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Chronik Niederösterreich
05/06/2019

Riesiger Trichter: Erde über Semmeringtunnel eingebrochen

Erneut gefährlicher Zwischenfall in Gloggnitz: Zehn Meter großer Krater bildete sich an Erdoberfläche. Mit Exklusiv-Video.

von Patrick Wammerl

Der Zwischenfall mit der eingestürzten Tunneldecke im Semmering-Basistunnel ist dramatischer als befürchtet – und er hätte auch tödlich enden können: Nach dem Einbruch von Gesteinsmaterial mehrere Kilometer tief im Bergmassiv, ist nun etwa 100 Meter darüber im Gemeindegebiet von Aue bei Gloggnitz (NÖ) die Erdoberfläche eingebrochen. Mitten im Grünland hat sich ein zehn Meter großes Loch im Erdboden aufgetan. Der Krater reicht mehr als zehn Meter tief in das Erdreich.

In der Ortschaft herrscht seit der Entdeckung des Kraters große Nervosität. Die beiden Tunnelröhren führen im bebauten Ortszentrum nur 30 Meter unter den Häusern durch. Zwar ist diese heikle Stelle unterirdisch schon passiert, der jetzige Erdeinbruch befindet sich allerdings nur 200 Meter von den nächsten Häusern entfernt in einem Waldstück.

Ministerium gewarnt

„Die Erde ist exakt über dem Gleis 1 des Basistunnels eingebrochen. An der Stelle sind zwischen Tunnelröhre und Erdoberfläche etwa 120 Meter Gesteinsschicht“, erklärt ein Insider der ÖBB. Entdeckt wurde der Krater von den Söhnen des Waldbesitzers. Das Erdloch hat alles umliegende wie Felsen, Bäume und Waldboden mitgerissen und verschluckt. Aus Sicherheitsgründen wurde die Stelle großflächig mit Absperrbändern und Zäunen abgesichert.

„Wir wurden vor einigen Tagen von den ÖBB verständigt, dass sich der Zwischenfall im Tunnel bis zur Erdoberfläche ausgewirkt hat. Alle Stellen von der Bezirkshauptmannschaft bis zum Ministerium sind informiert“, schildert die Bürgermeisterin der Stadtgemeinde Gloggnitz, Irene Gölles.

„Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn das im bebauten Gebiet passiert“, erklärt Horst Reingruber von der Bürgerinitiative BISS, die immer gegen den Basistunnel aufgetreten ist. Seit Sonntag zerbrechen sich die ÖBB und die zuständigenn Baufirmen die Köpfe darüber, wie der Einbruch des Erdmaterials zu sanieren ist und welche Auswirkungen dies auf den Bau des Tunnels hat. Denn die als sehr kritisch eingestuften inhomogenen Gesteinsschichten liegen erst vor den Mineuren. 

Wie vom KURIER berichtet, war es zu Ostern beim Spreng- und Baggervortrieb etwa drei Kilometer tief im Tunnelinneren zu einem Teileinsturz in einer der beiden Röhren gekommen. Auf einer Länge von 25 Metern hatte sich das Gesteinsmaterial unter starkem Wassereintritt gelöst. Wie ein Video aus dem Tunnel zeigt, mussten die Mineure im Laufschritt flüchten, während das Gestein alles darunter liegende verschüttete – auch einen Caterpillar.

Der Tunnel beim KURIER-Lokalaugenschein vor drei Wochen

Gerhard Gobiet, ÖBB-Projektleiter, zeigt den Bau der Verbindung zwischen zwei Tunneln

Der Tunnel beim KURIER-Lokalaugenschein vor drei Wochen

Der sogenannte "Querschlag" verbindet Tunnelröhren und dient später auch als Fluchtweg

Bei den Arbeiten dürfte nun das eingetreten sein, wovor die Tunnelgegner immer gewarnt haben. Der Wassereinbruch ist so stark, dass das heterogene Gesteinsmaterial einfach nachgegeben hat. Das hat nun anscheinend zu der Kraterbildung 100 Meter darüber an der Erdoberfläche geführt.

„Der Krater im Wald ist bereits abgesichert. Das Material wird in Absprache mit der Behörde derzeit wieder verfüllt“, so ÖBB-Sprecher Christopher Seif. „Aus derzeitiger Sicht kann man davon ausgehen, dass es zu keinem weiteren Einbruch des Materials kommt. Der Wassereintritt im Tunnel ist jedenfalls vorbei.“