Ein Rebellenkämpfer in Syrien trägt eine zurückgelassene IS-Fahne

© REUTERS/KHALIL ASHAWI

Prognose
01/25/2017

Terror in Europa: Wann hört das auf?

Nizza, Berlin, Istanbul - und nun wurde ein Terrorverdächtiger in Wien festgenommen. Wissenschafter gehen der Frage nach, wann und wie der Terror enden könnte.

von Moritz Gottsauner-Wolf

Mit dem Anschlag in Berlin kurz vor Weihnachten ist der islamistische Terror endgültig auch im deutschsprachigen Raum angekommen. In Österreich verhaftete die Polizei vergangene Woche einen albanisch-stämmigen 17-Jährigen, dem zur Last gelegt wird, einen Bombenanschlag auf die Wiener U-Bahn geplant zu haben.

Obwohl sich die Zahl der Terroranschläge in Europa im Vergleich zu den Siebziger und Achtziger Jahren auf einem Tiefstand befindet, reihen sich islamistische Attacken mit hohen Opferzahlen unter Zivilisten seit drei Jahren in Regelmäßigkeit aneinander. Wie lange wird das noch so weitergehen? Ist der islamistische Terror in absehbarer Zeit zu besiegen?

Diese Fragen beschäftigen nicht nur Bürger und Sicherheitsdienste, sondern seit geraumer Zeit auch die Wissenschaft. Anhand von Trendanalysen aber auch historischen Vorbildern versuchen Forscher, stichhaltige Aussagen über die künftige Entwicklung zu treffen. Denn der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) ist als Organisation gar nicht so neuartig und innovativ, wie er oft dargestellt wird. Vielmehr nutzen die Gotteskrieger ein terroristisches Handwerkszeug, das bereits vor 140 Jahren in Europa und Amerika entwickelt wurde.

IS noch nicht am Ende

Die Mehrheit der islamistischen Anschläge der vergangenen Monate und Jahre ging auf das Konto des IS. Einige Attentäter handelten mit direkter Anleitung der Terrormiliz, andere wurden von ihr lediglich "inspiriert". Die Terrormiliz befindet sich im Irak und Syrien zwar seit mehreren Monaten auf dem Rückzug. Es wäre jedoch voreilig, davon ein baldiges Ende des islamistischen Terrors in Europa abzuleiten.

„Langfristig glaube ich, dass der IS auf dem Schlachtfeld besiegt werden und zumindest das Kalifat verschwinden wird. Aber irgendetwas wird das Kalifat ersetzen“, sagte Wil van Germet, der stellvertretende Direktor der europäischen Polizeibehörde Europol, in einem am vergangenen Montag publizierten Interview mit der Fachzeitschrift für Terrorismusbekämpfung CTC Sentinel. Europol beherbergt das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung (ECTC).

Was genau der Nachfolger des Kalifats sein wird, ist noch nicht vorherzusehen. Doch einige Faktoren weisen auf eine mögliche Entwicklung hin. Laut Van Germet arbeitet der IS bereits an einer Strategie zur Schaffung eines „Cyber-Kalifats“. Der Fokus der Dschihadisten werde darauf liegen, muslimische Communitys in Europa über die Sozialen Medien zu erreichen. „Wir versuchen derzeit wirklich, ihnen in diesem Bereich entgegenzuwirken.“ Außerdem hätten weltweit über 20 Gruppen dem IS die Gefolgschaft geschworen. „Das bedeutet, dass diese Gefahr in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich nicht verschwinden wird. Sie wird nur eine andere Erscheinungsform haben.“

"Klassisches Muster“

Die Erscheinungsform des IS hat sich in den vergangenen Jahren bereits mehrmals gewandelt. Von den traurigen Überbleibseln des Guerilla-Aufstands gegen die Besatzungsmacht USA im Irak brachte es die Organisation binnen kürzester Zeit zu einer Art Pseudo-Staat im Nahen Osten. Seit der IS dort unter Druck geraten ist, greift er in Europa auf Terrorattacken zurück.

