Ohlsdorf, Hagel, Unwetter

© FF Ohlsdorf

Hochwasser
06/10/2013

Unwetter bringen neue Überflutungen in OÖ und Salzburg

Inn und Donau könnten am Dienstag wieder Warngrenzen erreichen.

von Stefan Straka, Wolfgang Atzenhofer, Michael Petermair

Gewitter mit Starkregen und Hagel haben in der Nacht auf Montag zu zahlreichen Überflutungen und Muren in Oberösterreich geführt. Die Feuerwehren standen im Dauereinsatz. "Das darf’s ja nicht geben“, zeigte sich Schärdings Bürgermeister Franz Angerer Sonntagabend geschockt über neue Unwetter Sonntagnacht.

„Die Einsatzkräfte sind von mir informiert worden, Bauhofmitarbeiter richten schon wieder die mobilen Schutzwände her“, sagt Michael Hutterer von der Feuerwehr. Die Reinigungsarbeiten in Schärding wurden vorerst unterbrochen. Allerdings gelte es, besonnen zu bleiben: „Wir wollen die Bevölkerung nicht beunruhigen“, betont Hutterer. Und Bürgermeister Angerer ergänzt: „Ich hoffe, wir kommen diesmal glimpflich davon.“

Besonders stark betroffen war das Hausruckviertel. In Wels wurden wegen großer Regenmengen Unterführungen überflutet. Fahrzeuge mussten geborgen werden. Auf die Pegelstände von Inn und Donau sollen die Unwetter laut Hydrografischem Dienst zwar keine relevanten Auswirkungen haben, für Montagabend prognostizierte Niederschläge könnten die beiden Flüsse aber wieder bis zur Warngrenze anschwellen lassen. Mehr zur Situation in Oberösterreich

Neue Überschwemmungen im Flachgau

Auch über den Salzburger Flachgau, der schon in der vergangenen Woche mit Hochwasser und Muren zu kämpfen hatte, zog die Unwetterfront und sorgte dort für neuerliche Überflutungen.

Nur eine Woche nach dem Hochwasser haben Gewitter am Sonntagabend im Salzburger Flachgau neuerlich für kleinräumige Überschwemmungen gesorgt. Am schlimmsten war die Gemeinde Straßwalchen betroffen, wo nach einem Hagelunwetter der Marktplatz unter Wasser stand. Durch Hagelschlossen, aber auch Laub und Ästen waren in Straßwalchen rasch die Abflüsse verstopft, so dass sich das Wasser am Marktplatz sammelte. Die Feuerwehr schaufelte die Abflüsse frei und pumpte mehrere Keller aus, in denen Wasser eingedrungen war.

Pumpeinsätze gab es auch für die Feuerwehren in Seeham, Mattsee und Bergheim. Insgesamt 79 Helfer halfen an 17 Stellen mit. Das ist laut Landesfeuerwehrkommando bei einem Gewitter mit Starkregen durchaus üblich. Laut Ö3 war auch die Landeshauptstadt Salzburg von Hagel und starken Windböen betroffen.

Außerdem gab es in Tirol und Vorarlberg in der Nacht auf Montag teils starke Regengüsse begleitet von Gewittern. Im Ländle ist dadurch die Gefahr von Muren und Überflutungen wieder gestiegen. Spitzenreiter bei den Niederschlägen war Dornbirn, wo seit Sonntag über 80 Liter Niederschlag pro Quadratmeter zusammenkamen. In Niederösterreich verlief der Sonntag ebenfalls nicht ungetrübt. Aus dem Waldviertel wurden etwa Hagel und schwere Gewitter gemeldet.

In den nächsten Tagen ist wieder Regen angesagt. Am Montag soll es im Großteil Österreichs laut Voraussagen weiterregnen, am kräftigsten entlang der Nordalpen. Besonders nach Westen hin kann es ziemlich ergiebig regnen, damit sind stellenweise Muren, Hangrutschungen oder auch Überflutungen möglich. Zum aktuellen Wetter aus Ihrer Region

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Immer noch sind zahlreiche Bahnverbindungen aufgrund des Hochwassers gesperrt. Hier geht es zur Streckeninformation der ÖBB.

Berlakovich: "Mehr Raum für Flüsse"

In der politischen Debatte um mehr Hochwasserschutz hat sich am Montag Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) zu Wort gemeldet. "Wir müssen den Flüssen mehr Raum geben", betonte Berlakovich im Ö1-"Morgenjournal". In den vergangenen fünf Jahren habe man den Flüssen bereits rund 8000 Hektar Überflutungsfläche zurückgegeben, doch es seien zweifelsfrei mehr Investitionen von Nöten.

