Die einstige Burg Schallenberg ist heute ein Steinhaufen

© Hanisch Bernhard

Reportage
10/17/2021

Wo die Schallenberger einst daheim waren

Die Spuren der Vorfahren von Kanzler Alexander Schallenberg sind in Kleinzell im Mühlkreis zu sehen - und zu hören, wenn die Menschen dort darüber sprechen.

von Bernhard Hanisch

Hätten diese Borkenkäfer nicht ihr zerstörerisches Werk begonnen, wäre das Nachbarschaftsverhältnis wohl in Kontaktarmut dahingedümpelt. "Vor ein paar Jahren hab’ ich mit dem Vater vom Schallenberg telefoniert, weil er wissen wollte, was er denn jetzt tun soll", sagt Herwig Stadler. Zuhörer, die nach dieser Erzählung in Ehrfurcht erstarren, erwartet er nicht, rüde Mühlviertler Windstöße erledigen das.

Der Landwirt, dessen Hof am "Edhügel" im Gemeindegebiet von Kleinzell gelegen ist, hat mehr zu bieten. "Immer g’rod obi", weist der Stadler den Weg in seinen Wald. Dieser führt zu einem Ort, den manch Einheimischer bis vor Kurzem mit liebevoller Lockerheit noch den "Stoahauf’n" nannte. Ob sich sonst jemand dafür interessierte? "Vor einiger Zeit war öfters ein Typ mit einem Metalldetektor da. Hat halt g’laubt, er findet was."

Vielleicht wird sich in nächster Zeit die Anzahl der Neugierigen vermehren, der selbst ernannten Ahnenforscher, die sich auf die gräflichen Spuren von Alexander Schallenberg begeben. Jenem Mann, der über Nacht Österreichs Bundeskanzler geworden ist.    

Dort unten, wo die Große Mühl eine Schlinge zieht, ihr Rauschen schon zu hören ist, wird man fündig. Die Burgruine Schallenberg. Oder besser gesagt das, was im jahrhundertelangen Kräftemessen mit der Natur davon übrig geblieben ist. Mehrere Löcher im Boden zeugen vom Ehrgeiz des Hobbyarchäologen. Der Anblick reicht  für einen Anflug mystischer Gedanken. Aufmüpfiges Grün mischt sich in eine steinerne Mauer – unabsichtlich passiert der politische Vergleich.

1982 hat der jetzt 91-jährige Wolfgang Schallenberg, Vater des Kanzlers, das 953 Quadratmeter große Areal seiner Vorfahren wieder erworben. Einst zur Kontrolle der Schifffahrt errichtet, wurde die Burg am Anfang des 13. Jahrhunderts erbaut, 1663 von den Hussiten zerstört. Dauerhaft besiegelt war damit das ruinöse Schicksal, aber verewigt im Kleinzeller Gemeindewappen: Eine Steinmauer, darüber auf grünem Grund der in Gold gehaltene Schallenberger Löwe.

Zur Mittagszeit im Gasthaus Scharinger unangemeldet einen Tisch zu bekommen, ist frommer Wunsch. Das Haus erfreut sich trotz überschaubarer Ortsgröße (473 Einwohner) besonderer Beliebtheit. Josef Scharinger, der Wirt, der dem Landstrich entsprechend "Sepp" zu heißen hat, kennt keine Berührungsängste. Freundlich, bemüht und offen gibt sich sein Personal.

Also, was ist jetzt mit dem Schallenberg? "Natürlich war das in den letzten Tagen ein großes Thema. Er hat hier die volle Unterstützung. Na ja, zum Teil. Es gibt auch ein paar Rote und Blaue." Seit September verteilen sich die Sitze im  Kleinzeller Gemeinderat wie folgt: ÖVP 12, SPÖ 5, FPÖ 2.     

Graf, Fürst, oder sonst ein adeliger Titel spielt hier nur untergeordnete Rolle, "ist jedenfalls net schlecht", so als Werbung für den Ort. Man müsse sich aber – und da lässt sich der Sepp grinsend zu einer geografischen wie historischen Ungenauigkeit hinreißen –  einmal vorstellen: "Ein Kleinzeller als Bundeskanzler."

Klaus Falkinger kennt sich mit Dynastien aus. Schließlich waren vor ihm sein Großvater und sein Vater einmal VP-Bürgermeister von Kleinzell. "Ja, es macht stolz, dass der Schallenberg jetzt Kanzler geworden ist. Er wird, glaub’ ich, einen g’scheiten Job machen", sagt Falkinger und verheimlicht nicht, Alexander Schallenberg  einen Glückwunschbrief geschickt zu haben. Die Einladung im Anhang. Eine mit lautem Trara? "Nein. Er könnte zum Beispiel ein Referat bei uns halten." Auch  das internationale Interesse ist erwacht. "Das ZDF hat sich bei mir wegen einer Reportage in Kleinzell erkundigt."         

Widerspruchslos der Linie seiner Partei zu folgen, liegt dem Bürgermeister nicht. Hart kritisiert er die jüngst aufgetauchten Chats. Was er über den Ex-Kanzler denkt? "Kurz hat gute Politik gemacht, aber dieser Rechtsruck in der Flüchtlingspolitik taugt mir nicht."

Im Vorwärtsgang in die Vergangenheit. Über Neufelden schlängelt sich die Straße nach St. Ulrich. Dort soll der Stammsitz der Schallenberger gewesen sein. Doch die Geschichte wiederholt sich – im 15. Jahrhundert kamen die Hussiten. Geblieben ist das Wirtshaus "St. Ura", welches laut Zettel an der Eingangstür seit Ende August geschlossen ist. Was in St. Ulrich begonnen hat, fand für einige Schallenberger im nahen Niederwaldkirchen ein Ende. Grabplatten an den Kirchenwänden zeugen davon. Welcher Schallenberger zuletzt hier beigesetzt wurde? "Keine Ahnung, das ist doch Jahrhunderte her." Der Pfarrer ist zu kurz im Amt, um Genaueres zu wissen und er hat gerade keine Zeit, weil er zu einem Begräbnis muss.

Die Rundfahrt endet wieder in Kleinzell. Ein Hauch von Aufregung beim Scharinger. "Stellt’s euch vor, jetzt hat ein Paar gefragt, wo man denn die Ruine findet. Des hat’s noch nie gegeben." Der Sepp nickt. Und grinst.

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