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Erfahrungsbericht
01/15/2022

Omikron traf mich wie ein Keulenschlag

Viele Infizierte haben milde Symptome, oft nur einen Schnupfen. Aber es geht auch anders.

Das Virus w√ľtet, die Mutation Omikron fegt durchs Land: mildere Verl√§ufe, manchmal sogar nur ein Schnupfen, zumindest bei vollst√§ndig Immunisierten. Angst? Braucht man dann wohl nicht zu haben. Dachte ich. Und habe falsch gedacht.

Es ist der f√ľnfte Tag meiner Infektion. Ich schildere hier den Verlauf, der entgegen vieler anderer deutlich intensiver ausf√§llt, aber nat√ľrlich individuell ist und nicht f√ľr die breite Masse gelten kann. Vielleicht sind diese Infos aber f√ľr andere Betroffene wertvoll und regen Ungeimpfte zum Nachdenken an. Denn wenn das, was ich habe, ein milder Verlauf ist, m√∂chte ich mir nicht ausmalen, wie ein schwerer w√§re. Ich bin Mitte 30, habe keine Vorerkrankungen und ein sehr fittes Immunsystem. An meine letzte richtige Erk√§ltung oder Erkrankung kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich bin dreifach geimpft, mein Booster liegt zwei Monate zur√ľck. Als Autorin m√∂chte ich an dieser Stelle anonym bleiben.

Tag 1, Stunde Null

Alles beginnt mit zartem Halskratzen. Nichts Schlimmes, k√∂nnte auch an der trockenen Heizungsluft liegen. Ein bisschen Husten, nicht auff√§llig. Doch das Jucken im Hals f√ľhlt sich seltsam an, so ein Gef√ľhl hatte ich noch nie. Als w√ľrde man mich mit einer kratzigen Feder im hinteren, unteren Rachen kitzeln. Also mache ich einen Antigen-Test, den ich zu Hause habe. Er ist negativ, ich bin beruhigt. Der j√ľngste negative PCR-Test ist erst zwei Tage alt. Ich beschlie√üe, am n√§chsten Morgen einen neuen Gurgel-PCR-Test zu machen, sicher ist sicher. Abends beginnt es mich etwas zu fr√∂steln, ich mache mir einen Tee, lege mich ins Bett.

Tag 2, der Keulenschlag

Bereits in den fr√ľhen Morgenstunden rei√üt es mich aus dem Schlaf: die Gliederschmerzen f√ľhlen sich an, als l√§ge ich auf einer Streckbank. Mir ist √ľbel und eiskalt. Ich lasse eine hei√üe Badewanne ein, doch selbst das hilft nichts. Pl√∂tzlich wird mir schwindlig, sehr schwindlig. Ich denke an einen grippalen Infekt, nehme ein Medikament aus der Hausapotheke und mache den Gurgeltest, der sp√§ter von einem Nachbarn im Supermarkt eingeworfen wird.

Von da an kommt mit jeder Stunde ein neues Symptom hinzu, und ich wei√ü: Grippaler Infekt ist das keiner. Fieber in extremen Sch√ľben, innerhalb von nur einer Stunde klettert es auf 39,8 Grad und f√§llt wieder auf 36,5. Hitze, Schwei√üausbr√ľche. Dann wieder eisige K√§lte und G√§nsehaut. Jede zweite Stunde wiederholt sich das, es strengt meinen K√∂rper extrem an. Hinzu kommen Kr√§mpfe in den Oberschenkeln, ich kr√ľmme mich im Bett, sp√ľre f√∂rmlich wie mein Immunsystem gegen die Viren k√§mpft. Aufzustehen ist unm√∂glich, nach jedem Schub bin ich vollkommen kraftlos und schlafe ein ‚Äď bis mich der n√§chste Schub aus dem Schlaf rei√üt. An Essen nicht zu denken, auch Trinken geht nicht mehr ‚Äď keine Fl√ľssigkeiten bleiben im Magen, kein Tee, keine Suppe, nicht einmal Wasser. Der K√∂rper l√§sst nichts mehr hinein, st√∂√üt alles ab. Als wolle er sich abschotten. Das macht es aber auch schwer, lindernde Medikamente zu nehmen.

