© dpa-Zentralbild/Sebastian Kahner

Sommerzeit
03/29/2014

Rebellen drehen nicht an der Uhr

Immer weniger Menschen richten sich nach der Sommerzeit. Im nächsten Jahr beginnen Gespräche, ob die Zeitumstellung nach 2016 bestehen bleibt.

von Jürgen Zahrl, Raffaela Lindorfer, Wolfgang Atzenhofer

Wenn am Sonntag die Sonne scheinbar um eine Stunde später untergeht, weil in der Nacht zuvor alle Uhren von 2 auf 3 Uhr vorgedreht wurden, ist das schon das einzig Positive an der Umstellung auf Sommerzeit. Heute wissen die Experten, dass die Einführung in den 1970er-Jahren nicht die gewünschten Ergebnisse wie Energieersparnis und Erholungsgewinn gebracht haben. Daher bilden sich immer öfter Facebook-Gruppen und Initiativen, um eine europaweite Abschaffung zu erwirken. Darunter sind auch Rebellen, die sich weigern, ihre Uhren umzustellen.

Zilly Bühringer aus Seisenegg im Mostviertel, NÖ, hat ihre Armbanduhr immer auf Sommerzeit gestellt. "So beobachtet man die Zeit bewusster", meint Bühringer. Dass sie das ganze Jahr die Sommerzeit am Handgelenk trägt, macht sich die Aushilfskellnerin im Winter manchmal zunutze: "Wenn lästige Gäste in der Nacht nicht heim wollen, erschrecken sie, wenn sie meine Uhrzeit sehen. Da ist es immer schon eine Stunde später als in Wirklichkeit."

Eine Umstellungsgegnerin ist auch Resi Neuhofer, Sprachrohr der Landwirte im Salzburger Landtag: "Die Zeitumstellung ist eine Herausforderung für die Bauern, die man sich sparen kann." Die Idee, ihre Kühe als Sommerzeit-Rebellen leben zu lassen, habe sie wieder verworfen. "Den Kühen wäre es egal, was der Uhrzeiger anzeigt, aber ich würde zu allen Terminen zu spät kommen."

Gestresste Kuh

Wann es Zeit ist, wüssten die Tiere genau. "Morgens gegen 5 Uhr und abends gegen 16 Uhr, wenn ich in den Stall komme, warten sie schon vor dem Melkstand. Es ist lustig zu sehen, wie sie ungeduldig werden, wenn ich mich verspäte", erzählt die Landwirtin aus dem Flachgau. Kühe hätten eine "innere Uhr". Jede Veränderung bringe sie durcheinander, was sich auf die Milchleistung auswirkt.

Eine gestresste Kuh gebe sogar bis zu vier Liter weniger Milch, schätzt sie. Um den Tieren die Umstellung zu erleichtern, bedienen sich die Milchbauern eines Tricks: "Wir gehen ein paar Tage vorher und nachher jeweils immer um eine Viertelstunde später in den Stall, so ist der Übergang sanfter." Ähnlich ist die Praxis in der Putenmast. "Das Licht brennt normalerweise von 6 bis 22 Uhr. Ein Umstieg von heute auf morgen würde die Tiere irritieren. Dann verweigern sie die Nahrung", erklärt Landwirt Dietmar Hipp aus Zwettl, dem lieber wäre, wenn die Sommerzeit bleibt. "Dann könnte man im Winter länger im Wald arbeiten", sagt Hipp.

Keine Erholung

Eigentlich hätte die Umstellung sowohl Energieersparnis, als auch einen Erholungsgewinn bringen sollen, was bis heute keine einzige Studie belegt. Im Gegenteil. "Durch die Zeitumstellung wird die Schlafqualität für eine Weile vermindert. Wer nicht gut schläft, ist weniger aufmerksam und müde. Daher passieren nach der Zeitumstellung auch viel mehr Unfälle", erklärt Maximilian Moser, Chronobiologe an der Grazer Med-Universität. Die Leidtragenden seien vorwiegend Kinder und Menschen über 50. Die orientieren sich am stärksten an ihrer inneren Uhr. "Wenn Kinder müde sind, werden sie unruhig. Ein Zeitsprung von einer Stunde kann ihren Biorhythmus kräftig durcheinanderrütteln", sagt Moser, der selber ein Gegner ist: "Alle renommierten Chronobiologen sind gegen die Zeitumstellung. Für den Organismus und unsere Gesundheit wäre es besser, wenn es durchgehend nur die geologische Zeit, also unsere Winterzeit, geben würde."

Deswegen hat die Salzburger ÖVP Mitte März im Landtag einen Antrag zur Abschaffung der Sommerzeit eingebracht. Er wurde mehrheitlich angenommen. "Die Zeitumstellung ist nur mehr eine Angewohnheit, die erwiesenermaßen statt Vor- sogar Nachteile hat", sagt Klubchefin Gerlinde Rogatsch. Die Sommerzeit ist seit 1996 in der EU einheitlich geregelt, 2015 beginnen die Verhandlungen zur Verlängerung. Hier sieht Rogatsch die Chance, sie abzuschaffen. "Mit dem Landtagsbeschluss wird die Bundesregierung aufgefordert, an die Fachminister im EU-Rat heranzutreten."

Zeit-Geschichte

Umstellung Seit 1973 wird in Europa an der Uhr gedreht. Anlass für die Einführung der Sommerzeit war die Ölkrise. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht gewonnen werden.

Nachzieher Österreich beschloss die Einführung erst 1979 – und zwar wegen verwaltungs- technischer Probleme, und weil man eine Harmonisierung mit der Schweiz und mit Deutschland wollte. Doch bereits während des Ersten Weltkriegs wurde in Österreich-Ungarn die Sommerzeit eingeführt. Von 1916 bis 1918 galt sie kriegsbedingt, dann wurde sie abgeschafft. Ein zweiter erfolgloser Versuch wurde 1940 bis 1948 unternommen.

Wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät

Sommerzeit bringt Uhrmachern Geld

Je öfter bei einer Uhr eingegriffen wird, umso eher entstehen Störungen", erklärt Wolfgang Hörmann, Direktor der Uhrmacher-Schule im Waldviertel. Deswegen sei die Zeitumstellung für Uhrmacher ein Geschäft.

"Vor allem am Montag und Dienstag nach der Zeitumstellung kommen Kunden vorbei. Meistens sind es ältere Leute, die Hilfe benötigen", erklärt Uhrmacher-Meisterin Silvia Diem aus Krems. Auch ein "Revoluzzer" gehört zu ihren Kunden. "Er will nicht, dass ich ihm beim Batterietausch die aktuelle Zeit einstelle", schildert Diem.

Rupert Kerschbaum, Leiter des Wiener Uhrenmuseums, musste gestern 40 historische Uhren umstellen. Die älteste ist 230 Jahre alt.

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