TIROL: 40 PERSONEN MÜSSEN AUS GONDELBAHN GEBORGEN WERDEN

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Chronik Österreich
01/18/2021

Nach Lift-Gipfel: Seilbahnen lassen für Einheimische weiter offen

Ohne Hotellerie und Gastronomie scheint auch der Winter für die Seilbahnen zu Ende. Wie geht es für die Branche weiter?

von Anja Kröll, Elisabeth Holzer, Christian Willim, Petra Stacher, Matthias Nagl

Eine gute Stunde sollte die Videoschalte von Österreichs Seilbahnvertretern am Montag dauern. Mit keiner geringeren Fragestellung als: Wie geht es mit der Branche nach der Verlängerung des Lockdowns bis 7. Februar weiter?  

Fix ist, dass die Seilbahnen auch im harten Lockdown unter Einhaltung der Covid-Vorgaben geöffnet bleiben dürfen. Unklar bleibt, ob das wirtschaftlich Sinn macht.

„Es ging in dem Gespräch um ein Stimmungsbild aus den Bundesländern. Generell sind alle froh, dass die Pisten offen sind. Aber wirtschaftlich ist es sehr, sehr schwer“, sagt Manuel Kapeller-Hopfgartner, Fachgruppenobmann der Kärntner Seilbahnen direkt nach der Sitzung. 

Angebot für Einheimische 

Franz Hörl, Bundessprecher der Seilbahnunternehmen, wird noch deutlicher: "Es gibt kein Ergebnis, weil sich jetzt alle zwei bis drei Tage Zeit nehmen, um nachzudenken, wie es weitergeht. Wir müssen auch die Frage der Machbarkeit prüfen", sagt Hörl in Hinblick auf mögliche zusätzliche Sicherheitsauflagen. "Aber wir kennen die Verordnung noch nicht."

Er ortet nach Gesprächen mit vielen Kollegen „nach wie vor eine große Bereitschaft, für Einheimische ein Angebot zu stellen. Der Wille ist ungebrochen. Aber es ist die Frage, wer sich das Offenhalten überhaupt noch leisten kann.“ Mitte der Woche wisse man mehr. Man müsse den Unternehmern jetzt ein bis zwei Tage zugestehen, um die neuen Tatsachen zu verdauen. „Wir müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die Wintersaison gelaufen ist.“ Man habe eigentlich damit gerechnet, zumindest in den Energieferien Gäste begrüßen zu können. „Dass eine ganze Wintersaison ausfällt, ist für Tirol eine unvorstellbare Katastrophe“, sagt der Zillertaler VP-Nationalrat.

Klare Worte zur Frage des Offenhaltens findet auch Mario Stedile-Foradori, Vorstand der Arlberger Bergbahnen in St. Anton in Tirol – Teil des größten Skigebiets Österreichs: „Wo die Nachfrage nicht gegeben ist – also in großen Skigebieten abseits der Ballungsräume – wird es weitere Reduzierungen des Angebots geben müssen.“

200 statt 20.000 Skifahrern 

Das werde jeder einsehen müssen. „Wir hatten heute 200 Skifahrer, wo wir normalerweise 20.000 um diese Zeit haben. Wenn man dann auch noch als Lobbyist und Abocker bezeichnet wird, vergeht einem mit der Zeit schon die Lust“, sagt Stedile-Foradori. Klar ist für ihn auch: „Mit einem Zwei-Meter-Abstand ist ein Skibetrieb unmöglich.“  Was aber in der neuen Verordnung stehen werde, wisse man noch nicht.

Auch in Salzburg macht das Seilbahner-Bild in der Öffentlichkeit nachdenklich. "Viele Kollegen ärgern sich über das Bild, das transportiert wird, vom Seilbahnkaiser, der irgendwo in einem Seitental auf einer Kiste Gold sitzt. Aber das ist nicht die Realität. Wir haben hohe Fixkosten. Sobald die Saison ausfällt, haben wir ein großes Problem", sagt Salzburgs Seilbahnsprecher Erich Egger.

Ein Umsatzersatz von drei Millionen Euro sei bei einem Umsatz von 50 Millionen Euro nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Die Situation ist schon dramatisch", meint er. In Salzburg werden die Skigebiete nun jedenfalls autonom entscheiden, wie lange sie fahren. Die Semesterferien wollen praktisch alle Seilbahnen mitnehmen. „Danach wird der eine oder andere überlegen, die Saison vorzeitig zu beenden“, sagt Egger.

Ökosystem Gastro-Hotel-Skilift

In Kärnten soll sich bis Ende Februar nichts ändern. „Wir haben auch die Zusage von Leitbetrieben, dass diese Aufsperren wollen, sobald es erlaubt ist. Aber natürlich hätten wir uns eine frühere Öffnung der Gastronomie und Hotellerie gewünscht. Das Ökosystem aus Gastro-Hotel-Skilift gehört zusammen. Sonst funktioniert es nicht.“ Zwischen 50 bis 70 Prozent beträgt das Umsatzminus durch den Lockdown und die damit verbundenen Einschränkungen. Während kleinere Skigebiete profitiert hätten, seien bei größeren massive Verluste zu verzeichnen. Wie etwa am Nassfeld, Bad Kleinkirchheim, der Turracher Höhe oder Heiligenblut.

