© Kurier/Kurier/Jakob Gruber

Reportage
08/01/2021

S18: Auf der Schnellstraße in die "Steinzeit"

Im Bund sind ÖVP und Grüne in puncto Klimaschutz heftig aneinandergekracht. Ein Lokalaugenschein zwischen Trassen und Ruheoasen.

von Christian Willim

VP-Bürgermeister Kurt Fischer schwingt sich vor dem Rathaus auf sein E-Bike. Auto hat er keines. Auf dem Rad geht es, das KURIER-Team im Schlepptau, durch Begegnungs-, 30er- und 40er-Zonen. Der Gemeindechef will, dass Lustenau „in die Europa-League des Radverkehrs aufsteigt und wir Vorbild für den Klimaschutz werden“.

Der Klimaschutz führte in den vergangenen Tagen auf Bundesebene zu einem veritablen Schlagabtausch zwischen den Regierungspartnern ÖVP und Grünen. Und Lustenau war dabei gewissermaßen die Spielwiese.

Dass Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) die S18-Schnellstraße – eine geplante Verbindung der Rheintalautobahn (A14) zu Schweizer A13 und A1 – gemeinsam mit anderen Verkehrsprojekten auf ihre Sinnhaftigkeit prüfen lässt, veranlasste VP-Bundeskanzler Sebastian Kurz bei einem Vorarlberg-Besuch zur Aussage: „Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit führen sollte.“

Durch das Wohngebiet

Über die S18 wird seit den 1960er-Jahren im Ländle debattiert. Sie soll Lustenau und die benachbarten Gemeinden vom Verkehr entlasten. Mit Bürgermeister Fischer geht es an einen der Hotspots. An der Reichsstraße herrscht Kolonnenverkehr. Die Straße führt zu einem Nadelöhr, der Rheinbrücke – Grenzübergang in die Schweiz. 2.000 bis 3.000 Lkw fahren jeden Tag, auch in Ermangelung einer hochrangigen Verbindung durch Lustenau, zum Teil mitten durchs Siedlungsgebiet.

Für Fischer, so grün viele seiner Ansichten sind, führt kein Weg am Bau der S18 vorbei. Der Aussage seines Bundesparteiobmanns kann er dennoch wenig abgewinnen.

„Diese Polarisierung – wer Klimaschutz will – möchte in die Steinzeit, ist völlig unzulässig“, sagt der Kommunalpolitiker, der aber auch festhält: „Kategorisch zu sagen, man darf keinen Kilometer Straße mehr bauen, ist genauso ideologisch und plakativ.“

Vor Ort wird zudem rasch klar: So zugespitzt und vereinfacht die Debatte über die S18, die von der Asfinag als „eines der wichtigsten Straßenbauprojekte im Westen von Österreich“ bezeichnet wird, derzeit ist, so kompliziert ist das Thema in Wahrheit.

Landespolitik
In Vorarlberg regieren seit 2014 – wie inzwischen auch im Bund – ÖVP und Grüne gemeinsam. Bei der Debatte um die S18, die von der ÖVP seit den 1960er-Jahren forciert wird, gab es nie Konsens. Die Grünen hatten sowohl bei der VP-Vorzugsvariante Z, wie nun auch bei der von der Asfinag verfolgte CP-Variante stets Bedenken

Entscheidung 2020
Vor allem Lustenaus Bürgermeister Kurt Fischer (VP) machte sich über Jahre für die Z-Trasse stark. Die Asfinag gab aber 2020 der CP-Variante den Vorzug. Sehr zum Ärger von Fischer. Die Landes-VP akzeptierte die Entscheidung hingegen

Neue Debatten
Die CP-Trasse wird nun im Auftrag der Umweltministerin einem Klimacheck unterzogen. Zudem soll eine Tunnelvariante bei Hohenems-Diepoldsau als kürzere Alternative zur S18 geprüft werden

Cholera und Pest

Fischer kämpft zwar seit Jahren für die S18. Die Trasse, die von der Asfinag 2020 nach jahrelangem Planungsprozess als verfolgenswert eingestuft wurde, lehnt der Bürgermeister aber ab. Die sogenannte CP-Variante ist für ihn eine „Cholera- und Pestvariante“ für Lustenau, da sie einerseits am östlichen Siedlungsraum des Orts und andererseits durch das sogenannte Ried führt.

Dieser riesige grüne Gürtel zwischen Rheintalautobahn und Lustenau ist Naturoase und Naherholungsraum, den es gelte „den nächsten Generationen in besserem Zustand zu übergeben“, wie der Bürgermeister meint. Auf der Fahrt dorthin leitet er durch fast dörfliche Ortsteile von Lustenau, durch die in der Früh und am Abend tausende PKW im Pendlerverkehr fahren.

„Es braucht einen Maßnahmenmix auch jenseits der Straße, etwa betriebliches Mobilitätsmanagement“, sagt Christine Bösch-Vetter, grüne Gemeinderätin deshalb bei einem Treffen an einer jener Stellen im Ried, wo die S18 verlaufen soll. „Das Ried ist ein Centralpark. Das kann man nicht mit einer hochrangigen Straße durchschneiden“, ist für sie klar.

Nicht durch das Ried

Die CP-Variante ist für die Politikerin genauso wenig eine Option, wie die vom Bürgermeister forcierte Z-Variante. Diese Trasse ist zwar kürzer, aber würde, wenn auch unterirdisch, ebenfalls durch das Ried und einen Teil des Natura-2000-Gebiets verlaufen.

Für Christoph Metzler, Verkehrssprecher der Grünen im Landtag, geht es nicht nur um Naturschutzfragen – bei beiden Trassen. „Das Ried ist ein Niedermoor. Hier ist kein unterirdischer Trassenbau möglich“, sagt der Ingenieur.

Die Grünen machen sich als S18-Alternative für eine Tunnelverbindung zwischen der A13 und A14 stark. Und zwar bei Diepoldsau-Hohenems, wo die beiden Autobahnen besonders nahe beisammen liegen. Diese Variante soll nun im Zuge der S18-Evaluierung ebenfalls geprüft werden. Weiterer Stoff im Streit um die beste Verkehrslösung ist garantiert.

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