„ISIS folgt einem klassischen Muster“, sagt die renommierte Terrorismusexpertin Audrey Cronin, Professorin für Internationale Sicherheit an der American University in Washington D.C. gegenüber kurier.at. „Terrorgruppen, deren Macht wächst, versuchen sich als Aufständische und sogar als konventionelle Militärkräfte zu repositionieren. Beide sind weit ‚legitimere‘ militärische Organisationsformen, als es Terrorgruppen sind. Wenn sich dieser Prozess umkehrt – besonders durch militärische Unterdrückung, wie sie derzeit im Irak passiert – versucht die Gruppe die Verluste anderswo mit Terrorattacken als Machtdemonstrationen auszugleichen.“

Der IS inspiriert seine potenziellen Unterstützer über neue Medien aus der Ferne zu Anschlägen. Aus historischer Sicht ist das nicht neu. Cronin ist die Autorin des 2011 erschienen Buches „How Terrorism Ends“ (Princeton University Press), in dem sie durch die Analyse historischer Vorbilder verschiedene Szenarien identifiziert, wie Terrorkampagnen enden.

Die Anarchisten von heute

„Der sogenannte Islamische Staat ist nicht die erste Gruppe, die Personen dazu ‚inspiriert‘, Anschläge auszuführen“, sagt Cronin. Es gebe zwar keine historische Organisation, die dem IS perfekt ähnelt. Zu einer lang vergangenen Terrorbewegung weist er laut Cronin jedoch auffallende Parallelen auf: der anarchistischen Bewegung des späten 19. Jahrhunderts.

Von 1880 bis 1930 überzogen radikale Anarchisten Europa, Russland und die USA nach dem Konzept der „Propaganda der Tat“ mit einer beispiellosen Terrorserie. Bei Attentaten töteten sie unter anderen einen US-Präsidenten (William McKinley, 1901), einen spanischen Premierminister (Antonio Cánovas, 1897), einen griechischen König (Georg I., 1913), die österreich-ungarische Kaiserin Elisabeth („Sisi“, 1898) und führten die ersten modernen Terroranschläge auf Zivilisten aus.

Anarchistische Terroristen waren weltweit aktiv und bauten ihre Bomben aus Dynamit im stillen Kämmerchen selbst. „Manchmal war die Bewegung involviert, oftmals war sie es nicht. Radikale nannten sich selbst ‚Anarchisten‘, oder wurden von den Medien im Nachhinein so bezeichnet, auch wenn sie keine physische Verbindung zu irgendjemand anderem und kein Verständnis der anarchistischen Ideologie hatten“, sagt Cronin. „Viele waren einfach nur Kriminelle oder Leute, die Action suchten.“ Das sei genau das, was teilweise beim IS passiere.

Problematische Trends

Eine kriminelle Vergangenheit war bisher eine auffällige Gemeinsamkeit bei einer Reihe von Terrorverdächtigen, beim Berlin-Attentäter Anis Amri ebenso wie zuletzt beim Wiener Lorenz K., der der Anschlagsplanung verdächtigt wird. Die wirtschaftliche Situation von jungen Muslimen könnte dazu beitragen, dass der Terror in Europa nicht so bald enden wird – diese These vertritt der norwegische Terrorismusforscher Thomas Hegghammer in einem jüngst erschienenen Paper in der Fachzeitschrift Perspectives on Terrorism. Er hat vier große Trends herausgearbeitet, die zusammen den Terror vom Schlage des IS auch nach dem Ende des Kalifats aufrechterhalten könnten. Seine Prognose ist nicht sonderlich optimistisch: „Wir könnten zumindest zeitweise sogar eine höhere dschihadistische Aktivität erleben, als bisher“, schreibt Hegghammer.

