausgesehen: Damals entschied sich etwa Friedrich Saik aus Wiener Neustadt Handschuhmacher zu werden. Heute ist er einer der Letzten seiner Art. Acht gibt es noch in Österreich.

Doch auch alltägliche Lehrberufe kämpfen ums Überleben: Während 2005 noch 620 Jugendliche eine Lehre zum Fleischer machten, waren es 2018 nur mehr halb so viele, nämlich 316. Auch Tischlern oder Optikern fehlt der Nachwuchs. Währenddessen wird etwa die Ausbildung zum Konditor immer beliebter: 2018 sind 450 Lehrlinge zu ihrer Lehrabschlussprüfung angetreten, über 80 Prozent haben diese auch bestanden. Der KURIER hat sich auf die Suche nach seltenen Berufen gemacht und die letzten Meister ihres Handwerkes in ihren Werkstätten besucht.

Der letzte Handschuhmacher Niederösterreichs

Friedrich Saik ist der letzte Handschuhmacher Niederösterreichs. Dessen ist er sich auch bewusst. Während andere in seinem Alter den Ruhestand genießen, lebt der 74-Jährige in seiner Werkstatt am Domplatz in Wiener Neustadt die alte Kunst der Handschuhmacherei.

Die Manufaktur wurde 1752 gegründet – unter der Regentschaft von Kaiserin Maria Theresia. Der Betrieb gilt als einer der ältesten Familienbetriebe der Stadt. Saik hat in den 1960er-Jahren in Wien das Handwerk der französischen Handschuhmacher gelernt. 1975 übernahm er den Familienbetrieb von seiner Mutter. Seine Gesellen- und Meisterstücke sind derzeit in der Schallaburg anlässlich der Ausstellung „Der Hände Werk“ zu bewundern.

Das Leder für seine Handschuhe, meistens ist es Lamm, aber auch Reh oder Ziege werden verarbeitet, bekommt er aus England und Italien. Bis zu 15 Produktionsschritte sind notwendig, um einen Handschuh herzustellen. Vor der Verarbeitung wird das Leder in ein feuchtes Tuch gehüllt und auf der Werkbank gedehnt. Für jede Handschuhgröße gibt es eine Schablone, nach der die Teile mit einer Eisenschere in Rückseiten, Unterseiten und Daumen grob zugeschnitten werden. Eine Stahlpresse sorgt anschließend für das präzise Ausstanzen – im Fachjargon heißt das „fentieren“. „Eine Zukunft hat mein Handwerk nicht“, sagt Saik selber. „Aber ich mache es, solange ich noch kann. Denn wenn ich es nicht mache, wer dann?“

Messerschleifer mit mobiler Schleifstation

„Hast a Schneid, hast a Freud“, lautet das Motto von August ,Gustl’ Hollnbuchner. Der gelernte Installateur und Gründer der Firma Holly Kaffeesysteme ist Hobby-Messerschleifer, seit seiner Pensionierung 2013 tourt er mit seiner mobilen Schleifstation durch Österreich. „Angefangen hat alles, als meine Nichte, die als Köchin tätig ist, gemeint hat, ich soll mal in ihrem Betrieb vorbeikommen und die Messer auf Vordermann bringen“, erzählt der 73-Jährige. Seit damals ist der gebürtige Oberösterreicher und Wahl-Tiroler regelmäßig auf Märkten zu finden und bietet seine Dienste an.

