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Chronik Österreich
02/18/2021

Schwere Komplikationen: Semmering-Basistunnel kommt zwei Jahre später

Das Katastrophenjahr 2019 hat den Zeitplan weiter nach hinten verschoben. Die Baukosten steigen auf 3,5 Milliarden Euro.

von Patrick Wammerl

Schwere Komplikationen beim Bau des 27 Kilometer langen Semmering-Basistunnel zwischen NÖ und der Steiermark haben den Zeitplan weiter durcheinander gewürfelt. Nachdem man bereits im Vorjahr bekannt gegeben hat, dass sich die prognostizierte Freigabe um ein Jahr auf 2027 verzögert, wurde am Donnerstag nun ein weiterer Rückschlag bekannt gegeben.

Nach den vielen Zwischenfällen beim Tunnelbau hat eine neuen Evaluierung ergeben, dass die Verkehrsfreigabe frühestens mit dem Fahrplanwechsel in der zweiten Jahreshälfte 2028 erfolgen kann. Auch die Baukosten erhöhen sich um gut elf Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, erklärte Franz Bauer, Vorstandsdirektor ÖBB-Infrastruktur AG, am Donnerstag im Zuge eines virtuellen Pressegesprächs.

Krater an der Erdoberfläche

Die weitere Verzögerung ist den vielen geologischen Komplikationen geschuldet, die besonders im "Katastrophenjahr" 2019 eingetreten sind, sagt Alois Vigl, Experte für Geotechnik und Tunnelbau. Beim Tunnelvortrieb in Gloggnitz wurde ein Schlot angefahren, der zu einem massiven Gesteinsniederbruch führte. 100 Meter darüber im Gemeindegebiet von Aue bei Gloggnitz (NÖ) entstand ein Krater in der Größe eines Einfamilienhauses an der Erdoberfläche.

Damit noch nicht genug wurde beim Vortrieb Göstritz in NÖ ein sogenannter Karstschlauch angefahren. Die Quelle flutete das Tunnelsystem mit 100 Liter Bergwasser pro Sekunde. "Das haben wir nicht erwartet und es ist uns erst Ende 2020 gelungen, dieses Wasser aus dem Tunnelvortrieb hinaus zu bekommen", so Vigl.

Auch auf steirischer Seite setzte sich die Pannenserie fort. Eine der beiden Tunnelbohrmaschinen blieb stecken und musste mühevoll ausgegraben werden. In weiterer Folge konnte die zweite Tunnelbohrmaschine auf dem Gleis daneben die Stelle nicht passieren und stand fast zwei Monate lang still.

"Wir alle haben gewusst, dass es tunnelbautechnisch eine massive Herausforderung wird. Aber wir haben nicht mit dieser Häufung an Komplikationen gerechnet", erklärt der Geologe.

Das Semmeringmassiv habe einen extrem komplizierten Gebirgsaufbau mit großen Herausforderungen an den Tunnelbau. Gesteinsschichten mit unterschiedlichen Eigenschaften – hart, weich, wasserführend, trocken – treffen aufeinander. "Unsere Prognosen sind sehr treffsicher, aber jede Bohrung ist nur ein Nadelstich. Trotz der rund 200 Erkundungsbohrungen mit bis zu 850 m Tiefe und den daraus gewonnenen Informationen über den Gebirgsaufbau müssen wir in der Bauphase auf die entsprechenden geologischen Störungszonen reagieren“, sagt Vigl.

Zwei Drittel bereits bewältigt

Laut Vorstandsdirektor Bauer sei es aber bei solchen Großprojekten üblich, dass die Baukosten und auch der Zeitplan den Prognosen nicht standhalten können. Mit elf Prozent Kostenüberschreitung liege man noch in einem guten Bereich. Studien zur Folge liegen andere Projekte in Europa deutlich darüber. „Der Semmering-Basistunnel, als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte entlang der neuen Südstrecke, bringt mehr Reisequalität für die Fahrgäste und erhöht die Leistungsfähigkeit des Schienengüterverkehrs deutlich. Aufgrund der geologischen und geotechnischen Herausforderungen im Berg, die uns auf eine harte Probe stellen, müssen wir die Inbetriebnahme des Tunnels leider um ein Jahr auf 2028 verschieben", so Bauer.

Für den 27 Kilometer langen Tunnel müssen von fünf Stellen aus mit insgesamt 14 Vortrieben rund 62 Tunnelkilometer gesprengt und gegraben werden. Zwei Drittel davon sind bereits bewältigt. Die Experten hoffen, dass das letzte Drittel nicht derart viele böse Überraschungen hervor bringt, wie das Jahr 2019.

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