Chronik | Österreich
12.07.2018

Touristensteuer: "Die Wachau darf nicht so wie Venedig werden"

Millionen Gäste besuchen Jahr für Jahr das mittelalterliche Städtchen Dürnstein. © Bild: Weisbier Gilbert

Segen und Fluch sind die Touristenmassen, die die schönsten Plätze stürmen. Nun sucht man Mechanismen gegen Auswüchse.

"Für die Einheimischen ist das keine Lebensqualität mehr. Die Wachau darf nicht so wie Venedig werden. Ich war dort, das ist überhaupt nicht mehr auszuhalten“, sagt Hermine Wagner. Die Bewohnerin von Dürnstein in der Wachau teilt ihr Schicksal mit dem von Bürgern vieler europäischer Städte, die von Massentourismus überrannt werden. Die Versuche, die Touristenströme zu kanalisieren, nehmen international zu. Auch in Österreich bemüht man sich nun um Lösungen. Ob Wiener Innenstadt, Salzburger Getreidegasse, Hallstatt im Salzkammergut oder Dürnstein in der Wachau – den Bürgern reicht es, die Gemeinden stöhnen unter dem Aufwand etwa der Müllentsorgung.

In der Wachau wird derzeit die Einführung einer Art „Welterbe-Abgabe“ vorbereitet. Auch hier sind es unzählige Gruppen von Busreisenden und Kabinenschiffs-Passagieren, die die Gassen des winzigen Städtchens Dürnstein verstopfen. Die 200 Einwohner können ihre Häuser kaum mehr erreichen, werden angepöbelt, wenn sie sich durchdrängen wollen.

„Ich verdiene an Touristen, aber ich wohne auch hier. Eine Abgabe könnte wenigstens den Gemeinden ihre Arbeit erleichtern“, erklärt Cathrin Steindl, die einen Souvenirladen in Dürnstein betreibt. „Was nützt eine Abgabe, die Leute kommen ja trotzdem“, sagt Andreas Stöger. Blockabfertigung bei Gruppen mit Fremdenführern wäre eine weitere Idee.

Bevor es Schnellschüsse gibt, fordert Thomas Hagmann, Bezirksobmann der Wirtschaftskammer Krems, einen professionellen Zugang, um anhand von beginnenden „Best-Practice“-Beispielen wie etwa Hallstatt das Thema aufzuarbeiten. Denn „ist einmal der Ruf ruiniert, dauert es sicher 20 Jahre, bis das Image wieder positiv ist.“ Statt Sondersteuer oder Einzelgebühr für Touristen schlägt er eine Förderung aus Steuertöpfen vor: „Die Landwirte bekommen auch für den Erhalt unserer Landschaft Zuschüsse. Der Denkmalschutz in Innenstädten braucht mehr Geld.“

Tourismusströme

Rund 3,8 Millionen Eintritte pro Jahr zählt das Wiener Schloss Schönbrunn. © Bild: Kurier/Gerhard Deutsch

Eine sogenannte Entzerrung der Touristenströme statt Abgaben ist die Strategie Wiens, das 18 Millionen Nächtigungen bis 2020 anstrebt. Damit sich Besucher und Einheimische nicht in die Quere kommen, will man Touristen verstärkt für Sehenswürdigkeiten jenseits ausgetretener Pfade begeistern. Journalisten zeigt man den Kahlenberg oder den Prater. Eine mobile Touristeninformation schlägt Besuchern Ziele außerhalb der Stadt vor. Gäste, die das erste Mal in Wien sind, werden sich aber von großen Highlights nicht abbringen lassen. Mit 3,8 Millionen Eintritten im Jahr ist das Schloss Schönbrunn aktuell die beliebteste Sehenswürdigkeit. Hier steuert man mit Besucherstromanalysen die bis zu 10.000 Menschen, die sich zu Spitzenzeiten gleichzeitig im Schloss-Areal befinden.

Die Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung, Michaela Reitterer, meint zu Eintrittsgebühren für Städte: „Die Gäste, die in der Wachau im Hotel sind, haben schon Kurtaxe gezahlt. Die einzige Möglichkeit ist, von den Touristen am Schiff Eintritt zu verlangen. Prinzipiell bin ich ein großer Fan davon, die Stadtkerne zu entlasten. Aber leider geht bei vielen Projekten dazu – wie bei der Seilbahn auf den Leopoldsberg in Wien – nichts weiter.“

Konzeptsuche

Ähnliche Sorgen wie die Wachau plagen Hallstatt: Die kleine Gemeinde im Salzkammergut kämpft seit Jahren mit einem Touristenansturm. 2017 wurden im Ort mit nicht einmal 800 Einwohnern mehr als 16.000 Reisebusse gezählt. Heuer dürften es noch einmal deutlich mehr werden.

Nach einer Bürgerversammlung habe sich eine Arbeitsgruppe konstituiert, die ein Verkehrskonzept entwickeln soll, sagt Bürgermeister Alexander Scheutz (SPÖ). Wie Verkehrs- und Touristenströme künftig geregelt werden, ist für Scheutz offen, fest stehe nur: „Herauskommen muss eine Reduktion. Ansonsten sind wir gescheitert.“

„Ein heikles Thema in Hallstatt ist, dass man nicht zum Museum werden will mit Drehkreuzen an den Eingängen“, sagt Tourismus-Berater Werner Taurer, der Teil der Arbeitsgruppe ist. Er nennt als mögliche Maßnahme ein Online-Buchungssystem für Reisebusse, wie es in der Stadt Salzburg seit 1. Juni gilt.

Dort will man dem wachsenden Reisebus-Ansturm einen Riegel vorschieben. Schätzungen gingen im Vorjahr von rund 50.000 Bussen aus. Bürgermeister Harald Preuner (ÖVP) bilanziert nach knapp eineinhalb Monaten positiv. Das System habe sich bewährt. „Wir wollen auf alle Fälle, dass es nicht mehr Reisebusse werden.“ Im September werde man das neue System evaluieren und wenn notwendig nachschärfen.

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