181 Messerschmiede und -schleifer gibt es laut Wirtschaftskammer in Österreich. Ob Küchen-, Jagd- oder Taschenmesser: Hollnbuchner setzt auf das Nassschleifen. Dabei dreht sich der Wetzstein im Wasser und kühlt so den Stahl, sodass sich dieser nicht überhitzt und die Klinge geschont wird. Auf scharfe Messer und Werkzeuge legten schon seine Eltern großen Wert: „Als Kinder haben wir immer die Kurbel des Wetzsteins drehen müssen. Mein Papa war ein begnadeter Handwerker. Wenn man das als junger Bub miterlebt, nimmt man das mit.“

Geht es nach dem 73-Jährigen, könnte er noch ewig weitermachen: „Gearbeitet hab’ ich immer gern. Sinnvolle Tätigkeiten sind der kurzweiligste Zeitvertreib, vor allem hält das gesund. Und solange es geht, werde ich das noch machen.“

Der letzte Buchbinder in Wiener Neustadt

Auch Josef Konrad Wladika ist so etwas wie ein Dinosaurier seines Berufsstandes. Als letzter von ursprünglich sieben Buchbindern in Wiener Neustadt hat er die Fahnen des Gewerbes jahrzehntelang hochgehalten. Am 23. Oktober wirft aber auch er zum allerletzten Mal die Prägepresse und die Perforierungsmaschine an. Trotz vieler Jahre in der Verlängerung lässt der mittlerweile 74-Jährige in seinem Laden in der Wiener Neustädter Innenstadt endgültig den Rollbalken nach unten. Drei Generationen lang hat die Familie Wladika die Tradition der Buchbinderei hochgehalten und im wahrsten Sinne des Wortes geprägt. Der Großvater, Josef Wladika, hatte seinen Beruf als Bahnbeamter aufgegeben und von 1887 bis 1890 die Lehre zum Buchbinder gemacht. 1901 gründete er den eigenen Familienbetrieb in der Brodtischgasse.

Heute fühlt man sich in dem kleinen Laden seines Enkels um Jahrzehnte zurückversetzt. Nach modernen und vollautomatischen Maschinen sucht man vergeblich. Josef Konrad Wladika arbeitete bis zuletzt mit der fast historischen Papp-Schere, einer Präge-Presse oder der Spindelpresse. „In den vergangenen 20 Jahren hat es eine rapide Entwicklung auf dem Markt gegeben. Heute werden Bücher in den großen Druckereien voll automatisiert in den Maschinen gebunden und geprägt. Früher haben wir das für die Druckereien übernommen“, berichtet Wladika. Früher hat man auf einer eigenen Prägemaschine 2.000 Kalender pro Saison hergestellt. „Heute präge ich keinen einzigen mehr. Jeder hat seine Termine auf dem Handy.“

Als vor 25 Jahren Österreichs erste Fachhochschule in Wiener Neustadt eröffnet wurde, profitierte die Buchbinderei massiv. Die Studenten sind Wladika quasi die Türe eingelaufen. „Jeder wollte 5 bis 6 fein gebundene Exemplare seiner Diplomarbeit. Heute ist das ganz anders. Es wird noch ein Exemplar bestellt, die restlichen Arbeiten werden auf CD gespeichert“. Dabei ist sich Wladika sicher, dass ein gebundenes Buch die Lebensdauer einer CD locker übersteigt. Ganz zu schweigen von dem Gefühl, ein geprägtes und eventuell in feinem Leder gebundenes Exemplar in Händen zu halten.

Wie ein Pecher in Niederösterreich picken geblieben ist

Richard Schreieck ist zwar gebürtiger Tiroler, in Hernstein (Bezirk Baden) im südlichen Niederösterreich ist er aber „picken“ geblieben. In der Region wird seit Jahrhunderten das Baumharz der hier heimischen Schwarzföhren gewonnen. Pecher gibt es heute nur mehr eine Handvoll und Schreieck ist der Letzte, der das Harz (oder Pech) weiter zu Naturprodukten verarbeitet. „Der Einzige in Mitteleuropa“, sagt er.

