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Chronik Österreich
10/08/2019

Mutter des Kitzbühel-Tatverdächtigen: "Geht uns allen schlecht"

Das Motiv des Todesschützen ist nach wie vor unklar. Der 25-Jährige sitzt in einer Zelle mit Videoüberwachung.

Nach dem Fünffachmord Sonntagfrüh herrscht in Kitzbühel noch immer große Betroffenheit. "Die Stimmung ist betrübt und die Trauer ist sehr groß", so Bürgermeister Klaus Winkler. "Jeder aus der Stadt kannte zumindest einen aus der getöteten Familie.“ Es sei einfach nicht nachvollziehbar, warum der 25-Jährige diese Tat begangen habe. Der Bursche sei sehr gut in die Stadtgemeinschaft integriert gewesen und habe sich auch gemeinnützig in Vereinen engagiert.

Auch mit dem Vater des Verdächtigen konnte er mittlerweile sprechen, erzählte der Bürgermeister. "Er ist völlig fassungslos", meinte Winkler.

Auch die Mutter des Todesschützen meldete sich zwischenzeitlich zu Wort: "Es geht uns allen sehr schlecht, auch meinem Sohn", sagt sie gegenüber dem TV-Sender RTL. In einem Interview mit der Bild sagt sie: "Es sind nicht fünf Menschen gestorben, sondern sechs. Unser Sohn ist auch gestorben."

Was ihren Sohn zu dieser Bluttat veranlasst hat, kann sich die Mutter nicht erklären: Sie beschreibt ihren Spross, der als Jugendreferent der FPÖ in Kitzbühel tätig war, nach der Bluttat als einfaches Parteimitglied aber ausgeschlossen wurde, als sehr beliebt und als "kleinen Sunnyboy." Die Ermittler gehen von Eifersucht als Motiv aus. "Sie wollten nächstes Jahr heiraten", so die Mutter.

Im Ort würde sie viel Unterstützung finden, erzählte die Frau weiters: "Wir haben sehr viele Nachbarn, Bekannte in der Stadt. Wir haben überall Hilfe angeboten bekommen."

Andreas E., der 25-jährige Tatverdächtige, sitzt seit Montag offiziell in U-Haft in der Innsbrucker Justizanstalt. Seine Zelle wird videoüberwacht – eine Vorsichtsmaßnahme, um etwaige Selbstmordversuche rechtzeitig vereiteln zu können. In zwei Wochen bekommt der 25-Jährige eine Haftprüfung.

Trauerfeier für Eishockey-Goalie

Eines der fünf Opfer ist Eishockey-Torwart Florian J. Der 24-jährige spielte 2018 für die Black Wings Linz. Zuletzt stand er bei den Adlern Kitzbühel unter Vertrag. Just am Vorabend der schrecklichen Tat spielte der Torhüter sein erstes Match bei den Adlern und glänzte mit Traumparaden. 18 von 19 Schüssen auf sein Tor konnte er halten – es war mit 94,7 Prozent seine persönlich beste Fangquote.

Vor dem Liga-Spiel gegen Fehérvár wird es am Freitagabend eine Trauerfeier für den ehemaligen Torhüter geben. "Mit Florian verlieren wir nicht nur einen Sportler, sondern vor allem einen großartigen Menschen und Freund", sagte Black-Wings-Manager Christian Perthaler.

Schüsse aus kurzer Distanz

Wie die Obduktion der Leichen ergeben hat, wurden alle fünf Opfer aus sehr kurzer Distanz erschossen. Das Messer und der Baseballschläger, die der 25-jährige Beschuldigte bei sich hatte, wurden bei der Tat hingegen nicht verwendet, hieß es vonseiten der Polizei.

Nähere Details wollte die Exekutive nicht bekannt geben. "Hinsichtlich der Anzahl der abgegebenen Schüsse und Treffer ergeht aus taktischen und aus Pietätsgründen keine detaillierte Bekanntgabe", hieß es in einer Aussendung der Polizei.

Der Verdächtige hatte am Sonntag gegen 4.00 Uhr am Haus seiner 19-jährigen Ex-Freundin, in dem ihre gesamte Familie wohnte, geläutet. Nachdem der Vater den 25-Jährigen abgewiesen hatte, ging der junge Mann wieder nach Hause und holte sich die Pistole seines Bruders, die dieser legal besaß und in einem Tresor aufbewahrte. Gegen 5.30 Uhr kam der 25-Jährige erneut zum Wohnhaus der Familie und erschoss dort zunächst den Vater (59) der 19-Jährigen, dann ihre Mutter (51) und ihren Bruder (25), bevor er seine Ex-Freundin und ihren neuen Freund, einen Eishockeyspieler, tötete.

