© Wammerl Patrick

Chronik | Niederösterreich
07/08/2019

Schlammbrühe aus dem Semmering-Basistunnel

Bäche und Flüsse im Semmeringgebiet mit Millionen Liter von verdrecktem Wasser aus der Tunnelröhre verunreinigt.

Nach dem Tunneleinsturz und der anschließenden Kraterbildung am Semmering in Niederösterreich gibt es den nächsten schweren Zwischenfall beim Bau des Basistunnels. Mehrere Kilometer tief im Bergmassiv sind die Mineure beim Tunnelvortrieb auf eine Bergwasserader gestoßen. Und die ist so stark, dass die schlammige Suppe nicht mehr gefiltert und gereinigt werden kann. Millionen Liter der weißen Brühe laufen seit Tagen talabwärts durch den Göstritz- und Auebach in die Schwarza.

Das sedimenthaltige Wasser hat mehrere Fischzuchtanlagen vernichtet und allen Tieren in den sonst so reinen Gebirgsbächen ihre Lebensgrundlage genommen. Weil die ÖBB die Situation mit einem „starkem Regen oder einem Hochwasserereignis“ vergleichen, gehen in den umliegenden Gemeinden und bei den Betroffenen die Wogen hoch.

Beim Tunnelbaulos in Göstritz ist das eingetreten, wovor die Tunnelgegner immer gewarnt haben. Aus dem Bergmassiv schießen derzeit pro Sekunde 60 Liter stark sedimenthaltiges Wasser. Die Gewässerschutzanlage auf der riesigen Baustelle können den ausgespülten Sand und die Gesteinspartikel nicht mehr filtern. Damit laufen mehr als fünf Millionen Liter Brühe pro Tag beinahe ungefiltert in den Göstritzbach.

Anstatt mit reinem Quellwasser wurden die Zuchtanlagen des Gloggnitzer Fischereivereins mit dem weißen Sediment geflutet. Nur ein kleiner Forellenbestand konnte in einem Becken mit reinem Wasser gerettet werden. Erich Schabus, der Obmann und Fischereiberechtigte für die Schwarza und deren Nebengerinne, spricht von einer ökologischen Katastrophe. „Das mit dem trüben Wasser nach einem Gewitter zu vergleichen, ist eine Verhöhnung“, sagt Schabus.

Auch die Gloggnitzer Bürgermeisterin Irene Gölles ist angesichts der Brühe, die durch die Stadt fließt, beunruhigt. „Es heißt immer, es besteht keine Gefahr. Die Polizei hat aber Wasserproben entnommen und die Behörde untersucht es. Ich hoffe, dass wir bald Antwort bekommen, was jetzt genau das Ergebnis ist“, sagt Gölles.

Bei den ÖBB versucht man zu beruhigen. „Durch das laufende ökologische Monitoring werden etwaige Auswirkungen detailliert erhoben. Wir haben unter anderem bei einem Infoabend am 3. Juni auch den Anrainern berichtet, dass es zu diesen Auswirkungen kommen kann“, sagt ÖBB-Sprecher Karl Leitner.

Horst Reingruber von der Gloggnitzer Bürgerinitiative BISS erinnert sich an diese Aussagen. „Es war allerdings von einer möglichen Trübung des Wassers die Rede und nicht davon, was hier für eine Katastrophe passiert ist. Das hat eine andere Dimension“.

Keine Prognose

Was den Betroffenen in der Region besonders Sorge bereitet ist, dass niemand vorher sagen könne, wie lange die milchige Sturzflut noch aus dem Berg sprudelt . „Die ÖBB haben die Situation nicht mehr im Griff und niemand hat den Mut das zuzugeben“, sagt Schabus, der jahrzehntelang Tourismusdirektor am Semmering war.

Laut Michael Engel von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft in Neunkirchen, wurde die Ableitung des Wassers aus dem Tunnel mit Bescheid des Landes NÖ bewilligt. „In dieser Bewilligung sind klare Parameter zu Qualität und Menge vorgeschrieben. Die Verantwortlichen der ÖBB-Baustelle arbeiten unter der Bauaufsicht des Verkehrs- und Infrastrukturministeriums derzeit an technischen Lösungen, die Ableitung von getrübtem Wässern möglichst rasch zu beenden.“

Die Bezirkshauptmannschaft und die technische Gewässeraufsicht des Landes NÖ überprüfen mit Sachverständigen derzeit den Sachverhalt, sagt Engel.

Wie vom KURIER berichtet, war es zu Ostern beim Spreng- und Baggervortrieb etwa drei Kilometer tief im Tunnelinneren zu einem Teileinsturz in einer der beiden Röhren gekommen. Auf einer Länge von 25 Metern hatte sich das Gesteinsmaterial unter starkem Wassereintritt gelöst. Die Mineure mussten im Laufschritt flüchten, während das Gestein alles darunter liegende verschüttete – auch einen Caterpillar.