Tschetschenen in Österreich: Die missglückte Integration

DEMONSTRATION: TSCHETSCHENEN VOR US-BOTSCHAFT IN W
Foto: APA/HANS PUNZ Bild in der Öffentlichkeit: Verschleierte Frauen, radikaler Glaube.

30.000 Tschetschenen leben seit fast zwei Jahrzehnten abgeschottet in Österreich. Die russische Minderheit gilt als gewaltbereit und frauenfeindlich. Nur wenige haben sich integriert.


Ein Streit eskaliert, mehrere Schüsse fallen, einer davon verletzt einen 37-jährigen Tschetschenen schwer am rechten Knie. Der Täter, vermutlich ebenfalls ein Tschetschene, ist auf der Flucht. Es sind Verbrechen wie diese, die Menschen tschetschenischer Herkunft in Misskredit bringen: Sie werden als gewaltbereit, nationalistisch und frauenfeindlich angesehen. Nur eine Minderheit gilt als integriert.

Der oben beschriebene Vorfall ereignete sich Samstagnachmittag in Wien-Meidling. Die Hintergründe sind noch unklar: "Definitiv wissen wir, dass drei Mal geschossen wurde", sagt ein Polizeisprecher. Der 37-Jährige, der derzeit im Krankenhaus liegt, konnte zwar schon befragt werden, beschränke sich aber auf "wenig aufschlussreiche Angaben" über Angreifer und Motiv. Allerdings gaben die Kinder des Verletzten in einer ersten Befragung an, dass der Täter und ihr Vater tschetschenisch gesprochen hätten und einander offenbar kennen.

> > Kommentar: Bei den Tschetschenen hat die Integrationspolitik versagt

Inoffiziell hört man, dass die Familie – sechs Kinder, die schwangere 32-jährige Ehefrau und der 37-jährige Vater – strenggläubige Muslime seien. Offiziell heißt es vonseiten der Polizei, es könnte ein politisches oder religiöses Motiv für die Tat geben, aber auch eine Familienfehde oder ein Streit um Geld seien nicht auszuschließen.

Immer wieder sorgen Berichte über Gewalttaten von Tschetschenen für Beunruhigung. Im März etwa waren tschetschenische Jugendliche in eine Massenschlägerei mit Afghanen am Wiener Handelskai verwickelt.

"Sittenwächter"

Für Aufsehen sorgte auch eine Auseinandersetzung Ende Februar in der Wiener Millennium City, im Zuge derer selbst ernannte tschetschenische "Sittenwächter" einen 41-jährigen Familienvater verprügelt haben sollen.

"Wenn sie junge Tschetschenen sehen, wechseln Wiener die Straßenseite", sagt daher auch ein führender Polizist Wiens. Doch was sagt die Statistik? Wie viele Tschetschenen in Österreich tatsächlich Straftaten begehen, lässt sich mithilfe der Kriminalitätsstatistik des Innenministeriums nicht exakt klären. Denn dort werden Tschetschenen als Bürger der Russischen Föderation ausgewiesen.

Nur ein Parameter gibt einen Hinweis: Im Jahr 2015 gab es 3008 Anzeigen gegen Personen aus der Russischen Föderation. 1226 dieser Anzeigen richteten sich gegen Asylwerber. Bei russischen Asylwerbern wiederum handelt es sich fast ausschließlich um Tschetschenen.

Ein Problemfeld ist die organisierte Kriminalität: Laut dem Sicherheitsbericht 2015 sind in Österreich neben Tätergruppen vom Balkan oder aus der Türkei auch Gruppen aus Georgien, Moldau und der Russischen Föderation – und hier insbesondere aus Tschetschenien – aktiv. Die Täter begehen etwa Einbrüche, gewerbsmäßigen Diebstahl, Schutzgelderpressungen und Suchtmittelhandel. Tschetschenische Gruppen werden laut dem Bericht in diesem Bereich zudem auch in Zukunft die größte Herausforderung für die Strafverfolgungsbehörden darstellen, da sich ihre kriminellen Strukturen in Österreich immer stärker verfestigen.

Die andere Seite

Und doch gibt es auch jene, die gut integriert hier leben und unter den Vorurteilen gegenüber Tschetschenen leiden., etwa Mansur und Tansila V.: Die beiden sitzen im Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt. Der 23-jährige Mansur hat bei Ute Bock gearbeitet und studiert jetzt Jus. Seine 19-jährige Schwester Tansila, ist zwar praktizierende Muslimin, trägt aber kein Kopftuch. Sie war Klassenbeste und will Notärztin werden, gerade hat sie mit dem Medizinstudium begonnen.

