TIROL: NACH FÜNFFACHMORD

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Chronik Österreich
10/07/2019

Kitzbühel: Wie konnte sich so viel Hass aufstauen?

Andreas E. soll in der Vergangenheit nicht negativ aufgefallen sein. Eifersucht dürfte ihn aber zum Mörder gemacht haben.

von Christian Willim, Markus Strohmayer

Die Stadt Kitzbühel. Das ist die Glamour-Tourismushochburg im Tiroler Unterland, die jeden Winter rund um die Hahnenkamm-Rennen zum Nabel des alpinen Skirennsports wird. Das ist der Ort, in dem Reich und Schön ein Domizil haben, wenn sie es sich leisten können.

Doch letztlich ist Kitzbühel mit seinen rund 8.000 Einwohnern doch nur ein Dorf in den Bergen. Und das steht nach einer unfassbaren Bluttat am Sonntagmorgen unter Schock. Andreas E., ein 25-jähriger Einheimischer, über den am Montag die U-Haft verhängt wurde, hat sich geständig gezeigt, fünf Menschen in einem Wohnhaus mit einer Pistole erschossen zu haben.

„Sachlich und strukturiert“ habe der Tatverdächtige in der Einvernahme den Hergang erzählt, erklärt Walter Pupp, Leiter des Tiroler Landeskriminalamts. „Und das Geschilderte stimmt mit unseren Erhebungen bisher überein“, so der Ermittlungsleiter.

Unbeantwortet bleibt vorerst die Frage, warum der nach dem Liebes-Aus vor zwei Monaten offenbar gekränkte Andrea E. neben seiner Ex-Freundin, Nadine H. (19), und deren neuem Freund,  Eishockeyspieler Florian J. (24), auch noch die Eltern und den Bruder der jungen Frau erschossen hat.

„Darauf gibt er keine Antwort“, sagt Pupp. Und auch in Kitzbühel herrscht Ratlosigkeit, wie es so weit kommen konnte. „Das hat uns alle überrascht“, sagt einer, der Andreas E. kennt und ihn als einen beschreibt, „der nicht aus der Reihe tanzt“.

„Ein wenig in sich gekehrt“

„Nicht besonders auffällig“ war der 25-Jährige auch laut Kitzbühels Bürgermeister Klaus Winkler. Von Kollegen werde er als „zuverlässig im Job“ bei einer Baufirma, aber „ein wenig in sich gekehrt“ beschrieben. Im Gegensatz zu seiner gut integrierten Familie war er nicht in Vereinen aktiv.

2014 engagieret E. sich jedoch kurz bei der FPÖ, als diese sich in Kitzbühel neu aufstellte. Er wurde Mitglied der Stadtparteileitung. Dort sei er jedoch nur für zwei Monate Jugendreferent gewesen und danach einfaches Parteimitglied, heißt es von der FPÖ Tirol. Die schloss den 25-Jährigen nun umgehend aus.

Wer ihn auch kannte, zeigt sich überrascht. Die Polizei geht davon aus, dass Eifersucht die Tat ausgelöst hat. Vor zwei Monaten soll die mehrjährige Beziehung zwischen Andreas E. und der um einige Jahre jüngeren Nadine H. in die Brüche gegangen sein. In der Tatnacht trafen die beiden in einem Nachtlokal aufeinander. Es soll zu einem Streit gekommen sein.

Dass ein bisher unauffälliger junger Mann derartig ausrastet, nur, weil er seine Ex-Freundin mit ihrem neuen Partner trifft, ist schwer zu verstehen. Für den Kriminalsoziologen Norbert Leonhardmair vom Vienna Centre for Societal Security (VICESSE) aber eine klassische Affektreaktion: „Verlassen zu werden, ist gewissermaßen die Urkränkung. Aber die meisten können damit umgehen.“ Es sei also davon auszugehen, dass beim Täter eine gewisse Prädisposition vorliege, die zu Problemen in der emotionalen Verarbeitung geführt hat.

Leonhardmair glaubt nicht, dass die Tat kaltblütig geplant war: „Es handelt sich um eine offensichtlich reaktive Tat im abnormen Gefühlszustand, der sich damit entladen hat. Der Täter wollte nichts vertuschen und ihm war wohl klar, dass er nicht in sein normales Leben zurückkehren würde, als er sich der Polizei stellte.“ Insofern unterscheide sich Andreas E. nicht von Mördern, die sich nach der Tat das Leben nehmen. Auch sie wüssten dem Soziologen zufolge, dass die Situation nun aussichtslos sei.

Wie sich in einem Menschen so viel Hass aufstauen könne, müsse individuell auf psychischer Ebene geklärt werden. Die Erfahrung mit derartigen Verbrechen habe gezeigt, dass die Täter eine Zuspitzung der Kränkung erleben. Diese kann durch unterschiedlichste Faktoren ausgelöst werden. Das Blickfeld verengt sich dann derart, dass sich alles nur mehr um die Verletzung des eigenen Stolzes und die Person, die man dafür verantwortlich macht, dreht.

Beim Großteil der Morde in Österreich liegt eine solche Opfer-Täter-Beziehung vor. „Das ist schlüssig. Für so tiefgehende Kränkungen braucht es eine innige Beziehung“, erklärt der Kriminalexperte.