Oskar und Magdalena Heinroth beim Familienausflug: Die Vögel wurden zum Kinderersatz und trugen Namen, die Kraniche hießen Pankraz und Trana 

© Knesebeck Verlag/Klaus Nigge

Vogel-WG
04/26/2020

Die Vogel-WG: Ehe mit Kranich und Uhu

Die Verhaltensforscher Oskar und Magdalena Heinroth lebten mit mehr als 1000 Vögeln zusammen. Trotz wissenschaftlicher Großtaten ging es recht familiär in der Berliner Vogel-WG zu.

von Barbara Mader

Die  Nachtschwalbe brütet auf dem Teppich. Der Specht hackt Löcher in den Kasten.  Der  Mauersegler kreist durchs Wohnzimmer. Das Käuzchen versucht zu jeder vollen Stunde, den Kuckuck aus der Uhr zu erwischen. 
Es klingt wie bei einem (Vogel-)Kindergeburtstag. Wir befinden uns in einer Wohngemeinschaft im Berlin der 1920er-Jahre. Einer Vogel-Mensch-Wohngemeinschaft. Es ist der Haushalt von Oskar Heinroth und seiner Frau Magdalena, die zu den Begründern der Verhaltensforschung gehören. 30 Jahre lang zogen sie in ihrer Wohnung heimische Vögel auf, beobachteten ihre Verhaltensweisen und dokumentierten sie in Wort und Bild im vierbändigen Werk „Die Vögel Mitteleuropas“.

Das Buch „Die Vogel-WG“ erzählt nun die Lebensgeschichte des Naturforscher-Paares, das einander in  seiner Vogelpassion –  sie selbst bezeichneten es als „Gier“– um nichts nachstand. Sie teilten ihr Leben mit Kranichen und Uhus und waren beide schon von Kindheit an naturbegeistert. Sowohl Oskar, der nach dem Studium der Humanmedizin Zoologie studierte und im Berliner Tiergarten arbeitete, als auch seine Frau Magdalena, der der Vater zwar ein einschlägiges Studium verwehrt hatte, die aber  schon früh auf eigene Faust forschte: Sie präparierte schon mit zwölf Kleintierskelette, legte eine Knochensammlung an und nahm naturkundlichen Zeichenunterricht.  Ihre Vogelpräparate waren ein wesentlicher Beitrag für die „Vögel Mitteleuropas“ und sind heute noch im Berliner Museum für Naturkunde aufbewahrt.

Ihr gemeinsames Buch indes, vor hundert Jahren ein bahnbrechendes Werk der frühen Verhaltensforschung, war für angehende Ornithologen zwar unverzichtbar, aber ebenso oft unerschwinglich. Es drohte, in Vergessenheit zu geraten. Doch die Arbeiten der Heinroths wurden nicht zuletzt vom österreichischen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz mehrfach gewürdigt. Lorenz und Heinroth standen lange in regem wissenschaftlichen Austausch, dokumentiert im Briefwechsel „Wozu aber hat das Vieh diesen Schnabel?“

Der Habicht im Nacken

Zurück zum  Leben der Heinroths, das   voll von kuriosen Zufällen war, unter anderem diesem: Oskar Heinrich fand nach Magdalenas Tod eine zweite Frau, die seine außergewöhnliche Leidenschaft teilte. Auch Katharina Heinroth, die später Direktorin des Berliner Tiergartens und erste Zoodirektorin Deutschlands wurde, war gewillt,  ihr Leben mit hunderten Vögeln zu verbringen. Bemerkenswert, denn es ist gewiss nicht jedermanns Sache, wenn ein Wiedehopf einem in den Ohrlöchern herumstochert, eine Blaumeise unter den Fingernägeln pickt und der Habichtskauz die meiste Zeit im Nacken des Gatten verbringt. Der noch dazu an einer Vogelallergie aufgrund von Vogelstaub litt –  unvermeidlich, bei dem Federvieh-Aufkommen. Die Aufzucht deshalb aufgeben? Keine Option. Lieber hängte sich  der Vogelnärrische nachts an eine  Sauerstoffflasche. Man tolerierte so manches im Namen der Forschung: „Wir merkten bald, dass der Fasanenhahn mir Liebesanträge machte“, notierte Heinroth. Seine Frau galt dem Fasan  als Konkurrenz, weshalb dieser sie attackierte – „das muss man eben in Kauf nehmen, wenn man typische Angriffstellungen auf die Fotoplatte bringen will.“
Dass Oskar Heinroth ein aufmerksamer Tierforscher werden sollte, war zunächst einer Pockenerkrankung zu verdanken, mit der ihn eine Hebamme  bei der Geburt infiziert hatte und  ihn mit schweren Augenschäden zurückließ. Deshalb verließ er sich auf sein Gehör, was ihn zum präzisen Tierstimmenkenner machte. 

 

 

Den Grundstein der Berliner Vogelzucht legte  eine Südsee-Expedition, von der  Oskar Heinroth  250 lebende Tiere mitbrachte. Hatten sich seine Vorgänger darauf beschränkt, Vögel auszustopfen, und zu betrachten, faszinierte Heinroth ihr Verhalten. Ihm und seiner Frau Magdalena wurden die Tiere, die oft Namen hatten, zum Kindersatz. Magdalenas besondere Zuneigung galt zwei Nachtschwalben namens Kuno und Nora, die Habichtskäuze übersiedelten jeden Abend ins „elterliche“ Schlafzimmer. Der Seeadler namens Gunter hing sein Leben lang an ihrem Rockzipfel und  über einen Uhu notierte Oskar Heinroth: „Kaum zu glauben, dass das dicke Uhukind einmal in so ein kleines Ei gepasst hat.“ 
Dem Zuchterfolg folgte ein Umzug in eine Dienstwohnung im Zoo,  wo ausreichend Platz für neue Dimensionen war:  Adler,  Kraniche, Gänse. Die Vogel-WG wurde zum Magneten für Biologen aus aller Welt, doch es ging weiterhin familiär  zu. „Der  im Vogelzimmer aufgezogene Tauber ging, als er eben ausgeflogen war, sehr gerne in einen Nestkorb, der von einem jungen Seeadler, einem  Wanderfalken und einer Waldohreule bewohnt war. Er erwies sich  als der frechste von den vieren", ist in „Die Vögel Mitteleuropas“ nachzulesen – das Werk, dessen Fertigstellung  Magdalena Heinroth nicht mehr erlebte.     

An den Schluss des letzten Bandes setzte Oskar die Mitteilung: „Außerdem starb meine Frau, die Seele der Aufzuchten, ganz plötzlich im August 1932.“

Info: Karl Schulze Hagen und Gabriele Kaiser haben die Arbeit der Heinroths dokumentiert: „Die Vogel-WG“, erschienen bei knesebeck (22,70€), mit Originaltexten sowie Fotos.

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