In einer "Schubpause" kratze ich meine letzten Energien zusammen und mache erneut einen Antigen-Test. Zuerst kommt nur ein roter Strich, das bleibt f√ľr zehn Minuten so. Ich war schon dabei, den Test wegzuwerfen, da erkenne ich nach exakt 13 Minuten pl√∂tzlich eine schwache zweite rote Linie, die innerhalb der n√§chsten Minuten deutlich wird. Also doch: positiv. Der Schock. Wie kann das sein? Als dreifach Geimpfte hat man doch nur Schnupfen, vielleicht Husten und ein paar leichte Erk√§ltungssymptome. Aber nicht solche Schmerzen.

Ich bekomme Respekt vor diesem Virus, das sich in meinem K√∂rper ausbreitet. Was wird da noch kommen? Ich google und stelle fest, dass ich nahezu alle Symptome habe bis auf Schnupfen (der sollte zwei Tage sp√§ter kommen, aber nur ganz leicht und gleich wieder verschwinden) und den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Aber Appetit habe ich ohnehin keinen, das scheint ‚Äď wie ich recherchiere ‚Äď eines der wesentlichen neuen Erkennungsmerkmale von Omikron zu sein. Neben √úbelkeit. Die, bemerke ich, kommt auch immer mehr.

Mein Arzt verschreibt mir per digitalem Rezept einige Medikamente, die mir vor die T√ľr gestellt werden. Darunter auch ein Schmerzmittel. Aber das hilft wenig, abends kommt noch ein zweites hinzu, das lindert ein bisschen. Weil ich Wasser aber nur noch in Mini-Schlucken trinken kann, ist es nicht einfach, die Tabletten zu nehmen. Ich bin extrem m√ľde, meine Beine tragen mich kaum, ich sorge mich, zu dehydrieren. An sich bin ich keinesfalls wehleidig, aber in diesem Moment denke ich tats√§chlich daran, die Rettung zu rufen. Ich frage bei befreundeten √Ąrzten nach, die mir alle sagen: Nur bei Atemnot, sonst solle ich durchhalten. Ich habe keine Atemnot, also halte ich durch.

Tag 3, der positive Test

Das Ergebnis des Gurgel-Tests ist noch nicht da, ich konnte in der Nacht zwar ein paar Stunden schlafen, bin von den Fieberkr√§mpfen aber vollkommen erledigt. Das Halskratzen ist weg, der Husten weniger geworden. Meine Stimme ist belegt und rau. Ich aktualisiere mein Profil bei "Alles Gurgelt" gef√ľhlt 100 Mal, doch die Auswertung dauert. Fr√ľher kam das Ergebnis nach etwa 12 Stunden, nun sind es bereits 20 Stunden. Ich schreibe eine Mail an "Alles Gurgelt", denke mir aber, dass man dort angesichts der vielen F√§lle wohl alle H√§nde voll zu tun hat.

Es l√§sst mir aber keine Ruhe, ich mache einen weiteren Antigen-Test, auch dieser f√§llt positiv aus. Nachdem ich mich aber seit Symptombeginn in Selbstisolation begab, bin ich beruhigt, niemanden unmittelbar mehr angesteckt zu haben. Offenbar war ich nicht infekti√∂s, bis der erste Antigen-Test ausschlug. Alle, mit denen ich zuvor in Kontakt war, blieben negativ. Ich informiere mein enges Umfeld in der Arbeit und im Privatleben und freue mich √ľber jede liebevolle Reaktion. Tut gut, in so einer Situation.

Es ist fr√ľher Nachmittag, als der PCR-Test best√§tigt, was die Antigen-Tests vorhergesagt haben: das Virus wurde nachgewiesen, der CT-Wert liegt bei knapp 23, ich bin also hochinfekti√∂s. Die Fieberkr√§mpfe sind noch da, kommen nun aber nur mehr jede vierte statt jede zweite Stunde. Dar√ľber bin ich dankbar. Vom Husten, der noch das geringste Symptom von allen ist, schmerzt mein Brustkorb. Es kommt heftiges Niesen hinzu, was es nicht besser macht.

Tag 4, die leichte Entspannung

Ich schaffe es, eine halbe Sch√ľssel Suppe zu l√∂ffeln und das Wassertrinken f√§llt mir wieder leichter. Dennoch habe ich viel zu wenig Fl√ľssigkeit im K√∂rper, weshalb mir enorm schwindlig wird. Die Waage zeigt, dass ich seit Beginn der Symptome drei Kilo verloren habe. Das Intervall der Fiebersch√ľbe wird l√§nger, ich sch√∂pfe Hoffnung, dass ich das Gr√∂bste √ľberstanden habe.