Ob alle Skigebiete den Corona-Winter überleben werden? „Die Politik ist aus unserer Sicht gefordert, die richtigen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen“, sagt der Sparten-Obmann. Bei Investitionen von fünf Millionen Euro alleine auf der Gerlitzen, sei ein Umsatzersatz von maximal 800.000 Euro aber ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wir haben acht Monate Revisionsarbeiten, damit wir vier Monate öffnen können. Das ist alles bereits im voraus sehr kostenintensiv.“

Pickerl für Bergbahnen läuft ab

Alleine 22 Millionen Euro wurden in ganz Kärnten im vergangenen Jahr in die Seilbahnwirtschaft investiert. Jeder habe Verbindlichkeiten und Kreditzahlungen, die nun Anfang des Jahres schlagend werden würden. „Doch den Betreibern fehlt schlicht und ergreifend das Geld“, skizziert der Branchenkenner die Probleme der Betriebe.

Noch ein weiteres Detail erschwert die Situation: Viele der in Kärnten errichteten Anlagen seien in die Jahre gekommen und müssten erneuert  werden, damit die Konzessionen weiterlaufen und die Bahnen ein neues „Pickerl“ bekommen. „Doch Investitionen in die Liftanlagen erfordern einen Nachweis von 50 Prozent Eigenkapital. Woher sollen die Betreiber dieses Geld nehmen?“, fragt Manuel Kapeller-Hopfgartner, der Fachgruppenobmann der Kärntner Seilbahnen.

Planai lässt offen 


In der Steiermark bleiben die Lifte offen. Georg Bliem, Chef der Planai-Bahnen: „Zum einen bin ich froh, dass wir weiter Betrieb haben dürfen. Aber es ist natürlich ein Wermutstropfen, dass die Hotellerie nicht aufsperren kann. Das erwischt uns stark, allein im Einzugsgebiet der Planai  haben wir 27.000 Betten.“ 

Dennoch lässt Bliem den größten Teil der Lifte und Pisten offen, wenn auch unter der Woche abgespeckt: „in einem normalen Winter haben wir bis zu 14.000 Gäste, jetzt sind es maximal 3.000. Das ist natürlich zäh. Aber das Angebot runterfahren ist ein Teufelskreis. Manche Skigebiete reduzieren jetzt schon so stark, dass sich die Skifahrer fragen , wegen zwei offenen Liften dorthin fahren? Rentiert sich das?“  Deshalb gäbe es an Wochenenden das volle Pisten- und Liftangebot auf der Planai, der Hochwurzen und am Galsterberg, unter der Woche 60 Prozent. 

40 bis 45 Millionen Euro Umsatz machen die Planai-Betriebe üblicherweise in einer Wintersaison. Und heuer? „Da muss man ehrlich sein, Luftsprünge mach‘ ich keine“, beschreibt Bliem,. „Wir gehen von einer Reduktion um 80 Prozent aus, das muss man so sagen, alles andere wäre gelogen. Aber wir stecken den Kopf noch nicht in den Schnee. Bei mir ist die Saison noch nicht abgehakt, da muss ich energisch gegen solche Schlagzeilen protestieren. Bei mir ist die Wintersaison erst vorbei, wenn der Winter vorbei ist.“  Immerhin, das Night Race kommende Woche  erweckt den Anschein einer gewissen  Normalität – es findet am 26. Jänner  in Schladming statt, wenn auch ohne die zig-Tausenden Zuschauer an der Strecke.

Reduktion in Oberösterreich

In Oberösterreich zeichnet sich zumindest eine teilweise Reduzierung des Liftbetriebs ab: „Die Wurzeralm haben wir nun nur mehr an Wochenenden geöffnet, weil wir seit Anfang Jänner eine schlechte Auslastung haben. Es gibt keine Gastro, es ist kalt, es schneit, die Kinder können sich nirgends aufwärmen. Wir haben den Betrieb deshalb verschlankt", erklärt Helmut Holzinger, Vorstand der Hinterstoder-Wurzeralm-Bergbahnen AG. 

Hinterstoder bleibt weiter voll geöffnet: "Heute hatten wir dort 250 Gäste. Dafür habe ich aber 100 bis 120 Mitarbeiter beschäftigt. Irgendwann stellt sich die Frage wie man das noch wirtschaftlich darstellen kann. Es geht nur mehr zu Lasten der Betriebe. Irgendwann macht das keinen Sinn mehr. Man muss sich überlegen, ob es nicht besser ist zu schließen, als mit offenen Augen weiterzufahren", sagt Holzinger. 

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