Telegram: Die Smartphone-Propagandawaffe des IS

Militant Islamist fighter waving a flag, cheers as
Foto: REUTERS/STRINGER Ein Kämpfer des IS in al-Rakka 2014

Wie keine Terrororganisation zuvor nützt der IS die Sozialen Medien. Der Messaging-Dienst Telegram spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Das blaue Jpeg-Bildchen tauchte just am Tiefpunkt auf. Gerade hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Polizei in Berlin wohl den falschen Verdächtigen festgenommen hatte. Der wahre Täter, flüchtig. Da erschien die „Breaking News“ auf Twitter: Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) bekennt sich zum Anschlag am Breitscheidplatz. Als Beleg dient ein kurzes Statement in hellblauer Schrift auf dunkelblauem Hintergrund, abgespeichert als Bilddatei, in Windeseile verbreitet über die Sozialen Netzwerke. Obwohl die Meldung augenblicklich auf Twitter und Facebook zu lesen war – ihren Ursprung hatte sie in einem weniger bekannten Netzwerk: Telegram.

amaq.PNG Foto: Screenshot Das Bekennerschreibten des IS

Telegram ist ein Messaging-Dienst, der ähnlich funktioniert wie das populäre WhatsApp und auf allen gängigen Smartphones über die bekannten "Stores" erhältlich ist. Nutzer können sich über das Internet gegenseitig Kurznachrichten, Bilder und Videos schicken sowie Chatgruppen erstellen. Im Jänner zählte die erst drei Jahre alte App laut eigenen Angaben bereits 100 Millionen Nutzer.

Bei Bedarf verschlüsselt

Aber nicht nur normale User haben Telegram für sich entdeckt. Seit einiger Zeit tummeln sich dort auch Unterstützer des IS. Der Dienst bietet verschlüsselte Chats an, deren Inhalt auch nicht von Telegram-Mitarbeitern gelesen werden kann. Auch lässt sich einstellen, dass sich Nachrichten nach einer gewissen Zeit von selbst löschen. Die Betreiber geloben, Userdaten nicht an Dritte weiterzugeben, so sie überhaupt gespeichert werden. Der Nebeneffekt: Die Schergen des „Islamischen Staats“ haben Telegram längst zu ihrer wirksamsten digitalen Propaganda-Waffe ausgebaut. Von Telegram aus gelangt die Propaganda auf direktem Wege auf die Smartphones der IS-Unterstützer. Seine Anhängerschar verteilt die Inhalte dann auf Twitter und Facebook, bis schließlich größere Medienorganisationen auf sie aufmerksam werden.

Im Chat mit Dschihadisten

„Telegram ist im Moment die Hauptplattform der Dschihadis“, sagt der Dschihadismus-Experte Nico Prucha vom Institut für Orientalistik der Universität Wien. „Das ist die pure IS-Onlinewelt.“ Prucha analysiert seit über zwölf Jahren dschihadistische Propaganda aus arabischsprachigen Quellen. Auf Telegram verfolgt er die Kommunikation der IS-Szene seit geraumer Zeit verdeckt mit.

Die geheime, private Unterhaltung ist das eine. Ebenso attraktiv für den IS sind halb-öffentliche Newskanäle und Massenchats auf Telegram, mit denen ein etwas breiteres Publikum erreicht wird. „Mehrere Hundert  IS-Kanäle auf Telegram ermöglichen, dass IS-Inhalte ohne große Unterbrechungen verbreitet werden können“, schrieb Prucha in einem im Dezember erschienenen wissenschaftlichen Beitrag in der Fachzeitschrift Perspectives on Terrorism. Der Dienst ermögliche dem IS auch, koordinierte Propaganda-Aktionen zu orchestrieren, bei denen Online-Aktivisten simultan die großen Sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter mit IS-Propaganda überfluten.

