OBERÖSTERREICH: RUSSISCHER ASYLWERBER IN GERASDORF BEI WIEN ERSCHOSSEN - TATVERDÄCHITGER IN LINZ FESTGENOMMEN

© APA/MATTHIAS LAUBER / MATTHIAS LAUBER

Chronik Österreich
08/06/2021

Lebenslange Haft nach Mord an tschetschenischem Blogger

Sar-Ali A. war als Waffenhändler der Community bekannt. Vor einem Jahr soll er in Gerasdorf einen Regimekritiker erschossen haben - Urteil ist nicht rechtskräftig.

von Michaela Reibenwein

Der 47-jährige Sar-Ali A. sitzt am Freitag mit schusssicherer Weste im Gerichtssaal im Landesgericht Korneuburg. Vor dem Gebäude haben sich Beamte der Sondereinheit Cobra positioniert, im Saal stehen vermummte Justizwache-Beamte. Der Angeklagte soll am 4. Juli des Vorjahres den tschetschenischen Regime-Kritiker und Blogger Martin B. alias „Ansor von Wien“ in Gerasdorf erschossen haben. Sechs Schüsse wurden auf ihn abgefeuert, der letzte in den Kopf. Als am Freitag Bilder der Bluttat gezeigt werden, kauert sich eine schwarz gekleidete Frau im Zuhörerbereich an die Mauer und verdeckt ihr Gesicht. Es ist die Frau des Mordopfers.

„Nicht schuldig“, erklärt der angeklagte Landsmann und hat jede Menge Erklärungsbedarf.

"Versteckt wie ein Hase"

Zum einen gibt es Augenzeugen, unter anderem den Leibwächter des Opfers, der sich versteckt hatte. „Versteckt wie ein Hase“, kommentiert der Angeklagte abschätzig. Und schiebt ihm die Schuld in die Schuhe. „Als ich weggefahren bin, hat er noch gelebt.“ Dass auf seinem Schuh Blut des Opfers gefunden wurde sei eine Intrige, behauptet der Angeklagte.

Die Spuren sprechen gegen den 47-Jährigen. Und auch die Vorgeschichte. Einige Tage vor der Tat kam es schon einmal zu einem Treffen zwischen dem Angeklagten und dem späteren Opfer – bei einem Penny-Markt in Ansfelden (OÖ). Martin B. wollte eine Glock kaufen, man sprach über den Preis. Schon einen Tag später saß Sar-Ali A. mit dem (mittlerweile untergetauchten und bekennenden Unterstützer des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow, Anm.) Landsmann Salman M. im Auto und fuhr durch Wien, unter anderem die Brünner Straße entlang – man kam auch am späteren Tatort vorbei. Ein Zufall? „Ich wollte Taxifahrer werden“, erklärt der Angeklagte, der zu diesem Zeitpunkt auch vom Verfassungsschutz observiert wurde. Er galt schließlich als der Waffenschieber in der tschetschenischen Community.

Kriegsveteran

„Haben Sie selbst eine Waffe gehabt?“, fragt der Richter. „Nein“, beteuert der Angeklagte. Er hat bereits fünf Jahre seines Lebens wegen Waffenschmuggels in Haft verbracht. Und er ist ein ausgezeichneter Kriegsveteran. Entsprechende Unterlagen fanden sich in seinem Schlafzimmer-Kasten. „So eine Urkunde kann ich Ihnen auch organisieren“, wiegelt der Angeklagte in Richtung des Richters ab. „Das brauche ich nicht, ich habe einen Waffenpass“, bekommt er als Antwort.

Am frühen Abend des 4. Juli sollte schließlich die Waffenübergabe in Gerasdorf stattfinden – den Ort soll Opfer Martin B. vorgeschlagen haben, der als Bezahlung einen alten BMW mitbrachte.

Wenig später war Martin B. tot. Der Angeklagte flüchtete. Was er nicht wusste: Nur durch Zufall wurde er nicht vom Leibwächter des Opfers erschossen. Die Waffe war defekt. Der Leibwächter verständigte die Polizei. Und auch ein weiterer, zufällig anwesender Zeuge sah den Flüchtenden.

Dialoge zwischen Richter und Angeklagtem:

R: „Haben Sie mit Salman M. eine Tatortbesichtigungstour gemacht? Ihr Auto wurde auf der Brünner Straße gesehen.“

A: „Ich weiß nicht, wo die Brünner Straße ist.“

R: „Was haben Sie in Wien gemacht?“

A: „Ich wollte Taxifahrer  werden.“

R: „Eine berufliche Veränderung haben Sie also angestrebt ... ich verstehe.“


R: „Sie sind der einzige unbewaffnete Waffenschieber, der mir bisher untergekommen ist.“

A: „In Österreich steht alle fünf Meter die Polizei. Bei uns heißt es, nicht einmal die Hunde beißen hier. So gewaltfrei ist Österreich.“

 

R: „Wenn Sie nicht geschossen haben – woher kommen die Schmauchspuren an Ihren Händen und an der Kleidung?“

A: „Zwei Wochen zuvor war ich in Berlin schießen.“

R: „Seither haben Sie sich nicht die Hände gewaschen und die Kleidung gewechselt?

A: „Ich bin geschieden.“


Angeklagter über den langhaarigen Leibwächter des Opfers: „Wenn man ihn sieht, wird man ihn nicht vergessen. Er ist wie eine Hure mit Zopf. Bei uns trägt man  keine weiblichen Merkmale.“
 

Hubschrauber folgte ihm

39 Minuten später wurde sein Auto von einem Hubschrauber aus auf der S33 entdeckt und verfolgt. In dieser Zeitspanne soll er Handy und Tatwaffe entsorgt haben. Sie wurden bis jetzt nicht gefunden.

Möglicherweise hat sie der flüchtige Salman M. nach Tschetschenien gebracht. Gerüchten zufolge soll auf Martin. B. ein Kopfgeld in Millionenhöhe ausgesetzt gewesen sein. Geklärt werden konnte das nie.

Allerdings: Der Richter zeigt dem Angeklagten ein Bild, auf dem ein Mann mit einem Fächer aus Geld zu sehen ist. „Wer ist das?“, fragt er. „Mein jüngerer Bruder“, antwortet der Angeklagte.

Urteil: Lebenslange Haft für Sar-Ali A. Die Verteidigung meldete Nichtigkeit und Berufung an. Nicht rechtskräftig.

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