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Chronik Österreich
03/26/2020

Coronavirus: Bis zu 12.500 ÖBB-Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit

ÖBB-Chef Matthä: Railjets teilweise nur mit vier Fahrgästen besetzt. Täglicher Verlust von zehn Millionen Euro.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Knapp 42.000 Personen arbeiten bei den ÖBB.  Die Coronakrise geht auch an der Bahn nicht spurlos vorüber. ÖBB-Chef Andreas Matthä spricht mit dem KURIER über fast leere Railjets, Züge voller Klopapier und die notwendige Versorgung Österreichs.

KURIER: Sie haben Fahrgastrückgänge von 90 Prozent, wie viel Verlust machen die ÖBB derzeit?

Matthä: Wir müssen derzeit konzernweit von 10 Millionen Euro pro Tag weniger Umsatz ausgehen, die aktuelle Krise trifft natürlich auch uns hart.

Das Thema Kurzarbeit soll auch die ÖBB treffen, hören wir. Wie viele Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit bei der ÖBB?

In den Dimensionen 25-30 % wird es sich bei den ÖBB bewegen, verteilt über das ganze Unternehmen. Die Bereiche müssen das gerade analysieren. Wir können ja nicht einfach zusperren wie ein Stahlwerk, wir müssen den Betrieb am Laufen halten und für unsere Pendler und die heimische Wirtschaft da sein. Deshalb müssen wir auch die Schichteinteilungen sehr gut planen. Unser Krisenstab ist seit drei Wochen rund um die Uhr im Einsatz und macht das sehr gut.

Die Kurzarbeit betrifft also auch das fahrende Personal?

Zum Teil. Fahrdienstleiter zum Beispiel fast nicht, denn solange eine Strecke geöffnet ist und Züge fahren, brauche ich einen Fahrdienstleiter um diese kritische Infrastruktur am Laufen zu halten. Aber natürlich sind Triebfahrzeugführer, Zugbegleiter, Buslenker und andere betroffen. Alleine beim ÖBB Postbus gibt es rund 30 % weniger bestellte Verkehre. Die Busse bleiben in der Garage. Das heißt wir können hier Mitarbeiter auch einmal Herausnehmen und dann entsprechend nachjustieren, wenn die Dinge wieder anspringen. Um den Normalbetrieb wieder herzustellen brauchen wir gut 72 Stunden.

Haben Sie bei den Postbussen Strecken einstellen müssen?

Das ist ganz unterschiedlich von Verkehrsverbund zu Verkehrsverbund, aber so über alles drüber sind es etwa 30 %. In den Quarantänegebieten noch signifikant mehr, dass sind es 60-70 %. Aber selbst dort fahren noch einzelne Busse, denn sonst würden Krankenpfleger, Polizisten oder andere kritische Berufsgruppen nicht in die Arbeit und wieder nachhause kommen.

Gestern wurde angekündigt, dass längere S-Bahn Züge eingesetzt werden, damit sich die Leute nicht anstecken. Was werden sonst noch an Schutzmaßnahmen für die Passagiere ergriffen?

Wir haben generell auf einen Sonntagsfahrplan mit Verstärkung in der Früh und am Abend umgestellt. Dadurch stellen wir sicher, dass genügend Abstand in den Zügen ist. In der Ostregion haben wir auch wieder Züge aufgestockt, weil wir gesehen haben, dass es vereinzelt zu knapp bemessen war. Darüber hinaus werden unsere Züge regelmäßig desinfiziert, es gibt aber auch sogenannte „Boxenstopps“ - das bedeutet, dass Reinigungspersonal während der Fahrt einsteigt, die ganzen Bedienelemente etwa für die Lokführer reinigt, aber auch die Haltegriffe desinfiziert.

Gibt es noch Möglichkeiten, den Zugverkehr weiter zurückzufahren?

Im Nahverkehr sieht es derzeit nicht so aus, dass wir weiter zurückgehen, weil wir sonst die Mindestversorgung nicht sicherstellen können. Und die Bahn wird nach wie vor stark gebraucht! Wenngleich wir wirtschaftlich schwer getroffen sind. Im Fernverkehr haben wir diese Woche bereits einen ausgedünnten Fernverkehr, hier werden wir aber mit großer Wahrscheinlichkeit noch nachjustieren müssen, weil schlichtweg die Nachfrage nicht vorhanden ist. In einem Railjet in der Früh von Wien nach Graz, wo normalerweise 200 Fahrgäste drinnen sitzen, sitzen derzeit nur vier. Und das ist auf Dauer natürlich nicht haltbar. Aber auch dort wollen wir immer eine Mindestverbindung zwischen den Bundesländern sicherstellen. Das ist Auftrag einer ÖBB, Österreich am Laufen zu halten.

Sie sind wirtschaftlich schwer getroffen, müssen Investitionen in den Ausbau oder in das Zugsicherungssystem ECTS verschoben oder gar gestrichen werden?

Naja, nach der Krise wird es ja auch wieder einen Impuls brauchen, damit der Wirtschaftskreislauf wieder in Schwung kommt. Und wir wissen aus den Analysen der Volkswirte, dass Infrastrukturprojekte mehr als 90 % heimische Wertschöpfung haben. Das ist ein guter Hebel um hier wieder die Wirtschaft ins Laufen zu bringen. Deshalb haben wir nicht vor hier viel zu kürzen. Die einzige Baustelle, die wir tatsächlich einstellen werden müssen, ist der Brennerbasistunnel weil es auf italienischer Seite hier behördliche Anordnungen und auf Tiroler Seite verschärfte Restriktionen gibt. Dort werden wir sicher zeitlich in Verzug kommen, denn so eine große Baustelle wieder hochzufahren, das wird dauern.

Vor der Krise war die Quote beim Güterverkehr 30 %, aktuell wird laut Experten ein Rückgang auf 16 bis 17 Prozent erwartet. Ist die Lage tatsächlich so schlimm?

18 % das wäre der EU Durchschnitt vor der Krise. Derzeit haben wir die Situation, dass der Güterverkehr laufen würde, aber es bricht die Industrieproduktion ein. Das betrifft Lkw wie Bahn gleichermaßen. Aber derzeit fahren ganze Güterzüge mit Taschentüchern und Toilettenpapier-Lieferungen durch Europa. Aber es ist mir unverständlich, wie man so viele Lkw an der Grenze stehen haben kann, wenn es mit dem Güterzug viel schneller geht.

Also sie haben noch Kapazitäten?

Ja, die haben wir. Und wir könnten noch nach oben skalieren.