Als einen dieser „Makro-Trends“ benennt er den wachsenden Rekrutierungs-Pool für Dschihadisten in Europa. Die primäre demografische Gruppe, aus denen europäische Dschihadisten bisher rekrutiert wurden, seien wirtschaftlich benachteiligte junge Muslime. Diese Gruppe sei durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten im Wachstum begriffen, schreibt Hegghammer. „Wir wissen, dass eine Mehrheit der Dschihadisten dieser Bevölkerungsgruppe entstammt.“ Es gebe auch Grund zur Annahme, dass die wirtschaftliche Benachteiligung dieser Gruppe im Schnitt auch in Zukunft bestehen bleibt. Zu bedenken sei aber, dass noch unklar ist, ob die ökonomische Situation dieser Gruppe tatsächlich einen Effekt auf die Radikalisierung hat. Auch führt dieser Trend alleine nicht zu höherer dschihadistischer Aktivität, sondern im Verbund mit einer Reihe von anderen.

Rückkehrer und Vernetzer

Als zweiten Trend sieht Hegghammer die wachsende Zahl von Syrien-Rückkehrern und überzeugten Aktivisten in europäischen Ländern, welche die dschihadistischen Netzwerke in Zukunft aufrechterhalten oder neu aufbauen könnten. Außerdem könnten die anhaltenden bewaffneten Konflikte in der muslimischen Welt – in Nordafrika, dem Nahen Osten und Südostasien – zur angespannten Situation beitragen. Sie sind der dritte Trend, den Hegghammer identifiziert. „Die Region könnte europäische Dschihadisten mit Rekrutierungsanreizen und Trainingsmöglichkeiten versorgen, wie das schon in der Vergangenheit der Fall war.“ So ist ein Ende des Krieges in Syrien und dem Irak noch nicht absehbar. Im Jemen toben nach wie vor Kämpfe. In Afghanistan haben die radikalislamistischen Taliban wieder an Einfluss gewonnen.

Prognose ist Prognose

Hegghammers letzter Punkt reflektiert die Analyse von Europol-Vizechef Van Gemert, wonach Dschihadisten in Sozialen Netzwerken und auf Online-Messagingdiensten gute Bedingungen für die Verbreitung von Propaganda vorfinden, falls nicht gegengesteuert werde. Auf Facebook und Twitter sind Dschihadisten ebenso aktiv, wie auf populären Messaging-Diensten wie WhatsApp und seit rund eineinhalb Jahren verstärkt auf Telegram (kurier.at berichtete).

Hegghammers Prognose ist pessimistisch, aber auch genau das: eine Prognose, die falsch sein kann. „Unerwartete Dinge passieren“, heißt es in dem Paper. „Jeder dieser Trends könnte auf verschiedene Arten unterbrochen werden.“

Was tun?

Doch Audrey Cronin erwartet ebenfalls kein rasches Ende des IS-Terrors. „Nachdem der sogenannte IS sein Territorium verloren hat, wird der konventionelle Terrorismus für eine Weile weiterbestehen“, sagt auch sie. Was dagegen unternommen werden kann?

Die Geschichte zeigt mögliche Auswege vor. Die Szenarien, die Cronin in ihrem Buch beschreibt, reichen von der Entfernung der Führungspersonen, der Anwendung polizeilicher und militärischer Gewalt bis hin zur Implosion einer Gruppe, wenn sie sich durch interne Konflikte selbst besiegt. Auch kann dazu kommen, dass Terrorgruppen ihr Ziel erreichen. Aber nicht alles trifft auch auf dezentrale, auf Zellen basierende Terrorgruppen wie Al-Qaida oder die europäischen Aktivitäten des IS zu. Die Geschichte der anarchistischen Bewegung könnte auch hier eine Lehre sein.

„Die bewährte Lösung ist die Zusammenarbeit der Geheimdienste in befreundeten Ländern, gute Polizeiarbeit, vorsichtiges Augenmerk auf den Rechtsstaat, Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit und enge Verbindungen zu den Communitys, die wichtige Informationen liefern könnten“, sagt Cronin. Das sei „genau das, was in Europa am Ende der anarchistischen Bewegung passiert ist.“

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