Bettina Balàka mit Monti im Wasserpark

© Kurier/Gilbert Novy

Therapiestunde
08/15/2020

Tiere mit Krankenschwesternblick

Menschen, die ihr Leben mit Tieren teilen, erzählen, warum ein Leben ohne Tiere möglich, aber sinnlos ist

von Barbara Mader

„Monti ist das Ende einer langen Kette von Versuchen. Meine Tochter wollte einen Hund. Wir haben versucht, sie mit anderen Tieren abzuspeisen. Zuerst Landeinsiedlerkrebse, gefolgt von einer Schildkröte und später einer Katze. Alles, um den Hund zu verhindern. Die Katze war dann einsam, es musste eine zweite her. Und am Ende wollte meine Tochter immer noch einen Hund.“ 

Von durchtriebener Heiterkeit

Bettina Balàka ist Schriftstellerin, was man merkt, wenn sie druckreif und zugleich leidenschaftlich über ihren Hund Monti spricht. Dem sie einen Roman gewidmet hat, „Unter Menschen“ heißt er und ein Kritiker schrieb, er sei „von wunderbar durchtriebener Heiterkeit“. Eine Beschreibung, die perfekt zu Monti passt. Heiter und quirlig ist der elf Jahre alte Terrier-Dackel-Mischling, dem man sein Alter nicht ansieht. Kaum graue Strähnen im Kinnbärtchen. Ein „sehr selbstständiger Hund“ sei er, zudem „leidenschaftlicher Jäger“, erklärt das Frauchen.

Die üblichen Meerschweinchen

Balàkas eigene Tiergeschichte begann in der Kindheit mit „den üblichen Meerschweinchen. Ich hab’ mir einen Hund gewünscht und stattdessen ein Meerschweinchen bekommen. Eine bittere Enttäuschung.“  
Der Hund, den sich Bettina Balàka damals gewünscht hat, sah übrigens aus wie Monti.Klein und schwarz und frech. Bis er dann tatsächlich in ihr Leben trat, konnte ihr kein Tier geben, was er ihr gibt. Und was wäre das genau?  „Hunde sind enorm anpassungsfähig. Man kann daher  viel mit ihnen interagieren. Sie sind aufgrund ihrer Spiegelneuronen (Zellen, die  helfen, Empathie zu empfinden, Anm.) in der Lage, sich dermaßen auf ihr Gegenüber einzulassen, dass sie jede Stimmung mitverfolgen. Mit ihm ist mehr Beziehung möglich als mit meinen Einsiedlerkrebsen. Zu denen ich allerdings auch eine Beziehung habe.“ Das sei es auch, was Haustiere Menschen in Krisen geben können: „Allein die Gegenwart eines Tieres steigert das Wohlbefinden, das ist messbar. Darüber hinaus kann man viel von ihnen lernen. Körpersprache, etwa. Und zwar nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen.“ 

Mirnixdirnix drüben bei den Enten

Bettina Balàka hatte nicht geplant, sich dermaßen in diesen Hund zu verlieben. „Ich wollte eine distanzierte Beziehung. Es hat keine 24 Stunden gedauert, bis er mein Herz erobert hat.“ Trotzdem, Disziplin muss sein und so hat Monti  selbstverständlich eine Hundeschule besucht.  Aber ohne Leine wäre er jetzt mirnixdirnix drüben bei den Enten, und zwar nicht zum Spielen. Man kann den Monti zwar in die  Hundeschule hineingeben, aber den Jagdhund bringt man trotzdem nicht aus dem Monti heraus. 
Sei’s drum, daheim sind eh die Katzen die Chefs. Es gibt eine klare Fressordnung. Erst frisst die alte Katze, dann die junge und dann darf Monti. Er nimmt’s zur Kenntnis, heiter und durchtrieben. 

Haustiere sind Gewohnheitstiere

In 1.405.000 österreichischen Haushalten leben Haustiere. Sie leisten gerade in Zeiten der Krise enorm viel für die Menschen. Und das, obwohl auch für sie die ersten Corona-Wochen herausfordernd waren. „Haustiere sind Gewohnheitstiere. Sie brauchen Routine. Die Veränderungen im Alltag, etwa durch das Homeoffice, haben viele Tiere irritiert“, sagt die Wiener Tierärztin Julia Israiloff. Dazu kommt: „Hunde und Katzen spüren Verunsicherung und Ängste. Sie nehmen Stimmungen stark wahr.“ Zudem sind Tiere, insbesondere Katzen, längere Ruhephasen gewöhnt. „Die Menschen neigen dieser Tage dazu, ihre Haustiere mehr zu beobachten. Manche Tiere genießen die vermehrte Aufmerksamkeit. Anderen ist das zu viel. Manchmal wird die für sie notwendige Individualdistanz deutlich unterschritten.“

Doch es ist den Menschen kaum zu verdenken, dass sie ihre Mitbewohner so gerne anstarren. Nichts beruhigt so sehr wie der Anblick eines schlafenden Tieres.

