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Chronik Österreich
03/06/2021

Was uns die Corona-Daten wirklich sagen

Die britische Variante lässt die Infektionszahlen steigen. Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen.

von Kevin Kada, Richard Grasl, Ernst Mauritz, Johannes Weichhart

88 Prozent im Burgenland, 79 in Salzburg und 72 Prozent in Wien: So hoch ist bereits der Anteil jener Infizierten, die mit der Mutation N501Y – vorwiegend auf die britischen Virusvariante B. 1.1.7 zurückzuführen – positiv getestet werden.  

Das zeigt der jüngste AGES-Bericht. In allen Bundesländern liegt der Anteil der britischen Variante bereits über 50 Prozent – Ausnahme: Vorarlberg mit 30 Prozent. Der  Anstieg der Infektionen wird von ihr angetrieben  und immer mehr Daten weisen daraufhin, dass sie nicht nur infektiöser, sondern auch krankmachender ist und schwere Verläufe häufiger sind.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen: „Die gefährdete Gruppe der älteren Menschen scheint schon durch den Impfschutz zu profitieren, die Patienten aus den Alters- und Pflegeheimen werden deutlich weniger“, sagt der Wiener Intensivmediziner Christian Sitzwohl.

Trotzdem steigt derzeit  die Belastung des Gesundheitssystems.

In Wien sind die Covid-Intensivstationen nahezu ausgelastet, zusätzliche Betten müssen als Covid-Betten gewidmet werden (zulasten der Non-Covid-Betten). In Niederösterreich ist die Auslastung  noch niedriger.

Die österreichweite Gesamtzahl der Covid-19-Intensivpatienten könnte  bis 17. 3. auf  420 (Freitag: 302) steigen. Die hohe Testrate  hilft aber, die Dunkelziffer der Infizierten zu senken. 

Inzidenzen: Wie vor dem 3. Lockdown

Am 26. Dezember startete der dritte Lockdown. Zu diesem Zeitpunkt hat noch niemand bereits wieder über etwaige Öffnungsschritte gesprochen. An eine Lockerung der Beschränkungen für die Gastronomie oder eine Öffnung der Schulen war über mehrere Wochen hinweg nicht zu denken. Am Beginn des dritten Lockdowns gab es in Österreich eine 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner von 149,14.  

Mit Stand Freitag lag die Inzidenz bei 173,62.  Einen ähnlichen Wert hatten wir zuletzt am 21. Dezember. Tatsächlich wird aber gerade darüber diskutiert, wie man weitere Lockerungsschritte ermöglichen kann. Rein von diesem Wert her muss man eigentlich eher über einen neuen, vierten Lockdown nachdenken. 

Wohl der größte Unterschied im Vergleich ist aber, dass zum einen die Zahl der Testungen wesentlich höher ist, aber auch die Impfung bereits voranschreitet. Damit lassen sich höhere Inzidenzen besser verkraften, weil die vulnerablen Gruppen der über 85-Jährigen deutlich seltener an dem  Coronavirus versterben, als noch vor einigen Wochen. 

Positivrate: Dunkelziffer begrenzen

53.000 PCR-Tests gab es von Donnerstag auf Freitag. Ein Top-Ten-Wert wenn man sich die Testzahlen seit Beginn der Pandemie ansieht. Der Rekord liegt bei über 60.000 PCR-Tests am Tag. Erreicht wurde dieser Wert erst im Februar.

Die Positivrate, also der Anteil an positiven Tests an der Zahl der Gesamttestungen, lag dabei bei etwa fünf Prozent. Warum das gut ist? Weil das im Umkehrschluss bedeutet, dass die Teststrategie funktioniert. Obwohl man 50.000 PCR-Tests pro Tag macht, sind nur fünf Prozent positiv.  

Zum Vergleich: Im Dezember hatten wir in Österreich knapp 20.000 Tests pro Tag. Die Positivrate lag zwischen 12 und 18 Prozent. Es zeigt sich, dass die hohen Testzahlen, mit denen Österreich weltweit zu den Top-Nationen gehört, zumindest dabei hilft, die Dunkelziffer jener Personen, die tatsächlich infiziert sind, aber keine Symptome haben, einzugrenzen. Und das hilft auch, dass sich das Virus weniger schnell verbreitet. Die Basis dessen sind natürlich die Antigen-Tests in den Teststraßen. Denn sie geben einen ersten Verdacht, der via PCR-Test nachkontrolliert wird.

Neuinfektionen: Corona wird jünger

Die Ansteckungen von jüngeren Menschen haben in den vergangenen Wochen stark zugenommen. Derzeit sind schon 22 Prozent aller Neuinfizierten unter 19 Jahre alt. Zum Jahreswechsel waren nur 11 Prozent der Infektionen in dieser Altersklasse. In absoluten Zahlen heißt das: Rund um Silvester infizierten sich täglich rund 200 Kinder und Jugendliche, derzeit sind es rund 500 pro Tag.

