Chronik | Österreich
20.04.2018

Lebensmittelhandel: Greißler gegen die Großen

Woran die neuen urbanen Nahversorger scheitern und wo kleine Lebensmittelmärkte boomen

Nach und nach kehrten sie in den vergangenen Jahren zurück: Urbane Nahversorger, die in Gassenlokalen ihre Produkte feilbieten. Hinter diesen Gegenentwürfen zum Supermarkt stehen oft Quereinsteiger, die das Konzept des traditionellen Greißlers weiterspinnen und sich so einen lang gehegten Traum verwirklichten – der mancherorts inzwischen geplatzt ist.

Das jüngste Beispiel ist Gert Zechner. Ende Februar sperrte der studierte Manager nach gut einem Jahr Betrieb seinen Laden „Fisch und Greissler“ in Wien-Margareten zu. Zechner hatte dort unter anderem Fisch, Gemüse, Marmeladen und Wein verkauft. Die Fixkosten konnte er damit decken, ein Gehalt für sich selbst war aber nicht drin. „Es war eine Liebhaberei“ sagt Zechner.

Sich neben den Supermärkten zu behaupten, sei schwierig. „Der Kunde will Auswahl, Qualität und nicht zu viel bezahlen“, sagt Zechner. Das könne ein kleiner Laden oft nicht bieten. Hinzu kommt, dass Ketten bessere Einkaufspreise bekommen, weil sie größere Mengen abnehmen. Klein strukturierter Lebensmittelhandel kann dennoch funktionieren, glaubt Zechner. Aber: „Sich als Greißler Mitarbeiter leisten zu können, ist eine Illusion.“ Wer das anstrebe, müsse zusätzliche Einnahmen erzielen – etwa über ein Bistro.

Diesen Weg ging Michael Schuster mit der „Markt Wirtschaft“ – einer Kombination aus Markthalle und Lokal – in Wien-Neubau. „ Meistens stört es die Leute erst, wenn der Greißler weg ist“, sagt Schuster. Komplizierte behördliche Auflagen und die mühselige Suche nach gutem Personal bewegte den Start-up-Financier vergangenen Sommer, das Projekt zu verkaufen. Zwei Typen von Greißlern können überleben, glaubt er: High-End-Läden mit Feinkost-Produkten und kleine, inhabergeführte Betriebe. Letztere würden aber nur durch „Selbstausbeutung“ laufen, sagt er.

Um sich diese zu ersparen, legte Franz Seher seinen verpackungsfreien Markt „Holis“ in Linz von Beginn an größer an. Sein Ziel war es, mit Franchise-Nehmern zu wachsen. Bloß: So weit kam er nicht. Im Sommer 2016 meldete er – nach knapp einem Jahr Betrieb – Konkurs an. Da die einzelnen Produkte relativ günstig sind, laufe im Lebensmittelhandel vieles über Volumen, erzählt Seher. Dazu komme das dichte Versorgungsnetz: „Es ist schwierig, Marktanteile abzugreifen.“

Dass es funktionierende Konzepte gibt, die vor allem auf dem Land den letzten Greißler retten können, haben Verantwortliche in Bärnkopf im südlichen Waldviertel gezeigt. Nachdem sich keiner fand, der das einzige Lebensmittelgeschäft übernehmen wollte, nahm sich ein Verein dieser Aufgabe an.

Solche Projekte sorgen in Niederösterreich derzeit für eine „Renaissance der Greißler“. „Insgesamt 100 Projekte sind initiiert worden, bei denen die Gemeinden einen finanziellen Beitrag leisten oder Geschäftsflächen zur Verfügung stellen“, sagt Karl Ungersbäck, Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Niederösterreich.

Finanzielle Anreize liefert zusätzlich die Niederösterreichische Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Ortszentren (NAFES). Sperrten zwischen 1970 und 2000 rund zwei Drittel der Lebensmitteleinzelhändler zu, ist die Zahl seit 2000 ungefähr gleich geblieben. Rund 1200 Märkte gibt es aktuell in Niederösterreich.