Über TV und Internet verbreiten sich Bilder des IS weltweit – bis in Kinderzimmer

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Attentatspläne
01/25/2017

IS-Terror reicht bis ins Kinderzimmer

Verhafteter mutmaßlicher Dschihadist tauschte sich mit 12-Jährigen aus und baute "Testbombe".

von Ricardo Peyerl, Dominik Schreiber, Patrick Wammerl

Der Kampf gegen den Terror beginnt mittlerweile im Kinderzimmer. Genau dort machen laut dem Chef des deutschen Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, IS-Agitatoren "wie Headhunter" im Cyberspace Jagd auf Kinder, "die sie radikalisieren können, um Anschläge zu begehen."

Dass die Gefahr auch schon von Kindern auszugehen scheint, zeigt der Fall des in Wien festgenommenen Terrorverdächtigen. Der 17-jährige Lorenz K. hatte Kontakt zu jenem 12-jährigen Deutschen, der im Dezember einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen geplant haben soll.

Und er tauschte sich, wie berichtet, mit einem weiteren 12-Jährigen aus Wien-Meidling aus, der eine Art Fan von K. gewesen sein dürfte. Der Bub wurde den Eltern abgenommen und in ein Krisenzentrum gebracht.

Kalaschnikow

Lorenz K. gibt die Verbindungen zu beiden 12-Jährigen zu. Allerdings dürften sogar ihm als Älterem die Ideen der Minderjährigen zu "dumm" gewesen sein. "Er hat sie schlichtweg, auch aufgrund ihres Alters, nicht ernst genommen. Der Bursche aus Meidling hat über das Internet ständig was von einer Kalaschnikow geschrieben. Laut dem 17-Jährigen wurde der Kontakt danach abgebrochen", sagt Wolfgang Blaschitz, Lorenz K.s Verteidiger.

Der 17-jährige Austro-Albaner, über den am Dienstag die Untersuchungshaft verhängt wurde, soll laut Innenminister Wolfgang Sobotka eine "Testbombe" gebaut haben. Geschehen sein soll das im Zuge eines Besuchs im Dezember bei Kevin T. in Nordrhein-Westfalen. Der konvertierte 21-Jährige stammt aus der Salafistenszene. Die besagte Testbombe soll ein Experiment aus dem Schwarzpulver von Silvesterböllern gewesen sein. "Sie haben mit den Raketen eine Art Rauchbombe gebastelt", sagt hingegen Anwalt Blaschitz. Laut Innenminister Wolfgang Sobotka gehe der Verdacht jedoch viel weiter. Die Computer- und Handyauswertung hat ergeben, dass Lorenz K. im Internet nach Materialien für Sprengmittel gesucht haben soll.

In österreichischen Kinderzimmern Einzug gehalten hat der Dschihadismus erstmals 2014, als ein damals 14-jähriger Schüler Pläne wälzte, den Wiener Westbahnhof in die Luft zu sprengen: Mertkan G. saß fünf Monate im Gefängnis.

Anfang 2016 wurde er neuerlich verhaftet, weil er wieder Propaganda für den IS gemacht hatte. Im März könnte er nach Verbüßung von zwei Drittel seiner 20-monatigen Haftstrafe – während der er eine Malerlehre begonnen hatte – bereits bedingt entlassen werden. Der Kontakt zu seinem Bewährungshelfer blieb auch hinter Gittern aufrecht. Aber was kann der Sozialarbeiter überhaupt tun?

Gegenangebote

Bernhard Glaeser, Koordinator für den Bereich Radikalisierung beim Verein Neustart, sagt: "Die Ideologie zeigt den Jugendlichen scheinbare Wege der Orientierung auf. Unser Job ist es, dem Probanden Gegenangebote zu machen. Dazu muss ich aber echte Neugierde an seinen Bedürfnissen zeigen und nicht nur eine Checkliste abarbeiten." Die Jugendlichen würden von IS-Ideologen in Chat-Foren oder mit Videospielen als Kämpfer angeworben "und als Helden gefeiert, die im Kampf ihr Glück finden werden." Doch während von dort "immer die gleichen Plattheiten" kommen, "können wir als Sozialarbeiter uns auf seine konkrete Biografie beziehen", sagt Glaeser: "Und ihn irritieren. Etwa durch die Frage: ‚Willst du wirklich in irgend einem Dorf Frauen und Kinder niedermachen?‘"

Hat Neustart damit Erfolg? "Die Fälle, in denen es gelingt, stehen nicht in der Zeitung", sagt Glaeser im Gespräch mit dem KURIER.

Im Fall Mertkan wäre dringend eine Entlassungskonferenz geboten. Neustart bringt in solchen Fällen – neben der Familie und dem (potenziellen) Lehrherrn oder Arbeitgeber – entscheidende Institutionen (AMS, Jugendamt, Schulbehörde, Deradikalisierungsverein) an einen Tisch. Sie legen dem Gericht ein Konzept vor, wie es nach den Entlassung mit dem Jugendlichen weitergehen soll.

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