Die Zufahrt zu Sölden ist seit Dienstagabend gesperrt

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Chronik Österreich
03/18/2020

Späte Quarantäne in Sölden: Aus Ischgl nichts gelernt

Nach dem ersten positiven Test in Sölden ließen die Behörden Tage verstreichen, bis der Ort unter Quarantäne gestellt wurde.

von Christian Willim

Mit Sölden ist seit Dienstagabend Österreichs größter Wintersport unter Quarantäne gestellt worden. Und das Tage, nachdem der erste positive Test eines Tourismusmitarbeiters bekannt wurde. Die Behörden haben das Ergebnis nicht kommunziert.

Der Betroffene, Mitarbeiter einer Après-Ski-Bar, erfährt laut KURIER-Recherchen, am vergangenen Samstagabend, dass er sich mit dem Cornavirus infiziert hat. Das Paznauntal mit Ischgl und St. Anton am Arlberg stehen da schon einen Tag unter Quarantäne.

Zuvor hatte sich Ischgl, ebenfalls ausgehend von einer Après-Ski-Bar, zu einem regelrechten Corona-Brandherd entwickelt. In Sölden erfährt der Tourismusmitarbeiter am Donnerstag, dass nach Deutschland zurückgereiste Gäste in ihrer Heimat positiv getestet wurden. Er lässt sich testen und ist positiv.

Die Polizei rückte am Sonntag bei dem Hotel an, zu dem die Schirmbar gehört, wie ein Beamter bestätigt: "Wir haben von der Behörde den Auftrag bekommen, alle Mitarbeiter unter Quarantäne zu stellen." Dort sitzen sie nun. Einer der Betroffenen sagt: "Wir müssen uns sogar das Essen selber organisieren. Keiner schaut auf uns."

"Die haben alle das Geld bis zum letzten geschöpft"

Der Skibetrieb in Sölden lief noch bis Sonntagmittag. Auf die Frage, ob die Behörden zu spät reagiert haben, meint der Mitarbeiter: "In meinen Augen ist das fahrlässige Körperverletzung. Ischgl, Sölden, St. Anton, Lech. Die haben alle das Geld bis zum letzten geschöpft. Das Personal hat es ertragen müssen. Hauptsache Kohle."

Das ausländische Personal, aus der Slowakei oder Ungarn, habe man einfach nach Hause geschickt, obwohl viele von ihnen vermutlich infiziert wären: "Hauptsache, die kosten nichts."

Am Dienstagabend informiert Tirols Landeshauptmann Günther Platter dann in einer Aussendung: „Uns liegen drei positive Testungen von Personen aus Sölden vor, wo wir wiederum nicht ausschließen können, dass ein Bezug zu einer Schirmbar hergestellt werden kann."

Um eine Weiterverbreitung des Coronavirus bestmöglich zu verhindern oder zu verlangsamen, sei "diese behördliche Anordnung für die Gemeinde Sölden unabdingbar.“ Laut Land, weil eben zwei weitere zum ersten Fall bekannt wurden und der laut Erhebungen beträchtlichen Zahl an Kontaktpersonen.

Nach der massiven Kritik rund um das Tiroler Krisenmanagement in Bezug auf Ischgl und St. Anton hatte Platter nur wenige Stunden zuvor gemeint: "Alles richtig zu machen, ist angesichts dieser Krise, die weltweit einzigartig ist, nicht möglich. Das müssen wir uns eingestehen. Leider kann niemand das Buch von hinten lesen."

Die Erfahrungen von Ischgl, die gezeigt haben, wie sich das Virus aus einem Ort mit Massentourismus in Tirol und über die Grenzen Österreichs hinaus, massiv verbreiten kann, haben in Bezug auf Sölden offenbar keine Wirkung gezeigt.

Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm, der selbst in Sölden lebt, hat Dienstagmittag über seine Rechercheplattform dietiwag.org ein Mail veröffentlicht, dass er an Bürgermeister Ernst Schöpf und hunderte Email-Adressen in der Gemeinde verschickt hat.

Er kreidet darin an, dass die Bürger nicht über die Lage informiert würden. Wilhelm listet zahlreiche Medienberichte aus Deutschland über aus Sölden heimgekehrte Corona-Infizierte auf. Der Publizist fordert, dass die Einheimischen unverzüglich informiert werden müssen, in welchen Unterkünften positiv getestete Urlauber untergebracht waren.

"Wenn nur ein Menschenleben gerettet werden kann, dann ist das jetzt dringend zu tun", schreibt Wilhelm. Am Abend stand dann Sölden unter Quarantäne.

"Hinten nach bin ich auch gescheiter"

VP-Bürgermeister Ernst Schöpf bestätigt gegenüber dem KURIER, dass er bereits am Samstag von dem positiv getesteten Mitarbeiter der Schirmbar erfahren hat. Auf die Frage, ob Sölden nach den Erfahrungen aus Ischgl nicht umgehend unter Quarantäne gestellt werden hätte mussen, sagt er: "Und dann vielleicht noch die 6.000 bis 7.000 Gäste alle da lassen?"

Es seien aber ohnehin bereits viele Urlauber am Freitag abgereist, nachdem Deutschland eine Reisewarnung für Österreich herausgegeben habe. "Hinten nach bin ich ich auch gescheiter", sagt Schöpf, der auch Tirols Gemeindeverbandspräsident ist, und meint zur Ausbreitung des Virus: "Wir haben uns die Wucht nicht vorstellen können."

Auswirkungen noch nicht absehbar

Die volle Wucht dessen, was ausgehend von Tirols Top-Skiorten an Infektionen ausgelöst wurde, ist freilich noch nicht absehbar.

Markus Wilhlem ist überzeugt: "Wenn ich nicht den Bezirkshauptmann und den Bürgermeister am Montag angeschossen hätte, wäre mit Sicherheit bis heute nichts passiert."

Er geht davon aus, dass der Tourismusverband eine Reihe von Rückmeldungen von Urlaubern erhalten hat, die zuhause positiv getestet worden sind: "Da wäre es jetzt dringend geboten, die Vermieter zu informieren, bei denen diese Gäste untergebracht waren. Der Tourismusverband hat ja die Anmeldungen vorliegen."

Auch Zillertal betroffen

Wie dem KURIER bestätigt wurde, ist inzwischen auch eine weitere große Tiroler Tourismusgemeinde betroffen. In Mayrhofen ist am Dienstagnachmittag der Mitarbeiter eines Hotels positiv getestet worden. Ob ihr Gemeinde ebenfalls unter Quarantäne gestellt wird, weiß Bürgermeisterin Monika Wechselberger noch nicht. "Die Leute im Ort rechnen damit. Und ich vertrete die Meinung, dass man eher streng sein soll, damit das Ende der Epidemie schneller da ist", sagt sie.