Das Après-Ski-Lokal Kitzloch in Ischgl gilt als ein Ausgangspunkt für die Infektion von zahlreichen Gästen und Mitarbeitern. Zuerst wurde das Lokal, nun das ganze Tal gesperrt 
 

© Liebl Daniel / zeitungsfoto.at

Reportage
03/13/2020

Quarantänezone Ischgl: "Es herrscht totales Chaos"

Rund 16.000 Urlauber fanden sich am Freitag plötzlich in einer Quarantänezone wieder. Zwei Drittel der Tiroler Infizierten haben Bezug zum nun gesperrten Paznauntal oder St. Anton

von Christian Willim

Die Nachricht hat die betroffenen Gemeinden Freitagmittag völlig überraschend getroffen: Kurz nach 14 Uhr erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz, dass in Tirol „das Paznauntal und St. Anton am Arlberg unter Quarantäne gestellt“ werden. Und zwar ab sofort. „Es herrscht totales Chaos“, ärgerte sich ein betroffener Touristiker.

Die Polizei musste innerhalb kürzester Zeit Sperren organisieren. Im Paznauntal hielten sich am Freitag noch 8.000 Urlauber auf, davon alleine 6.000 in Ischgl. Der Skiort hat sich, wie berichtet, innerhalb weniger Tage zu einem Brandherd bei der Ausbreitung des Coronavirus entwickelt. Und auch die Fälle in der benachbarten Arlbergregion hatten sich zuletzt gemehrt. „Wir sind davon überrascht worden“, erklärte Helmut Mall, Bürgermeister von St. Anton am Arlberg zu der verhängten Quarantäne. „Jetzt haben wir hier einen Hotspot und müssen schauen, wie wir das organisieren.“ In dem Skiort befanden sich noch 8.000 Urlauber.

Eigentlich hätte der Skibetrieb in den beiden Regionen, wie in ganz Tirol und dem Rest von Österreich, am Sonntag auslaufen sollen. Die Schließung der Hotels war erst für Montag geplant, um eine geordnete Abreise der Gäste zu garantieren.

Identitätsfeststellung

Davon konnte am Freitagnachmittag keine Rede mehr sein. Ausländische Gäste durften zwar ausreisen. Das betraf aber allein im Paznauntal geschätzte 7.700 Menschen. Von denen musste jeder zur Identitätsfeststellung angehalten werden.

Wie Innenminister Karl Nehammer erklärte, werden die Behörden in den Heimatländern der Ausreisenden, die ohne Unterbrechung das Land verlassen sollten, informiert. Österreichische Gäste, Mitarbeiter und Einheimische dürfen jedoch für zwei Wochen die Sperrgebiete nicht mehr verlassen, sich in der Region aber frei bewegen, stellte das Land Tirol klar. Infizierte müssen in häusliche Quarantäne.

„Eine ruhige Zeit“

Gelassen sieht die drastische Maßnahme Anton Mallaun, der Bürgermeister der kleinen Paznauntal-Gemeinde See: „Das wird man so nehmen müssen. Bei der Schnelligkeit, in der sich die Fälle ausbreiten, wird man das nicht anders hinbekommen. Jetzt wird es ein bisschen eine ruhige Zeit.“

Zahlen darüber, wie viele Menschen die kommenden vierzehn Tage im Paznauntal und in St. Anton am Arlberg isoliert sind, gab es zunächst nicht. In den betroffenen Gebieten leben aber 9.500 Einheimische. Wer von ihnen bei der Verhängung der Sperre nicht vor Ort war, durfte zwar wieder in seine Gemeinde fahren, fiel damit aber auch automatisch unter die Quarantänebestimmungen.

Die Polizei konnte die überraschend verordneten Sperren erst ab dem späten Nachmittag einrichten – auch weil erst ein entsprechender Bescheid erstellt werden musste. Wie viele Personen die Quarantänezonen bis dahin bereits verlassen konnten, ist ungewiss. Am Abend bildeten sich im Paznauntal bei der Abreise der Urlauber schließlich Staus vor den Checkpoints der Polizei.

Die Notwendigkeit, erstmals in Österreich rund um die Ausbreitung des Coronavirus ganze Orte bzw. Regionen unter Quarantäne zu stellen, untermauerten Freitagabend vom Land Tirol veröffentlichte Zahlen. Von 170 bis dahin im Bundesland positiv getesteten Personen, gibt es bei zwei Drittel davon einen Bezug zum Paznauntal mit seinen Gemeinden Ischgl, Kappl, Galtür und See oder St. Anton am Arlberg.

Dabei war der erste Fall, ein 36-jähriger Norweger, der im später geschlossenen Après-Ski-Lokal „Kitzloch“ in Ischgl gearbeitet hat, erst am Samstag bekannt geworden. Zahlreiche weitere Infizierte hatten in dem Lokal gearbeitet oder waren dort als Besucher.

Versorgung garantiert

„Mit der Isolierung dieser Gemeinden wollen wir sicherstellen, dass Menschen, die möglicherweise erkrankt sind, nicht weitere Personen anstecken können“, erklärte Tirols Landeshauptmann Günther Platter den Schritt. Die Versorgung der Betroffenen sei jedenfalls garantiert.

„Wir werden uns bestmöglich um die Menschen im Tal kümmern“, sagte Anton Mattle, Bürgermeister von Galtür, das 1999 bereits von einer verheerenden Lawinenkatastrophe betroffen war.

Tirol ist vorerst das Epizentrum der Corona-Ausbreitung in Österreich. „Wir befinden uns derzeit in einer Ausnahmesituation“, hatte Platter bereits am Freitagvormittag bei einer Pressekonferenz zu den massiven Auswirkungen auf den Tourismus durch das vorzeitige Ende der Wintersaison erklärt.

„Des packen wir“

Es wäre angesichts der Entwicklung unverantwortlich, 150.000 Gäste ins Land zu lassen und gleichzeitig zu riskieren, dass das Gesundheitssystem kollabiert, so der Landeshauptmann.

An die Tiroler appellierte Platter, dass es nun Zusammenhalt und Solidarität brauche. „Und glaubt’s mas. Des packen wir gemeinsam.“ Dazu müssen die Corona-Fallzahlen aber rasch drastisch eingedämmt werden.

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