Hang zur Pflege

„Katzen zwingen einen zur Ruhe und wissen, wenn es einem nicht gut geht,“ erzählt Literaturagentin Martina Schmidt von ihrer verstorbenen Katze. „Frida war eine Katze mit besonderem Hang zur Pflege. Immer, wenn sie ihren Krankenschwesternblick bekommen hat, wusste ich, ich werde krank.“

Martina Schmidt ist Literaturagentin und hat mindestens ihr halbes Lebens mit Buch und Katz’ verbracht.
„Wer ein Tier zu sich nimmt, unterschreibt einen Vertrag, dass er einmal sehr traurig sein wird.“ Ein Satz, den die Schriftstellerin Helen Brown geschrieben hat. An diesen Satz hat Martina Schmidt vor Kurzem wieder denken müssen, als Frida sie verlassen hat. Frida, die Schildpattkatze, die 14 Jahre an ihrer Seite lebte.

Sie waren ein Team

Über Fridas Verlust ist Martina Schmidt noch nicht hinweg. Fridas Schwester, die zutrauliche Elli, auch nicht. Mager ist sie geworden seit Fridas Tod, sie frisst immer weniger. Elli und Frida waren ein Team. Das scheint sie einem erzählen zu wollen, wenn sie Köpfchenreiben kommt.  Die opulente Matilda ist ein ganz anderer Schlag. Massig und dennoch mit Kinderkätzchenstimme ausgestattet. Matilda und Elli sind sich nicht grün, waren sie noch nie. Sie gemeinsam auf ein Foto zu bringen war eine Herausforderung. Missen möchte Martina Schmidt die  Streithanseln aber nicht. Man lernt viel von ihnen. Unter anderem Demut.  „Die Idee, dass eine Katze irgendetwas macht, das man will, ist abwegig.“ 

 

Die Kater mit dem Beschützerinstinkt

Rudi und Alfred waren Schwangerschaftsbegleiter, jetzt sind sie Babysitter. Julia Kauer hat vor Kurzem ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Schwanger zu sein in der Coronazeit war herausfordernd. Denn zu den Ängsten und Sorgen Schwangerer kamen die  Ängste und Sorgen der ganzen Welt. Der ganzen Welt? Nein, Rudi und Alfred, die vierjährigen roten Kater,  haben sich wahrscheinlich keine Sorgen gemacht. Gespürt haben sie sie dennoch. Sie wärmten Julias Babybauch und waren, als die keine Clara  dann da war, vorsichtig neugierig. Das Babyschreien hat sie anfangs irritiert, mittlerweile haben die Kater, einst Findelkinder, einen Beschützerinstinkt entwickelt. Wenn Clara schreit, kommen die Kater angelaufen, um sicherzugehen, dass sich jemand um das Baby kümmert.  

    
Schnurrende Blutdrucksenker

„Wir sind immer froh, dass wir die beiden haben. Aber in dieser schwierigen Zeit besonders. In der Nacht mit den Katzen kuscheln  hat mir während der Schwangerschaft besonders gutgetan. Ich hatte zu hohen Blutdruck und wenn Alfred  beim Blutdruckmessen neben mir lag, ging es mir gleich besser. Nichts beruhigt mehr als Katzenschnurren.“ Die Kauers fragen sich oft, was sie  eigentlich gemacht haben, als sie noch keine Katzen hatten. Wer hat sie damals  beim Heimkommen begrüßt?  Wer hat für Unterhaltung durch  Katzengeplauder gesorgt?  War Computerarbeit ohne  Katze auf dem Schoß überhaupt möglich? Nein, ein Leben ohne Katzen kommt nicht infrage. 
„Wir haben Haustiere für einen Teil unseres Lebens, aber sie haben uns ihr ganzes Leben.“ Im Fall von Rudi und Alfred:  Es wird ein gutes Leben gewesen sein.  

„Auch Hunde haben einen sechsten Sinn“

Sein Name ist situationsabhängig. Meistens  heißt der achteinhalbjährige  Terrier Curty. Manchmal auch  Mistviech. Zum Beispiel, wenn er versucht, unerlaubterweise ins Bett zu steigen. Das Problem ist,  dass Curty  bei seiner Erstfamilie  sehr wohl ins Bett darf, nur hier, auf Sommerfrische in Kritzendorf,  darf er das nicht. Dafür gibt’s hier Leckerlis, die er daheim nicht kriegt. Aber das darf  niemand wissen.  
Dinko Fejzuli ist Journalist und hat eigentlich keine Zeit für einen Hund. Er hätte aber gerne einen. Deshalb ist er immer wieder Aushilfsherrl  für Curty, der  eigentlich Freunden gehört. Seit fünf Jahren ist Curty immer wieder bei Dinko zu Gast. Tage-,  oft auch wochenweise.  

