Chronik | Österreich
26.08.2017

Prediger schwer zu überführen

IS-Sympathisanten: Heimische Gesetzeslage reicht laut Experten kaum gegen Radikale aus.

Selbsternannte Hinterhof-Imame, die versuchen, andere zu radikalisieren, sind sowohl inner- als auch außerhalb der heimischen Gefängnisse ein nicht zu unterschätzender Gefahrenherd.

Im Jänner wurden zwölf Mitglieder eines islamischen Glaubensvereins in Graz sowie die beiden führenden Prediger und "Autoritäten" der dort ansässigen Moschee wegen Terrorverdachts festgenommen. Der deutsche Islamwissenschafter Guido Steinberg bekam von der Staatsanwaltschaft Graz den Auftrag, die Rolle der Prediger Nedžad B. (41) alias Ebu Muhammad und Farhad Q. (40) alias Abu Hamzah al-Afghani genau zu durchleuchten. Sein Gutachten macht deutlich: Trotz massiver radikaler Tendenzen in zig Schriften und Predigten ist es nach bestehender Gesetzeslage schwer, den Verdächtigen staatsfeindliche Aktivitäten oder den Aufruf zu terroristischen Handlungen nachzuweisen – und das obwohl 19 Mitglieder des Grazer Glaubensvereins nach Syrien in den Krieg gezogen sind.

Sektenartige Strömung

Der Verein und die Imame Ebu Muhammad und Abu Hamzah al-Afghani werden in die Gruppe der "Takfiristen" eingeordnet – eine sektenartige Strömung, die ganze muslimische Gesellschaften für ungläubig hält. "Sie gelten als radikalster Teil der dschihadistischen Bewegung", sagt Steinberg. Ein Teil spreche sich aktuell aber gegen Gewalt und die Terrormiliz IS aus.

Nach Durchsicht aller veröffentlichen Schriften ist Steinberg der Meinung, dass sich die Glaubenslehre der beiden Prediger innerhalb der demokratisch rechtsstaatlichen Ordnung bewege. Auffällig sei allerdings, dass so viele Anhänger des Glaubensvereins sich dem IS in Syrien anschlossen haben und Nedžad B. als führende Kraft dabei zusah. "Er wäre allerdings nicht der erste ideologische Anführer, der seine Anhänger in den Kampf schickt, nur um selbst zurückzubleiben", heißt es in Steinbergs Gutachten.

Weil Farhad Q. bisher keine direkte Beteiligung an einer radikal islamischen Terrorvereinigung nachgewiesen werden konnte, wurde er kürzlich aus der U-Haft entlassen. Nedžad B. hat seine nächste Haftprüfungsverhandlung am Montag.

Probleme im Gefängnis

"Wir hatten hier Probleme", gibt Josef Mock, Leiter der Justizanstalt Graz-Karlau, zu. "Vier verurteilte Radikalisierer, die junge Muslime unter Druck gesetzt haben, damit sie bei der Inszenierung des politischen Islams mitmachen." Da wurde dann in großen Gruppen offen auf dem Spazierhof gebetet, doch "Zusammenrottungen" jeglicher Art seien verboten. "Das war eine Provokation, die wir nicht zulassen können", betont Mock.

Deshalb wurden vor kurzem zwei der selbst ernannten Prediger verlegt. Seither habe sich die Situation verbessert. "Die Radikalisierer haben viele im Schlepptau, denen das Thema gar nicht so recht ist", glaubt Mock. Denn unter den 111 Muslimen in der Karlau schätzt er nur fünf bis sechs als gefährdet für die Ideologie der Dschihadisten ein. "Die anderen sagen, sie sind froh, von dem Druck befreit zu sein, mitmachen zu müssen."

Doch diese Handvoll sei unter ständiger Beobachtung und werde mit Arbeit, Sport, Berufsausbildung und kultureller Vermischung beschäftigt, beschreibt Mock. Von den 520 Insassen der Karlau sind ein Fünftel Muslime. "Viele sind sehr religiöse Leute", betont Mock. Anfällig dadurch für radikale Prediger: Er würde sich mehr Zusammenarbeit mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft wünschen. "Es ist sehr schwierig, Imame zu bekommen, die öfter bei uns sind."