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Chronik Österreich
11/27/2019

Nach den Unwettern droht die Ausweitung der Gefahrenzone

Alleine in Salzburg stehen 5.000 Häuser im gefährdeten roten Bereich, es könnten in Zukunft noch mehr werden.

von Matthias Nagl, Nikolaus Tuschar

Das Unwetter- und Starkregenereignis von Mitte November hat die Grenzen des Gefahrenzonenplans eindrücklich gezeigt. Weder die beiden zerstörten Häuser in Bad Gastein noch das von einer Mure getroffene Haus in Bad Kleinkirchheim, bei dem es ein Todesopfer gab, standen in der roten Zone.

Nun könnte es aufgrund dieser Ereignisse neue rote Zonen geben. Das schätzt Salzburgs Agrarlandesrat Josef Schwaiger im Gespräch mit dem KURIER als „relativ realistisch“ ein. „Es wird nicht die ganz große Zahl sein. Wir werden das Bauen im alpinen Raum insgesamt aber noch realistischer angehen müssen“, sagt der Landesrat.

Zonenpläne ändern sich

Der Schutz vor Muren und Hochwasser kam durch die Bilder der zerstörerischen Naturgewalten wieder in Diskussion. Alleine in Salzburg stehen laut Salzburger Nachrichten 5.000 Gebäude in der roten Zone, im am stärksten hochwasser- und murengefährdeten Gebiet. Für Kärnten liegen keine Zahlen vor, eine solche zu nennen, wäre unseriös, heißt es aus dem Büro von Katastrophenschutzreferent Daniel Fellner.

Die Zahl für Salzburg ist schon länger bekannt, sie verändert sich durch Überarbeitung der Gefahrenzonenpläne laufend. Dass es in Zukunft deutlich weniger Gebäude in der roten Zone geben wird, ist allerdings nicht anzunehmen. Größtenteils handelt es sich bei den Gebäuden um Bauwerke, die vor Einführung der Pläne errichtet wurden.

Ersatzbau ist erlaubt

„Dabei handelt es sich um historische Altbestände, auch Kirchen stehen in der roten Zone“, erklärt Leonhard Krimpelstätter, Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung in Salzburg. Früher wurde vermehrt auf trockenen Schwemm- und Lawinenkegeln gebaut, da die Talböden nicht bebaubar waren. Und wer bereits ein Haus in der roten Zone stehen hat, darf auch heute noch dort bauen.

„Wenn das Haus sanierungsbedürftig ist, hat der Eigentümer das Recht, einen Ersatzbau, der gleich wie der Bestand in Funktion und Größe ist, zu errichten“, erklärt Gerhard Steinbauer, Bürgermeister von Bad Gastein. Auch Sanierungen sind unter Auflagen erlaubt. Bei der Wildbach- und Lawinenverbauung ist man über Baustellen in der roten Zone nicht unglücklich, im Gegenteil. „Wir sind sehr, sehr froh, wenn saniert wird, weil man dadurch in der Regel das Sicherheitsniveau erhöhen kann“, erklärt Krimpelstätter.

Mehr rote Zonen möglich

Die Wildbach- und Lawinenverbauung gibt in Bauverfahren eine Stellungnahme ab. Da bekommt beispielsweise die dem Bach zugewandte Seite anstatt einer Eingangstüre, einer Ziegelmauer und Kelleröffnungen eine Stahlbetonwand ohne Eingang und Kelleröffnungen.

Große Schutzbauten sind eine weitere Maßnahme, um die Sicherheit zu erhöhen. Dafür wird kräftig Geld in die Hand genommen. In Salzburg fließen jährlich etwa 30 Millionen Euro in Verbauungsprojekte, dazu kommen 10 bis 20 Millionen Euro für den Hochwasserschutz. In Kärnten sind es 15,5 bis 17 Millionen Euro, das Tiroler Budget für 2019 betrug 76 Millionen Euro. Alleine in diesen drei Ländern werden also jährlich mehr als 120 Millionen Euro für Schutzmaßnahmen aufgewendet.

Durch die massiven Investitionen sind auch die Zahlen der Gebäude in der roten Zone gesunken. „Jedes Schutzprojekt hat das Ziel, dass es die rote Zone verkleinert“, sagt Krimpelstätter. Im Gegenzug werden nach Unwetterereignissen die Zonenpläne nachgeschärft. Aktuell läuft die Dokumentation der Schäden, dann kommt die Gefahrenpotenzialerhebungen. Aufgrund der Menge an Muren eine „Herkulesaufgabe“, wie Krimpelstätter sagt.

Muren auch außerhalb der Gefahrenzone

„Das war der Sonderfall vom Sonderfall“, meint der Salzburger Agrarlandesrat Josef Schwaiger. In zahlreichen Gebieten, wo dies niemand für möglich gehalten hätte, gingen Muren und Erdrutsche ab. „Wir haben eine vernarbte Landschaft“, fügt Leonhard Krimpelstätter hinzu, Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung in Salzburg.

Wie kam es dazu? „Wir hatten enorme Regenmengen in Zusammenhang mit Schnee. In den Höhenlagen, wo die Muren abgegangen sind, lag schon vor dem Regen ein halber Meter Neuschnee. Der ist durch den Regen ebenfalls abgeschmolzen. Diese Mengen an Wasser kann kein Boden mehr aufnehmen. Dann kommt es zu Rutschungen, wo sie niemand erwartet“, erklärt Krimpelstätter.

So fielen in Bad Gastein am vorvergangenen Wochenende insgesamt 183 Millimeter Regen. Das ist fast doppelt so viel wie in einem durchschnittlichen November insgesamt. „Es ist ein außergewöhnliches Ereignis. Das hat man nicht alle paar Jahre“, sagte auch Johannes Hübl vom Institut für Alpine Naturgefahren der Universität für Bodenkultur in den  Salzburger Nachrichten. „Wir wollen nicht absiedeln, wir stellen uns dem Problem“, kündigt Schwaiger an. „Mit einem gewissen Risiko muss man im alpinen Raum allerdings leben“, sagt er.

Seit 1975 werden nach einer Verordnung des Landwirtschaftsministeriums auf Basis des Forstgesetzes österreichweit Gefahrenzonenpläne erstellt.

Sie sind ein  Gutachten über die Gefährdung in bestimmten Gebieten durch Wildbäche und Lawinen. Gibt es eine Gefährdungslage, wird zwischen der roten Zone  und der gelben Zone unterschieden.  In der roten Zone herrscht absolutes Bauverbot. In der gelben Zone ist Bauen nur mit Auflagen erlaubt. Erstellt werden die Gefahrenzonenpläne vom Landwirtschaftsministerium.

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