Ein ziemliches Schlitzohr

Der Abschied ist immer hart. Man gewöhnt sich schnell an ihn. „Wenn er nicht mehr da ist, dann seh’ ich ihn  trotzdem manchmal um die Ecke rennen.“ Klar, den Curty merkt man sich. Terrier brauchen viel Aufmerksamkeit. „Wenn er länger nicht bei uns war, fragen wir unsere Freunde: Wollt ihr nicht wegfahren? Gerade in der ersten Coronazeit hätten wir ihn gern bei uns gehabt. Ein Tier ist in einer solchen Situation ein großer Halt. Curty will eigentlich immer im Mittelpunkt stehen. Aber wenn er spürt, dass man  emotionale Unterstützung braucht, nimmt er sich zurück. Auch Hunde haben einen  sechsten Sinn.“ Ein „Kostgeher“ wie Curty ist „die ideale Mischung aus einen Hund haben und keinen Hund haben. Alle beneiden mich darum und immer wieder fragen mich Leute, ob  wir uns nicht einen Hund teilen. Aber das finde  ich schwierig. Man mag ja nicht jeden Hund. Curty ist manchmal ein ziemliches Schlitzohr, aber er ist mir sehr ans Herz gewachsen.“    

„Unsere Freunde finden das total deppert“

„Ich habe immer gesagt: Den letzten Yorkshire übernehme ich.“ Die Oma hatte drei davon, Midi war schließlich der letzte, er wurde, wie ausgemacht, an Enkelin Lena vererbt. Lena Doppel-Prix und  ihr Mann Florian Prix teilen Haus und Homeoffice mit Hund und Katz. Midi, bereits ein älteres Semester, hieß bei der Oma eigentlich anders, mal Bobby, mal Burli, egal – „er hört eh auf keinen Namen“. Ebenso wenig wie Katze Mie, die sich einst selbst hier einquartiert hat. Sie gehörte zunächst Nachbarn, Diplomaten, die viel reisten.

Die schöne Diplomatenkatze

Das Jetset-Leben behagte der schönen Diplomatenkatze nicht, umso mehr aber das im Keller gelagerte Trockenfutter. Fortan machte sie Haus und Garten zu ihrem Revier und ignorierte die bereits hier lebenden Katzen. Mittlerweile ist Mie die letzte ihrer Art hier, erst vor wenigen Tagen starb der alte Kater, jetzt gibt es bloß noch den Hund zu ignorieren. Und doch: Sie gibt ihrer Familie so viel. „Gerade hab’ ich davon gelesen, dass eine Pille gegen Vereinsamung getestet wird. Doch wer Tiere hat, braucht keine Pillen“, sagt Doppel-Prix. Die Tierliebe reicht weit. Arztrechnungen verschlingen Unsummen, wenn die Tiere alt werden. Herzleiden, Bandscheibenvorfall. Das kostet, aber: „Tiere sind Familienmitglieder.“ Freunde, die keine Tiere haben, finden das übrigens „total deppert“.

„Meine Henderln sind  keine dummen Hühner“ 

Hühner sind gut für die Seele. Evelyne Pelzer krault eines von den „Mädels“, das auf ihrem Schoß sitzt, während ihr Sohn Gabriel das Federvieh mit  geriebenen Äpfeln verwöhnt. Die „Mädels“, das sind die hübschen Barnevelder Hühner, die vor Kurzem bei den Pelzers eingezogen sind. Sie gelten als aufgeweckte, freundliche Familienhühner. Sie gelten auch als flugfaul, was  „leider nicht stimmt. Sie waren schon im Nussbaum“. 

Godzilla, die Schildkröte

Demnächst werden sie Eier legen, praktisch, aber nicht der Hauptgrund, warum die gefiederten Freundinnen nach Schildkröte Godzilla und Katze Akira nun Teil der Familie  geworden sind. Der Hauptgrund ist: Es ist beruhigend, ihnen zuzuschauen. Evelyne Pelzer verbringt viel Zeit im Hühner-Gehege. „Man sitzt still und beobachtet die Hühner und das Rundherum.  Man kommt zur Ruhe und so manches, das einem eben noch wichtig vorgekommen ist,  relativiert sich.  Dumme Hühner sind meine Henderln übrigens nicht.  Wer sie beobachtet, merkt: Die sind ziemlich schlau.“  
Akira, die  in die Jahre gekommene Norwegische Waldkatze, mustert den gackernden Familienzuwachs skeptisch aus der Distanz.  Ob sie froh ist, dass hier vorerst kein Hund lebt? Bosko, der Sennenhund, ist voriges Jahr gestorben, die Familie trauert noch. Denn ein Leben ohne Tiere ist möglich, aber sinnlos.

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