F√ľr einen pers√∂nlichen Feldversuch mache ich einen weiteren Antigen-Test, dieser ist wieder positiv, dieses Mal ist die zweite rote Linie aber nicht zart sondern dick und fett. Ich f√ľhle mich wie in Watte gewickelt, bekomme pl√∂tzlich Schnupfen, mein Kopf f√ľhlt sich schwer an und zieht.

Das Telefon l√§utet, die Gesundheitsbeh√∂rde ist dran. "Wie geht es Ihnen", lautet die erste Frage der freundlichen Mitarbeiterin. Man muss an der Stelle lobend die Organisation in Wien festhalten: Sowohl die einfache Anwendung mit dem Einwerfen der Gurgeltests in den Superm√§rkten √ľber die Professionalit√§t des Contact Tracing Teams bis hin zu den n√∂tigen Informationsbl√§ttern ‚Äď alles funktioniert. Die Dame nimmt sich f√ľr unser Telefonat Zeit, h√∂rt aufmerksam zu, antwortet ruhig und sachlich. In einem Fragebogen der Stadt Wien habe ich s√§mtliche Daten wie Aufenthaltsorte, Impfdaten und Symptome vorab eingegeben um die Befragung der Beh√∂rde zu unterst√ľtzen und zu verk√ľrzen. Wir sprechen √ľber Kontaktpersonen der vergangenen zwei Tage, etwaige Ansteckungsorte, meine Wohnsituation und Versorgungsm√∂glichkeiten. Sie gibt mir ihre Telefon-Durchwahl f√ľr den Fall, dass ich noch Fragen h√§tte, w√ľnscht mir baldige Besserung. Ob es Delta oder Omikron ist, wusste sie zu dem Zeitpunkt noch nicht, die Sequenzierung dauere rund vier Tage. Ich frage, ob auch andere dreifach Geimpfte so starke Symptome h√§tten. "Ja, kommt schon vor", sagt sie. Abschlie√üend w√ľnscht sie mir baldige Besserung, und schlie√üt damit, dass ich froh sein k√∂nne, geimpft zu sein.

Kurz nach dem Telefonat, als hätte das Virus das gehört, packt mich der nächste Gliederkrampf und rafft mich wieder nieder.

Tag 5, es geht aufw√§rts ‚Äď oder?

Wenn ich in den bisherigen Tagen etwas Eindeutiges √ľber das Virus gelernt habe: Es ist unberechenbar, auch wenn es im K√∂rper rotiert. Seine Angriffe kommen aus dem Nichts und √§u√üern sich immer in einem anderen Symptom ‚Äď manchmal reiht sich auch ein Symptom ans andere, zumindest ist es in meinem Fall so. Immerhin: Nach und nach geht es mir besser, die Fieberkr√§mpfe werden milder und weniger, die √úbelkeit ist verschwunden. Doch der Kreislauf ist wegen der Unterversorgung mit Fl√ľssigkeit im Eimer, da hei√üt es jetzt: Wasser, Wasser, Wasser. Dennoch, ich f√ľhle mich besser, wenngleich auch sehr m√ľde. Als w√§re ich einen viert√§gigen Marathon gelaufen. Ich schlafe viel, der K√∂rper beginnt endlich, sich zu erholen. In zwei Tagen kann ich versuchen, mich freizutesten ‚Äď sofern ich symptomlos bin. Ein kurzer Anruf bei meiner "Betreuerin" des Contact Tracing Teams ergibt: Die Sequenzierung ist abgeschlossen, es ist Omikron.

Mein bisheriges Fazit

Die Dame hat Recht: Was w√§re gewesen, wenn mich das Virus schutzlos getroffen h√§tte, ich w√§re wohl im Krankenhaus gelandet, vielleicht sogar auf der Intensivstation. Als junger, vollkommen gesunder Mensch. Omikron ist nicht zu untersch√§tzen, auch wenn viele davon nur einen Schnupfen bekommen. Von Long Covid wissen wir dazu noch gar nichts, auch nicht bei milden Verl√§ufen. Wenn ich in meinen K√∂rper hineinh√∂re, sp√ľre ich jedenfalls, wie wild dieses Virus ist. Meine innere Abwehr munitioniert sich mit allem auf, was es hat. Bei jedem Fieberkrampf denke ich mir: Das sind nochmal 1000 Antik√∂rper. Positiv denken hilft.

Und weil manche meinen, das sei ähnlich einer Grippe: So ist es nicht. Die hatte ich auch einmal. Das hier, ist zigfach ärger.

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