Chronik | Österreich
24.08.2018

Schulbeginn: Kampf gegen den Lehrermangel

Einen Lehrer-Engpass wie in Deutschland gibt es bei uns nicht. In einzelnen Fächern muss aber bereits improvisiert werden.

Auf die kurz vor Schulbeginn beliebte Journalistenfrage, ob ein Lehrermangel vorherrsche, antwortet man beim Wiener Stadtschulrat mit einem klaren „Jein“. Denn das Wort allein suggeriere einen Krisenzustand – „ein solcher wäre aber nur gegeben, wenn nicht genügend Personal mit adäquater Ausbildung gefunden werden könnte“. Was nicht der Fall sei – das Defizit an Lehrern komme in der Klasse nicht an, bleibe von den Schülern also unbemerkt. Nicht von der Hand zu weisen sei aber eine große Anzahl von Pädagogen, die in den nächsten drei bis fünf Jahren die Pension antreten werden – und das bei stetig steigenden Schülerzahlen.

So ist etwa ein Drittel der Lehrer über 50 Jahre alt. Das Durchschnittsalter in der Volksschule beträgt laut Unterrichtsministerium zurzeit 45,3 Jahre, in der Neuen Mittelschule (NMS) 48,4 Jahre und in AHS sowie BHS 46,7 Jahre.

Dazu kommt ein genereller Mangel an Absolventen in den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Und auch die Rekrutierung von Lehrpersonal in ländlichen Gegenden, wie dem Lungau, dem nördlichen Waldviertel oder dem Südburgenland sei eine Herausforderung, heißt es aus dem Ministerium.

"Bilden genügend Pädagogen aus"

Von einem Problem oder gar einer nationalen Notlage könne dennoch keine Rede sein, beruhigt Unterrichtsminister Heinz Faßmann (ÖVP). Obwohl stärkere Pensionierungsjahre bevorstünden, sei man in Österreich im Gegensatz zu Deutschland gewappnet. „Unsere Lehrerbedarfprognose beugt aktiv vor.“ Was bedeutet, dass die Bedarfsrechnung Schülerzahlen/Pensionierungen laufend aktualisiert und mit Unis und Pädagogischen Hochschulen (PH) abgestimmt werde.

„Wir haben also eine gute Datenbasis und bilden genügend Pädagogen aus“, sagt Faßmann. 2017 befanden sich bundesweit an PH rund 38.000 Personen in Ausbildung. Etwa 3800 davon schlossen ihr Studium gerade ab, mehr als 13.000 absolvierten ihr erstes Semester. „Vorauseilend von Deutschland auf uns zu schließen, wäre also eine Überreaktion“, so der Minister. „Mehr Lehrer auszubilden als wir brauchen, wäre kontraproduktiv.“

Nichtsdestotrotz ziele ein neues Bundesgesetz darauf ab, den Beruf noch attraktiver zu gestalten. So schaffe man etwa mehr Möglichkeiten zur Um- und Neuqualifizierung, um innerhalb des Schulwesens in unterschiedlichen Bildungstypen als Lehrer tätig werden zu können. Zudem werde es Quereinsteigern erleichtert, als Pädagogen zu arbeiten. Und auch eine leistungsorientierte Gestaltung der Besoldung und eine Standort-autonome, flexible Arbeitszeitgestaltung seien vorgesehen.

Umschichtungen

In den Bundesländern beurteilt man den Status-quo zwar nicht ganz so entspannt. Hänge die Zahl der zur Verfügung stehenden Planstellen doch stark von den vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel ab. So fehlen in Wien durch die Entscheidung der türkis-blauen Regierung, das Integrationspaket (von 80 Millionen Euro bundesweit) nicht zu verlängern, im Schuljahr 2018/19 etwa 300 Lehrerplanstellen, erklärt Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer. Durch Kürzungen in anderen schulischen Bereichen habe man aber genug Lehrer in den Klassen stehen.

Für die Schüler sei der Lehrermangel nicht spürbar, betont auch er. Kompensiert werde er hauptsächlich durch Überstunden, aber auch durch ein Zurückgreifen auf Lehramtsstudenten – sofern sie die nötige Kompetenz mitbringen. In Wien dürfen dank eines Sonderprojekts zudem 23 Flüchtlinge in ihren angestammten Fächern unterrichten.

Abhilfe erhofft sich Himmer auch von einer Vernetzung mit den Landesschulräten von NÖ und dem Burgenland, um Lehrer je nach lokalem Bedarf am effizientesten einsetzen zu können.