Früher war das Harz ein wichtiger Rohstoff, wurde zu Terpentinöl und Kolophonium verarbeitet, was etwa in der Lack-, Seifen- und Papierindustrie benötigt wurde. Dann kamen synthetische Ersatzstoffe, das letzte Harzwerk schloss 1978. Doch Schreieck hält die Tradition lebendig: „Ich arbeite nach überlieferten, uralten Rezepturen. So brauche ich für meine Produkte sowohl das erste Pech des Jahres, das sogenannte Mai-Pech, als auch das letzte Pech aus dem Herbst. Bei der Mischung spielen die Mondphasen eine Rolle, das sind jahrhundertealte Traditionen.“

So fertigt er etwa einen durchblutungsfördernden Kiefernbalsam, der bei Verspannungen, aber auch bei rissigen Händen helfen soll. Hernsteiner Terpentin ist bei Kunstmalern und Restaurateuren gefragt, Kolophonium wiederum macht Geigensaiten griffig, Saupech dient dem Enthaaren von geschlachteten Schweinen. Verkauft werden die Produkte nur im eigenen Pecherhof. „Ich kann es nicht erklären, es ist fast wie eine Sucht. Wer das Pech angegriffen und gerochen hat, der kommt einfach nicht mehr davon weg.“ Der knapp 70-Jährige will weitermachen: „Bis ich 95 bin“, sagt er lachend.

Kameraservice: Totgesagte leben länger

Wenn Helmut Redl über seine „Lieblinge“ mit den Namen Leica, Rollei oder Hasselblad spricht, kommt er ins Schwärmen. Die Rede ist von Fotokameras, analogen wohlgemerkt. Also solchen, in die man einen Film zum Bildermachen einlegen muss. „Wenn ich die alten mechanischen Kameras in die Hand nehme, ist das eine Freude. Und ich freue mich auch selbst, wenn die Apparate wieder perfekt funktionieren“, sagt Redl.

Er betreibt in der Bennogasse in Wien einen Kameraservice. Zwar auch für digitale, aber vor allem („zu 80 Prozent“) für klassische Fotoapparate. Damit ist er in Österreich fast alleine. Dabei ist sein Können gefragt, sehr sogar. „Jeder hat mir gesagt, das überlebe ich nicht, Digital frisst mich auf. Aber seit rund fünf Jahren gibt es einen richtigen Boom, viele Junge sind ganz narrisch auf die analogen Kameras.“

Ältere Fotofreunde, die weiter mit ihren alten Schätzen fotografieren sowie Sammler zählen weiters zu seinen (Stamm-)Kunden. In der Werkstatt sind zahllose kleine Schubladen mit unzähligen Schrauben, Zahnrädern und anderen Ersatzteilen gefüllt. „Ich mache mir da keine Sorgen, ich könnte 20 Jahre weitermachen“, sagt Redl. Er werkt zwar schon 38 Jahre am Standort, aber hat nicht vor, aufzuhören. „Das macht einfach zu viel Spaß.“

Teppichstickerei mit 100 Jahre alten Nähmaschinen

Die Letzten ihrer Zunft sind Rudolf und Birgit Friedrich aus Groß Siegharts, Bezirk Waidhofen an der Thaya, im Waldviertel. Sie stellen in liebevoller Handarbeit und alter Tradition gestickte Teppiche her. Dafür verwenden sie nach wie vor jene Nähmaschinen, mit denen ihre Vorfahren vor fast 100 Jahren gearbeitet haben.

Birgit spannt eine Spindel mit Wolle in die Maschine, fädelt das Ende durch eine Öse und folgt mit dem Stickkopf einem aufgedruckten Muster, das sie zuvor auf das Grundgewebe aufgezeichnet hat. „Meistens kommen die Kunden mit einem Entwurf zu uns. Aber sie können auch aus unserer Kollektion auswählen“, sagt Rudolf. Pro Quadratmeter sind 170.000 Noppen, wie die Wollfäden in der Fachsprache heißen, notwendig, damit ein strapazierfähiger Teppich entsteht. Jährlich verlassen bis zu 30 Stück das Werk. In Zukunft soll Sohn Thomas die Tradition weiterführen.