Chronik | Wien
26.02.2018

Erstmals in Europa: Flüchtlinge dürfen bald unterrichten

Lehrer mit Asylstatus erhalten zurzeit die Berechtigung, ab dem nächsten Schuljahr an NMS und Gymnasien zu arbeiten.

Neue Wege in punkto Schule geht die Stadt Wien mit dem Projekt CORE: In dessen Rahmen erhalten zurzeit 23 Flüchtlinge, die in ihren Herkunftsländern Lehrer waren, das Rüstzeug für den Unterricht in Österreich. Ab dem kommenden Wintersemester sollen sie in ihren angestammten Fächern an Neuen Mittelschulen (NMS) und Gymnasien zum Einsatz kommen.

Damit schlägt Wien zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wird die Integration geflüchteter Menschen beschleunigt, indem man ihnen eine berufliche Perspektive gibt. Und zum anderen besteht Bedarf an neuen Lehrern. Die Initiative ist europaweit die erste dieser Art.

Pädagogik im Eiltempo

Die Initiative "CORE – Integration im Zentrum" mit einem Gesamtbudget von rund sechs Millionen Euro ist ein Gemeinschaftsprojekt von MA 17 (Integration und Diversität), Fonds Soziales Wien, waff (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds), Wirtschaftsagentur und Stadtschulrat. Wobei 80 Prozent durch die EU gefördert und 20 Prozent durch die Projektpartner finanziert werden.

Der Stadtschulrat konzentriert sich in Kooperation mit dem Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien nun im Speziellen auf Lehrer mit Fluchterfahrung – in erster Linie aus Syrien, dem Irak und dem Iran.

Nach Prüfung ihrer fachlichen Eignung werden ihnen in einem einjährigen Zertifikatslehrgang die pädagogischen Grundlagen für den Unterricht in Österreich vermittelt – quasi im Eiltempo. Wobei die Teilnehmer genau dieselbe Stundenanzahl benötigen, wie Studierende eines regulären Lehramtsstudiums – die Lektionen sind bloß komprimiert. Parallel dazu ermöglicht der Stadtschulrat den Flüchtlingen Schulpraxis. 23 Wiener Schulen haben sich freiwillig dafür gemeldet und stellen Begleitlehrer – sogenannte Mentoren – für die Flüchtlinge bereit.

Sondervertrag

Um am Zertifikatslehrgang teilnehmen zu können, müssen die geflüchteten Lehrer einen aufrechten Asylstatus haben. Ein abgeschlossenes Studium und Lehrpraxis sind ebenso Voraussetzung, wie die Beherrschung der deutschen Sprache auf B2-Niveau. Teil der Ausbildung ist aber auch ein Sprachkurs, damit die Kursteilnehmer C1-Niveau erreichen, bevor sie ab dem Semester 2018/19 Neue Mittelschüler und Gymnasiasten unterrichten.

Der Kurs berechtigt die Lehrer, die in ihren Herkunftsländern in der Regel nur ein Fach hatten, zur Arbeit mit einem Sondervertrag des Stadtschulrats. Und nach einem Jahr Unterricht zum Studieren eines weiteren Faches, das sie für eine reguläre Anstellung benötigen. Da die pädagogischen Grundlagen aber bereits vorhanden sind, dauert dieses Lehramtsstudium für sie dann kürzer.

Zu den geflüchteten Lehrern gehört auch Afaf Zriqat (34), die in einem syrischen Gymnasium Chemie, Physik und Mathematik unterrichtete, bevor sie 2015 nach Österreich kam. Im Floridsdorfer Gymnasium und Realgymnasium Franklinstraße 26 absolviert sie ihre Praxis.

Die Schüler, erzählt sie, reagieren durchwegs positiv auf sie. Vielleicht auch, weil viele von ihnen selbst Fluchterfahrung haben. Dass sie als Muslimin ein Kopftuch trägt, spiele weder in der Klasse, noch im Kollegium eine Rolle. Das bestätigt auch Michael Patka, der Frau Zriqat als Mentor begleitet. Ihr "Lehrer" sei er aber nicht, sagt der Mathematiker. Das Verhältnis sei ein kollegiales.

Humankapital nützen

Beim Stadtschulrat bestätigt man den Bedarf an neuen Lehrern in Anbetracht der zu erwartenden Pensionierungen– besonders in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Durch CORE werde nun "nicht nur traumatisierten Menschen der berufliche Wiedereinstieg ermöglicht", sagt Projektleiter Patricio Canete-Schreger. "Sondern wir können auch eine brachliegende Ressource aufgreifen und das Humankapital nützen."

Weitere Initiativen, die im Rahmen von CORE in Wien umgesetzt wurden, präsentieren die zuständigen SPÖ-Stadträte Jürgen Czernohorszky und Sandra Frauenberger am Mittwoch der Öffentlichkeit.