Anschließend stellte sich der 25-Jährige bei der Polizeiinspektion Kitzbühel selbst. Das Motiv dürfte Eifersucht bzw. Zurückweisung gewesen sein, denn die 19-Jährige hatte vor zwei Monaten ihre Beziehung zu dem 25-Jährigen beendet.

Der Beschuldigte hatte bei seiner Einvernahme die Ereignisse klar und strukturiert geschildert. Ein Alkoholtest nach der Tat am Sonntag fiel negativ aus. Die Tat dürfte sehr schnell und überraschend ausgeführt worden sein. Im Haus seien kaum Kampfspuren gefunden worden, es dürfte also keinen größeren Widerstand der Opfer gegeben haben, berichtete die Polizei.

Der Impuls, zu töten, ist keine Anomalie

von Gabriele Kuhn

Liebe, Trennung, Rache: Das Entsetzen über den Fünffach-Mord in Kitzbühel ist groß. Man will das Unerklärliche erklären. Das schafft Raum für Ferndiagnosen – und Aggression. Auf der Facebook-Seite des mutmaßlichen Täters mehren sich die Hasskommentare. Dort das Monströse, Böse, womöglich „psychisch Kranke“, da das Gute. Einer, der so etwas tut, muss irre sein, heißt es  in solchen Fällen oft. So  einfach ist das aber nicht.

Experten sind sich prinzipiell einig, dass man nicht „verrückt“ sein muss, um zu morden. Der Impuls, zu töten sei keine Anomalie,  glaubt der Evolutionspsychologe David BussNahlah Saimeh, forensische Psychiaterin aus Deutschland, meint: „Töten liegt in unserer Natur“. 2017 veröffentlichte sie ein Buch zum Thema – Titel: „Jeder kann zum Mörder werden“.

„Nur ein geringer Prozentsatz der Mörder ist psychisch gestört“, sagt sie. Saimeh ist überzeugt, dass Aggressivität Teil unseres genetischen Erbes ist, diese sicherte das  Überleben der Menschheit. Generell wird Gewalt von kulturellen Prozessen begrenzt oder eben sanktioniert, „individuell unterscheiden wir uns aber in der Impulskontrolle, der Gewaltfaszination, der Frustrationstoleranz und in der Kränkbarkeit“.  Motive für Tötungsdelikte gäbe es zahlreiche: Eifersucht, Hass, Rache, Habgier.

Derlei tödliche Rache hat aus ihrer Sicht etwas mit einer hohen, fast überbordenden Kränkung zu tun, dem zutiefst subjektiven Erleben von Ungerechtigkeit und Unterlegenheit – die Tat wird dann als hasserfüllter Triumph empfunden. So als ob man das letzte Worte hätte. In diesem speziellen Fall sieht sie aber sehr wohl eine „Sollbruchstelle in der Persönlichkeit“: „Weil bei solchen Familienauslöschungen  meist eine große narzisstische Wut eine Rolle spielt. Der Täter wollte bedingungslose Akzeptanz und Liebe.“

Jede Tat ist dennoch individuell zu betrachten, Pauschalerklärungen  sind heikel. Es sind meist komplexe Vorgänge, die zum Mord führen – es braucht  die Motivation,  das Momentum und eine Entscheidung. „Für Ferndiagnosen bin ich nicht zu haben“, sagt daher Hans-Ludwig Kröber, einer der bekanntesten forensischen Psychiater  Deutschlands am Telefon. Warum Menschen aus Eifersucht morden? Seine lapidare Antwort: „Denken Sie  an Othello.“ 

Kröber ist ebenfalls überzeugt, dass die meisten Täter weder psychisch gestört sind noch irrational handeln. In seinem Buch Mord. Geschichten aus der Wirklichkeit schreibt er: „Für einen einzelnen Menschen gibt es kaum eine andere Entscheidung, die so fundamental und unwiderruflich sein Leben verändert. Warum jemand diese Grenze überschreitet, einen Menschen zu töten, ist immer erneut ein Rätsel.“