Geschwister Mansur und Tansila Foto: KURIER/Gilbert Novy Leiden unter den Vorurteilen: Mansur und Tansila V. "Wenn ich die Leute raten lasse, woher ich komme, tippen sie meistens auf Italien oder Deutschland", sagt Tansila und lacht. Hören sie, dass sie Tschetschenin ist, können das viele nicht glauben. Zu viel hat man über Gewalttätigkeiten der Bevölkerungsgruppe gehört. "Wer sind denn die Tschetschenen?", fragt Tansila. "Was Einzelne tun, kann man doch nicht einer ethnischen Gruppe anlasten." Erklärungsbedarf haben die Geschwister trotzdem. Jedes Mal, wenn ihre Landsleute in den Schlagzeilen sind. "Das ist eine unangenehme Situation", sagt Tansila. "Dann rechtfertige ich mich – obwohl ich das ja eigentlich nicht muss."

Tschetschene zu sein, das bedeutet, täglich mit Vorurteilen konfrontiert zu werden, sagt Mansur. "Ich war mit Freunden zu Fuß auf der Quellenstraße unterwegs. Ein Zivilwagen der Polizei hat angehalten, ein Beamter hat uns gefragt: ‚Na Burschen, was hamma heute gemacht? Einen Ladendiebstahl?‘"

Auch mit ihrer Klasse einfach nach London zu fahren, war für Tansila eine Herausforderung. Sie musste als Teenager zu Botschaft und Fremdenpolizei pilgern um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen. "Da musst du schon sehr jung selbstständig werden. Und wenn andere 100 Prozent geben, musst du 200 Prozent geben. "

Von Tschetschenien hat Tansila nicht viel in Erinnerung. "Außer Krieg." Heute ist ihre Heimat in Wien. Ihre Freunde kommen aus Österreich, Afghanistan, sogar Russen sind darunter. "In Wahrheit sind wir stinknormal", sagt sie.

Sicherheit

Wiener Polizei holt Problemgruppen ins Präsidium

Konflikte unter Minderheiten belasten das subjektive Sicherheitsgefühl in der Stadt.

"Es dürfte sich um eine Beziehungstat gehandelt haben. Die Einvernahme gestaltet sich aber schwierig", hieß es am Sonntag zu einem blutigen Zwischenfall unter Tschetschenen. Wie berichtet, soll am Samstag ein Mann in einem Stiegenhaus in Meidling einen sechsfachen Familienvater nach einer Auseinandersetzung mit zumindest drei Schüssen niedergestreckt haben. Das Opfer wurde schwer verletzt. Bei der Einvernahme wollte er zunächst keine Angaben zu den Hintergründen machen.

Karl Mahrer Foto: KURIER/Jeff Mangione Karl Mahrer "Konflikte unter Tschetschenen sind keine Seltenheit", sagt Vizepräsident Karl Mahrer von der Wiener Polizei. Das Problem der Exekutive dabei ist, dass die Tschetschenen weniger mit den durchschnittlichen Wienern in Konflikt stünden, aber die internen Rivalitäten das subjektive Sicherheitsgefühl in der Stadt erheblich belasten. Auch gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Tschetschenen und Afghanen hatten "für ein ungutes Gefühl" unter den Wienern gesorgt, berichtet Mahrer.

Grätzelpolizisten

Um die Lage zu verbessern, hat die Polizei zuletzt Grätzelpolizisten installiert. Ziel ist, in Gegenden, in denen sich Wiener nicht mehr sicher fühlen, einzugreifen. Mahrer: "Wenn wir Meldungen erhalten, dass sich die Leute ab 17 Uhr nicht mehr in bestimmte Parks trauen, weil den eine große Gruppe junger Männer besetzt hat, gehen wir dort natürlich hinein. So etwas darf es nicht geben."

Die nächste Initiative startet Polizeipräsident Gerhard Pürstl. Am 12. Dezember hat er die Jugendvertreter von Tschetschenen, Afghanen, Nigerianern und weiterer Problemgruppen ins Polizeipräsidium geladen. "Bei dem ,Round Table‘ wollen wir Berührungsängste abbauen und sagen, dass es bei Problemen auch Ansprechpartner gibt." Trotzdem sieht Mahrer die Politik gefordert. Menschen, die "gewaltkonditioniert aufgewachsen sind, die unsere Werte nicht kennen, da braucht es viel massivere Integrationsinitiativen. Wenn das nicht funktioniert, muss es zu einer konsequenteren Rückführungspolitik kommen."

