Gedenkverbände und Einheimische protestierten gegen die Entfernung des Mahnsteins. Nun soll er in Braunau bleiben, für sinnvoll hält man aber eine andere Stelle. 

© REUTERS/ANDREAS GEBERT

Chronik Österreich
06/06/2020

Nach Kritik an Plänen für Hitlerhaus: Mahnstein kann in Braunau bleiben

Innenminister Nehammer schickt Experten: Statt „Neutralisierung“ soll nun zeitgemäßes Konzept kommen.

von Raffaela Lindorfer

Um den Mahnstein aus dem KZ Mauthausen, der vor dem Geburtshaus Adolf Hitlers in Braunau steht, ist diese Woche eine Debatte entbrannt.

Das „Hitlerhaus“ soll bis 2023, wenn die Polizei in das Gebäude zieht, umgebaut und „neutralisiert“ werden, so der Plan. Jeder Hinweis auf Hitler sollte verschwinden – und damit auch der Stein, der an Millionen Tote des Faschismus erinnert.

Das schlug zumindest Hermann Feiner, Sektionschef im Innenministerium, vor. Der Stein könnte nach Wien ins Haus der Geschichte wandern, sagte er bei der Präsentation der Umbau-Pläne am Dienstag etwas voreilig.

Zum Scheitern verurteilt

Der Plan war in mehrerlei Hinsicht zum Scheitern verurteilt. Erstens, weil das Innenministerium gar nicht für den Stein zuständig ist. Er gehört der Stadtgemeinde Braunau. Zweitens, weil sich auch die Direktorin des Hauses der Geschichte als potenzielle Empfängerin gegen eine Entfernung des Steins aussprach. Und drittens, weil Einheimische, Gedenkverbände, SPÖ und Grüne protestierten und Widerstand ankündigten.

Das Ziel, die Endlosdebatte ums „Hitlerhaus“ zu beenden, wurde damit klar verfehlt. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) möchte nun auf die Kritik eingehen: Er unterstütze die Stadtgemeinde Braunau bei einem „Projekt zur historischen Kontextualisierung“, heißt es im Gespräch mit dem KURIER.

Ziel sei eine „breite Einbindung der Bevölkerung und der lokalen Interessensgruppen“.

Dabei sollen zwei Experten zur Verfügung stehen, die sich in einer Kommission bereits 2016 mit einer möglichen Nutzung des Hitlerhauses beschäftigt haben.

Das sind Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Wien, und Clemens Jabloner, Ex-Justizminister und früherer Präsident des Verwaltungsgerichtshofs.

Dazu geholt wird Barbara Glück, Leiterin des Mauthausen Memorials. Glück könnte ihre Erfahrungen von der Gedenkstätte Gusen, einem früheren Außenlager des KZ Mauthausen, einbringen.

„Reden wir darüber“

Die erste Sitzung soll noch im Juni stattfinden, bis Ende des Sommers soll das neue Konzept fürs „Hitlerhaus“ stehen.

Innenminister Nehammer erklärt dazu: „Es ist ein historisches Faktum, dass Adolf Hitler vor mehr als 130 Jahren in Braunau am Inn geboren wurde. Wie man mit diesem Faktum in der Gegenwart und auch in der Zukunft umgeht, kann man aktiv und bewusst gestalten.“ Das Ergebnis sei völlig offen.

Der Vorschlag, in der neuen Polizeiinspektion eine Art Gedenkraum für NS-Opfer einzurichten, war zunächst abgelehnt worden. Jetzt heißt es: „Ausgeschlossen ist nichts. Reden wir darüber.“ Eine Möglichkeit wäre auch, das Hitler-Geburtshaus im Braunauer Bezirksmuseum, das umgestaltet werden soll, zu thematisieren.

Vom ursprünglichen Plan der „Neutralisierung“ ist man offenbar abgerückt. Die Pläne für den Umbau an sich stehen aber fest: Der Sieger-Entwurf eines Vorarlberger Architekturbüros sieht vor, dass das Haus äußerlich in den Zustand vor Hitlers Geburtstag versetzt wird (siehe Bild unten).

Ziel ist, dass es seinen Wiedererkennungswert verliert, um es für Besuche von Neonazis unattraktiv zu machen. Deshalb warnt Sektionschef Feiner weiterhin: „Bleibt der Mahnstein an dieser Stelle, so knüpfen diese Gruppierungen an diesem Gegensymbol neu an.“ Aber wohin damit? Jabloner rät: „Sinnvollerweise sollten die Verantwortungsträger in Braunau für den Gedenkstein einen neuen Standort vor Ort finden.“ Im Gespräch ist dafür etwa der Stadtplatz im Bereich des Rathauses.

Der Stein könnte außerdem „aktualisiert“ werden: Jabloner und Rathkolb empfehlen einen Text, der der aktuellen zeithistorischen Forschung gerecht wird. „Österreicher waren sowohl Opfer als auch Täter. Dieses Faktum muss thematisiert werden“, erklärt Historiker Rathkolb.