Schutz im Schwarm

Erstmals zum größeren Thema wurde Telegram im November 2015, als die Propagandamaschinerie der Terrorgruppe nach den Paris-Attentaten in den Fokus der Medien rückte. Die Popularität des Dienstes stieg in der Folge rasant an. Denn die bisherige Stammplattform des IS - Twitter - ging nun rigoros mit Sperren gegen vermutete IS-Accounts vor. Auf Twitter unter Druck, fanden die Dschihadisten auf Telegram ein neues Zuhause. „Man muss sich die Online-Dschihad-Netzwerke wie einen Fischschwarm vorstellen“, sagt Nico Prucha. „Wenn ein Hai hineintaucht und ein paar Fische frisst, ist das relativ egal. Das Netzwerk lebt trotz der Account-Sperren weiter.“

In der Folge häuften sich die Forderungen, Telegram möge seinerseits die Umtriebe der Dschihadisten eindämmen. Dem kam man mit etwas Zögern zwar nach. Doch mehreren Berichten zufolge tauchten gesperrte User und Kanäle innerhalb kürzester Zeit wieder auf. Seitdem dürften sich die Maßnahmen von Telegram in Grenzen gehalten haben. Die Haltung ist wohl dem Selbstverständnis von Telegram geschuldet, dessen organisatorischer Hintergrund ähnlich obskur ist, wie jener der mörderischen Fanatiker, die sich auf der Plattform austoben.

Geflecht aus Briefkastenfirmen

Telegram hat seinen Hauptsitz in Berlin. Zumindest wird das auf der offiziellen Homepage behauptet. Wo genau, wissen aber nur die Betreiber selbst. Es gibt keine Adresse, kein Impressum, keine Telefonnummer. Journalisten haben recherchiert, dass hinter dem Netzwerk ein verzweigtes Geflecht aus Briefkastenfirmen in Steueroasen steckt. Einer der Gründer, der Russe Pawel Durow, behauptet, dass es der Sicherheit der Nutzerdaten und der Unabhängigkeit von staatlichen Akteuren diene. Der Telegram-Dienst selbst sei Non-Profit und solle das auch in Zukunft bleiben.

Das mag nach guten Nachrichten für die weltweite Dschihadisten-Szene klingen. Doch selbst den Propaganda-Offizieren des IS bereitet Telegrams Popularität bei den eigenen Anhängern zunehmend Sorgen. Zwar ermöglicht der Dienst ungestörte Kommunikation. Das Publikum ist aber um ein Vielfaches kleiner, als auf Facebook und Twitter.

"Isoliert euch nicht auf Telegram!"

Im vergangenen Juli veröffentliche eine Mediengruppe des IS deshalb ein zweiseitiges Communiqué. Der Titel: „Unterstützer des Kalifats: Isoliert euch nicht auf Telegram!“. Der Autor, ein bekannter Sprecher der Miliz, findet deutliche Worte. „Im elektronischen Krieg mit den Kreuzrittern ziehen unsere Brüder Telegram allem anderen vor“, schreibt er. Facebook und Twitter seien aufgrund der Account-Sperren verlassen worden und bei Telegram sähe es so aus, als würden sich die Betreiber solchen Maßnahmen auch künftig widersetzen.

Aber: „Telegram hat trotz seiner vielen positiven Aspekte eine Reihe von Nachteilen.“  Es sei eine eher geschlossene Gruppe und User können per Design Kanälen nur auf Einladung beitreten. „Kehrt zu Facebook und Twitter zurück, denn unsere missionarischen Operationen haben auf diesen Plattformen eine größere Reichweite“, heißt es im Dokument. „Jene, die wir erreichen wollen, sind nicht auf Telegram. Wir werden sie viel eher auf Facebook und Twitter finden.“

Das könne als Befehl und womöglich Rekonfiguration der Mediennetzwerke des IS gedeutet werden, schreibt Nico Prucha in seiner Analyse. Der IS könnte Telegram künftig als sicheren Hafen und Rückzugsort nützen, von dem aus neue Facebook- und Twitter-Profile erstellt und Inhalte auf die großen Plattformen verteilt werden könnten. Die Folgen dieser Entwicklung beurteilt Prucha drastisch: Sollten im Kampf gegen den Terror die dschihadistischen Online-Netzwerke samt ihres theologischen Rahmens vernachlässigt werden, würde das dem IS erlauben, „sogar nach seiner territorialen Auslöschung zu überleben und wiederaufzuerstehen.“

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, dass WhatsApp keine verschlüsselten Chats anbietet. Tatsächlich wurde Verschlüsselung im April diesen Jahres eingeführt.

(kurier) Erstellt am
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