Zum Glück verlaufen die Fälle zum überwiegenden Teil ohne Symptome. „Bis jetzt fällt uns keine Zunahme an Aufnahmen in den Kinderabteilungen wegen schwerer Covid-19-Verläufe auf“, sagt der Kinderinfektiologe Volker Strenger, MedUni Graz. Allerdings rechnet er mit einer weiteren Zunahme der Infektionen bei Kindern, wenn ein Großteil der Erwachsenen geimpft ist.

Auch die Schulöffnung und die auch für Junge infektiösere britische Virusvariante könnten Gründe für den Anstieg sein. Anders ist die Zahl bei den  über 65-Jährigen: Waren zu Jahresbeginn 20 Prozent der Infizierten im Pensionsalter, so sind es jetzt nur noch genau halb so viele. Hier könnte schon ein erster positiver Effekt der Impfungen zu sehen sein.

Impfungen: Nicht nur für Ältere

Hätten Sie gedacht, dass derzeit fast so viele unter 45-Jährige geimpft sind wie über 85-Jährige? Diese etwas überraschende Erkenntnis zeigt die Altersverteilung der bis dato rund 723.000 Impfungen. Grund ist, dass natürlich auch viele Ärztinnen und  Pfleger schon geimpft wurden.

Vor allem in Niederösterreich waren schon viele junge Menschen dran. Noch im März soll ja insgesamt rund eine Million weitere Dosen verimpft werden. Daran erkennt man, dass alleine in den nächsten Wochen deutliche mehr Menschen ihre erste Impfung bekommen als in den vergangenen beiden Monaten zusammen.

Große Unterschiede gibt es auch im Bundesländervergleich. Laut AGES sind in Wien nur 4,6 Prozent der Bevölkerung geimpft. Damit ist die Bundeshauptstadt Schlusslicht. Kärnten und Vorarlberg führen die Statistik mit 6,5 Prozent an. Das sieht auf dem ersten Blick nicht nach großer Differenz aus, prozentuell betrachtet  heißt das jedoch, dass im Westen und Süden 40 Prozent mehr Menschen geimpft wurden als in Wien. Gut unterwegs sind auch das Burgenland und Niederösterreich.

Intensivpatienten: Mehr schwere Verläufe

In den ersten beiden Pandemie-Wellen lagen 80 bis 85 Prozent der Corona-Spitalspatienten auf Normalstationen, 15 bis 20 Prozent auf Intensivstationen. „Jetzt sind 65 Prozent auf einer Normal- und 35 Prozent auf einer Intensiv- bzw. Intermediate-Care-Station“, sagt Christian Sitzwohl, Leiter der Intensivmedizin im St.-Josef-Krankenhaus in Wien (ein Covid-freies Spital) und einer der Gründer des „Wiener Intensivnetzwerks“, das sich um eine spitalsübergreifende Koordination bemüht.

„Das kann ein Hinweis sein, dass die britische Variante zu schwerwiegenderen Verläufen führt. Oder die Patienten kommen später ins Spital, weil sie sich nicht mehr hertrauen.“ Die Betroffenen sind auch durchwegs jünger als in den ersten beiden Wellen, „auch einige in ihren 20er- und 30er- Jahren".

Das hat zwei Gründe: "Viele Ältere sind bereits geschützt, und Jüngere scheinen sich zunehmend weniger an die Regeln zu halten.“ Bei der Auslastung gibt es laut AGES ein deutliches Ost-West-Gefälle. In Vorarlberg sind nur rund  6 Prozent, im Burgenland fast 60 Prozent aller Intensivbetten belegt. Sitzwohl zur Situation in Wien: „Wir sind knapp davor, dass planbare Eingriffe wieder verschoben werden müssen.“ 

Sterblichkeit: Die Impfung zeigt Wirkung

Die erfreuliche Nachricht ist der starke Rückgang der Todesfälle innerhalb der letzten drei Monate: Von Anfang Februar bis zum 3. März (das sind 31 Tage) sind 493 Menschen verstorben. In den 31 Jännertagen waren 941 Tote zu beklagen, im Dezember sogar 2.069. Jedes Monat ist die Zahl der Corona-Verstorbenen somit um jeweils rund 50 Prozent gesunken.

Wenig Änderung hat es hingegen in der Altersverteilung der Toten gegeben. 78 Prozent aller Verstorbenen waren in diesen drei Monaten über 85 Jahre alt. Der Anteil der Verstorbenen in der Altersklasse der 65-84-Jährigen ging ganz leicht von 21,2 auf 19,3 Prozent zurück. Nur zwei Prozent der Corona-Toten sind zwischen 45 und 64 Jahre.

Und wer jünger als 45 ist, gehört zu den unteren 0,5 Prozent  an Corona-Verstorbenen.
In absoluten Zahlen zeigt sich für die Jüngeren folgendes Bild: Nur zwei  Menschen unter 25 Jahren verstarben in den letzten drei Monaten an Corona, nur vier waren es in der Gruppe der 25-44-Jährigen. Zwischen 65 und 84 verstarben 764 Menschen, bei den Über-85-Jährigen waren es  2.732.   

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