Lifebrain

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Analyse
11/13/2021

PCR-Tests: Warum in Wien das Gurgeln am besten funktioniert

"Alles gurgelt" ist in Wien Chefsache. Der Erfolg in der Hauptstadt fußt auf Transparenz und Fehlermanagement.

von Agnes Preusser

Österreichweit werden die PCR-Testmöglichkeiten immer weiter ausgebaut. In vielen Bundesländern häufen sich seit dieser Woche aber die Probleme. Bei „Niederösterreich gurgelt“ waren die Tests schnell vergriffen. In Salzburg musste nach Umsetzungsproblemen das Wiener Lifebrain-Labor für die Belieferung einspringen.

In der Steiermark kämpft man mit „massiven Problemen“ bei der zeitgerechten Auswertung. Im Burgenland gibt es keine Probleme – dort läuft das Projekt aber erst seit 1. Oktober. In Wien gurgelt man aber schon wesentlich länger reibungslos. Und das seit bereits neun Monaten.

Dass Wien einsame Spitze bei den PCR-Testungen ist, zeigt sich auch in den Zahlen. Dort wurden von 5. bis 12. November fast 70.000 Tests pro 100.000 Einwohnern durchgeführt, in Oberösterreich waren es nur 16.000 (siehe Grafik).

Absolute Chefsache

Aber was macht Wien anders? Hört man sich bei den involvierten Personen um, fällt oft das Wort „Chefsache“. Schon bei der ersten Präsentation des Expertengremiums „Covid-19 Future Operations Plattform“ rund um Thomas Starlinger, Adjutant von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, soll Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) mit den Worten „Ja, ich möchte das!“ im Sommer 2020 das Projekt zu einem solchen gemacht haben.

Fortan lief alles über seinen Schreibtisch. Im Gegensatz zu anderen Bundesländen, wo vieles über die Verwaltungsebene läuft. Ludwig ist auch das Gesicht der Kampagne – gemeinsam mit Walter Ruck, Präsident der Wiener Wirtschaftskammer.

An sich wenig überraschend: Vom gemeinsamen Schnitzel bis zum Weihnachtseinkauf lassen Ruck und Ludwig schließlich kaum eine Gelegenheit aus, ihre rot-schwarze (!) Achse zu demonstrieren. Beim Gurgeltest ist das gemeinsame Auftreten aber weit mehr als eine PR-Aktion.

Im Hintergrund lief die Maschinerie in der Kammer schon lange vor dem eigentlichen Startschuss auf Hochtouren – koordiniert vom gut vernetzten Ex-Hauptverbandschef und Standortanwalt Alexander Biach.

Er war es, der das Projektmanagement aufsetzte und Partner – von Rewe bis Lifebrain – an Bord holte. „Bei der Entscheidung für die Testkits haben wir uns intensiv von der AGES beraten lassen“, sagt Biach. „Da konnten und wollten wir uns keinen Fehler erlauben.“

Fehler sollten überhaupt weitgehend ausgemerzt werden. „Alles gurgelt“ wurde darum in einer mehrwöchigen Pilotphase mit einzelnen Unternehmen getestet. Informatiker wurden herangezogen, mehrere Stresstests durchgeführt und Hacker-Angriffe simuliert.

Bei der Wien-weiten Ausrollung kam es trotzdem kurz zu Problemen. „Wir haben eine Sicherheitsschranke zu viel eingebaut“, sagt Starlinger. Es griffen so viele Leute zu, dass das als Spam-Angriff gewertet wurde; innerhalb weniger Stunden war das aber behoben.

Auch die Logistik wurde fein säuberlich vorbereitet. „Es durfte auf keinen Fall passieren, dass Menschen in einer Filiale keine Tests vorfinden“, sagt Margaretha Gansterer, Logistik-Professorin der Uni Klagenfurt, die gemeinsam mit Kollegen der Uni Wien das Projekt berät.

Laufende Prognosen

Gemeinsam mit Rewe, wo die Testkits aufliegen, wurden darum Prognosen erarbeitet. Das geschehe nach wie vor laufend, um auf aktuelle Entwicklungen Rücksicht nehmen zu können.

Wichtig dabei sei die Transparenz. „Das Team weiß, wann der Bürgermeister was sagen wird, und kann erwartete Effekte dementsprechend einberechnen“, so Gansterer.

Das Projekt ist nach wie vor kein Selbstläufer. „Seit neun Monaten gibt es ausnahmslos jeden Donnerstag ein Meeting mit allen Projektpartnern“, sagt Starlinger. Auch hier gilt: Chefsache. „Dass sich jemand der Entscheider vertreten lässt, kommt nur in absoluten Ausnahmefällen vor.“

Besprochen wird jedes noch so kleine Problem. „Wenn ein Sack mit Tests aus einer Filiale nicht abgeholt wurde, wird analysiert, wie wir das verhindern können“, sagt Bipa-Geschäftsführer Markus Geyer.

Dass Wien aufgrund der hohen Filialdichte einen entscheidenden Vorteil hätte, will Geyer so nicht stehenlassen. „Bei der Abholung hat ein Logistikpartner sicher längere Wege, dafür aber weniger Stopps. Jedes Bundesland hat seine eigenen Herausforderungen.“

Lifebrain und Rewe ließen gestern via Aussendung wissen, dass sie bereitstehen, ihr System auf ganz Österreich auszurollen. Warum man neun Monate lang das gut laufende Projekt nicht übernommen hat – wenn nicht mit den gleichen Projektpartnern, dann wenigstens mit der Expertise –, ist unklar.

Offen sagen will es keiner, hören tut man es öfter: „Wenn etwas aus Wien kommt, ist es halt immer gleich schlecht.“

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