Hintergrund

Ein Volk gegen den Rest der Welt

Die Lebensrealität von Tschetschenen in Österreich erklärt sich auch durch ihre lange Geschichte von Krieg und Vertreibung.

Die tschetschenische Gemeinde in Österreich hat mit ihrem Ruf zu kämpfen. Spätestens, seit auf Facebook ein Video auftauchte, in dem eine 15-Jährige von mehreren anderen Jugendlichen verprügelt wird – darunter mindestens ein junger Tschetschene. Davor machte eine Massenschlägerei zwischen Tschetschenen und Afghanen Schlagzeilen. Von den 260 Personen in Österreich, die unter Dschihadismus-Verdacht stehen, haben laut Verfassungsschutz rund die Hälfte tschetschenischen Hintergrund. Die Liste lässt sich fortführen. Sind Tschetschenen also schwerer zu integrieren als andere Gruppen?

Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter Universi… Foto: Privat Thomas Schmidinger "Jede Community hat einen Rucksack, aber bei den Tschetschenen ist er besonders groß", sagt Politologe Thomas Schmidinger, Herausgeber des Sammelbands "Dem Krieg entkommen?" über Tschetschenen in Österreich aus dem Jahr 2008 (Verein Alltag Verlag). Traumatisierung sei unter Flüchtlingen kein Alleinstellungsmerkmal. "Aber bei den tschetschenischen Jugendlichen sind fast alle traumatisiert", sagt Schmidinger. Und nicht nur die Kriegserfahrung der Jungen, auch die tschetschenische Geschichte der vergangen Jahrhunderte liefert mögliche Erklärungen für die aktuellen Schwierigkeiten.

Seit mehr als 200 Jahren stehen die Tschetschenen im Konflikt mit dem übermächtigen Nachbarn Russland. Höhepunkt war der Genozid unter Stalin im Jahr 1944, als mehr oder weniger das gesamte tschetschenische Volk, rund 400.000 Menschen, in Viehwaggons nach Kasachstan deportiert wurden. Wie viele Menschen genau ums Lebens kamen, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Die Schätzungen gehen bis zu 25 Prozent.

Erst unter Chruschtschow, zwölf Jahre später, durften die Tschetschenen in die Heimat zurückkehren – darunter die Großeltern der heutigen Jugend. Sie fanden ihre Dörfer verlassen oder von russischen Siedlern bewohnt vor.

Latar Do für Migranten Foto: KURIER/Jeff Mangione "Da hat sich die Notwendigkeit der Wehrhaftigkeit zu einem gewissen Grad eingeschrieben. Im Männlichkeitsbild und im kulturellen Selbstverständnis, dass die Welt gegen die Tschetschenen ist und man sich dagegen wehren muss", sagt Schmidinger. Auch im unpolitischen Bereich ist das zu sehen: dass Kampfsport der Volkssport ist, zum Beispiel."

Dass die Tschetschenen eine der höchsten Geburtenraten in der Sowjetunion hatten, sei wiederum darauf zurückzuführen, dass die Tschetschenen zahlenmäßig "aufholen" mussten.

Die Tschetschenien-Kriege der Neunziger und ihre Folgen führten schließlich zur Fluchtbewegung nach Europa. Österreich beherbergt mit rund 30.000 Personen eine der größten tschetschenischen Gemeinschaften in Europa.

Die tschetschenische Community ist aber alles andere als der eng vernetzte, einheitliche Block, als die sie gerne dargestellt wird. Politisch ist sie in mehrere Strömungen aufgesplittert. Neben den alten nationalistischen Strömungen gibt es die Anhänger des aktuellen Moskau-treuen Machthabers Ramsan Kadyrow sowie des national-dschihadistischen Kaukasus-Emirats.

Thomas Schmidinger gibt aber zu bedenken, dass über die hiesige tschetschenische Gemeinde relativ wenig bekannt ist. "Es gibt in Österreich einige wenige Privatinitiativen, die sich mit Tschetschenen auseinandersetzen, aber kaum Community-Work", sagt er. "Das Problem ist auch, dass es keinerlei organisierte Sammlung von Wissen und Weitergabe von Wissen über die Community gibt. Deshalb ist es schwierig, gezielte Maßnahmen zu setzen, die die Situation verbessern könnten."

(Moritz Gottsauner-Wolf)

(kurier) Erstellt am