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Chronik Österreich
07/12/2019

Kinderporno-Ring: Wie kommt ein Häftling ins Darknet?

Mit pädophilen Bildern aus dem Gefängnis gehandelt - die Justiz kann wenig dagegen unternehmen.

von Michaela Reibenwein, Dominik Schreiber

Das Darknet wird in Medien gerne als etwas Böses, Finsteres und Abgeschottetes dargestellt, wo im Verborgenen illegale Geschäfte abgewickelt werden. Dabei gehört es zum Internet wie viele Homepages zum Beispiel auch.

Die meisten Seiten kämpfen um virtuelle Aufmerksamkeit und versuchen auf Suchmaschinen wie Google möglichst weit vorne zu landen. Dafür werden alle möglichen Tricks ausgenutzt. Doch es gibt auch Seiten, die genau das Gegenteil wollen, um nur ja nicht auffindbar zu sein. Und das ist  – grob gesagt – das Darknet.

"Silk Road"

Diese Seiten sind nur zu finden, wenn man die Adresse kennt. Bekannt wurde etwa „Silk Road“. Im Prinzip funktionieren diese Schwarzmärkte wie herkömmliche  Onlinehändler wie Amazon – mit Bewertungen sowie An- und Verkauf. Hier  gibt es alles –  von Drogen über gedungene Mörder und Kreditkartendateien bis zu Kinderpornos.

Um dabei keine Spuren zu hinterlassen werden statt Mozilla oder Internet Explorer bestimmte Browser verwendet. Über diese Seiten ist nicht nachvollziehbar, wer surft. Geldgeschäfte werden mit virtuellen Währungen (Bitcoins) getätigt, um  nicht auffindbar zu sein.

Die Behörden hatten hier lange keine Chance, sie konnte Spuren nur über Postwege nachverfolgen. Mittlerweile übernehmen (technisch versierte) Ermittler aber diese Marktplätze einfach, betreiben sie einige Monate weiter und kommen so zu vielen Kontaktdaten  – über die dann User ausgeforscht werden können. Auch jene, die im Gefängnis sitzen. Dort benötigt man nicht viel, um ins Internet (oder eben Darknet) zu gelangen. Im Prinzip reicht ein legaler Computer oder Laptop.

SIM-Karte kann reichen

Lediglich illegal ist die Möglichkeit, ins Netz zu kommen – dafür kann man ein Handy verwenden, mitunter reicht einfach eine kleine SIM-Karte. Dann muss nur mehr die Sperre (etwa des USB-Zugangs) deaktiviert werden und der Betreffenden kann online gehen.
 

Wer denkt, Insassen von Justizanstalten sind von der Umwelt komplett abgeschirmt, liegt falsch. Auch hinter Gittern nutzen Häftlinge Mobiltelefone und Internet – wenn auch nicht legal. „Eine handyfreie Justizanstalt spielt’s nicht“, sagt Wolfgang Gratz. Der Kriminologe war früher selbst Leiter der Justizanstalt Wien-Mittersteig. Jene Justizanstalt, von wo aus ein verurteilter Sexualstraftäter und Mörder Kinderpornos im Darknet verkauft haben soll.

Computer eingezogen

Wie berichtet, stießen deutsche Ermittler im Darknet auf das kinderpornografische Material. Als sie eine verdächtige IP-Adresse zurückverfolgten, stellte sich heraus, dass der Computer ausgerechnet in einer österreichischen Justizanstalt stand. In sämtlichen Justizanstalten des Landes wurden daraufhin alle Computer eingezogen und überprüft.

Der Verdächtige Timon S. erhängte sich wenig später in seiner Zelle. Es wird allerdings gegen weitere Personen ermittelt – mit teils ebenfalls einschlägigen Vorstrafen. Einer der Verdächtigen war bereits Freigänger – das wurde ihm jetzt wieder gestrichen.

Wie es überhaupt möglich war, derartige Geschäfte aus dem Maßnahmenvollzug in Mittersteig zu organisieren, ist noch Teil von Ermittlungen. Grundsätzlich gilt: Zwar gibt es Computer – vor allem für Lernzwecke – die werden aber nur unter Aufsicht verwendet. Als Vergünstigung für Insassen gibt es auf Antrag (und eigene Kosten) auch Laptops. WLAN-Module werden vorab aber ausgebaut, USB-Steckplätze deaktiviert.

„Es gibt laufend Haftraum-Kontrollen und Schwerpunkt-Aktionen mit Hunden“, sagt Martin Saam von der Generaldirektion im Justizministerium. Jede Justizanstalt verfügt zudem über Geräte, mit denen aktive Handys aufgespürt werden können. „Das lässt sich räumlich dann auch sehr gut einschränken.“ Und: Geplant ist eine Gesetzesnovelle, um künftig auch Störsender verwenden zu dürfen.

Aber: „Wir haben auch sehr kreative Insassen, die in dem Bereich eine sehr gute Vorbildung haben und es schaffen, Sperrungen und Schranken zu überwinden“, sagt Saam.

Beamter als Helfer

Wie viele Handys oder SIM-Karten jährlich gefunden werden, darüber macht das Justizministerium derzeit keine Angaben. Dokumentierte Vorfälle gibt es aber genug: Im vergangenen März wurden bei einer Schwerpunktaktion in Graz-Karlau drei Handys, ein USB-Stick und eine SIM-Karte gefunden. Kurz zuvor wurde bekannt, dass ein Justizwachebeamter in Hirtenberg 31 Mobiltelefone in die Anstalt geschmuggelt haben soll. Bei einer Razzia 2016 in 27 Anstalten wurden sogar 103 Handys aufgespürt.

Albin Simma, Vorsitzender der Justizwachegewerkschaft, sieht jedenfalls im chronischen Personalmangel ein Schlüsselproblem.