Dem Vorschlag der VP-Schwesterpartei CSU in Bayern, wonach man Landwirte im Notfall auch enteignen müsste, kann Berlakovich aber nichts abgewinnen. In Österreich würden Grundstücke angekauft oder mit Bauern Entschädigungen bei Überflutungen vereinbart.

Mehr Mittel von Bund und Ländern

Seit 2002 seien fast zwei Milliarden Euro in den Schutz vor Naturgefahren investiert worden, sagte der Umweltminister. Dadurch habe man größere Schäden verhindern können. Er sei "zuversichtlich", dass in den nächsten fünf Jahren eine weitere Milliarde in den Hochwasserschutz investiert werden könne, hielt er gegenüber Ö1 fest. "Wenn es mehr Geld gibt, können wir schneller bauen."

Bereits am Donnerstag hatte Berlakovich angekündigt, dass für den Hochwasserschutz "ganz klar auch noch mehr Mittel von Bund- und Ländern notwendig sind". Und weiter: "Wir werden aus den Überschwemmungen der letzten Tage die richtigen Schlüsse ziehen und in unseren künftigen Hochwasserschutzmaßnahmen mitberücksichtigen."

Ähnlich äußerte sich am Sonntag sein Parteikollege, der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner. Er forderte in der ORF-Pressestunde mehr Mittel vom Bund. Die vereinbarten 80 Mio. Euro pro Jahren seien "mit Garantie nicht ausreichend", nötig wären - für Hochwasser-, Wildbach- und Lawinenschutz - 200 Mio. Euro jährlich für die Länder und Gemeinden.

Vermisste Frau tot geborgen

Evelyn Kaserer, Jene 23-Jährige aus Taxenbach im Salzburger Pinzgau, die seit vergangenen Sonntag vermisst wurde, ist gestern gefunden worden. „Die Suchmannschaft hat den Leichnam im Bereich von Hallein aus dem Wasser gezogen“, bestätigt Polizeisprecher Erwin Resch gegenüber dem KURIER.

Nach wie vor verschollen ist der 48-jährige Landwirt Meinrad Hofer, der ebenfalls aus Taxenbach stammt. Er wurde genauso wie die 23-Jährige mit dem Auto von einer Mure mitgerissen.

Wie vom Erdboden verschluckt sind auch zwei junge Frauen aus Oberösterreich. Die 16-jährige Sandra Kobler aus Berg bei Rohrbach im Mühlviertel ist bereits seit 31. Mai abgängig. Und von Katrin Stadlbauer aus Eidenberg fehlt seit 2. Juni jede Spur.

Die 20-jährige Frau war am Rodlfest in Gramastetten unterwegs gewesen. Beim Heimweg in den Morgenstunden musste sie im strömenden Regen zwei Brücken überqueren. Es besteht laut Polizei der Verdacht, dass sie in die hochwasserführende Rodl gefallen sein könnte.

„Schlamm wird hart wie Beton“

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die Sonne trocknete am Wochenende den Donau-Schlamm auf. „Der wird dann hart wie Beton“, sagt Bernhard Laubreiter, Obmann der Naturfreunde in Korneuburg (NÖ). In der Stadt an der Donau wurde jenseits der Autobahn mit Hochdruck mit den Aufräumarbeiten begonnen. Das Vereinsareal der Naturfreunde hat es arg erwischt. Das Wasser kam nicht nur wie gewöhnlich durch die Türen sondern auch durch die Fenster. Fitnessraum, Sauna und die neue Heizungsanlage wurden beschädigt. Ähnlich die Situation in Kritzendorf.

Draußen schob sich ein Radladerfahrer mit der Schaufel durch die Schlammmassen. „Den Schlamm gab es früher nicht. Der kommt von den Kraftwerken und das Erdreich hat es aus der Au herausgespült“, sagt Laubreiter. Viele Menschen sind angereist, um zu helfen: Freiwillige aus Wien mit Gummistiefel und Schaufel oder auch die Werksfeuerwehr des Installations-Großhandels ÖAG aus Wien-Simmering.

In den Kleingärten dahinter spielt sich ein „Schlammassel“ ab. Schwemmgut hat die Zäune beschädigt, manche Hütte steht nicht mehr auf dem Fundament sondern daneben. Gegenüber im Ruderclub Alemannia säuberten 50 Vereinsmitglieder Haus und Garten. „Die Geräte sind diesmal untergegangen, weil der Wasserspiegel so hoch war“, sagt Werner Schmidt und relativiert: „Wir gehen am Abend nach Hause. Aber jene, die da wohnen, sind ärger dran.“ Etwa Hausbesitzer Thomas Hammerschmied: „Der Keller wird noch lange voll sein“, sagte der Mann und spritzte Dreck von der Fassade.

Eines wissen die Naturfreunde jedenfalls schon. „Die Saison ist vorbei“, sagt Laubreiter. Die Arbeiten dauern sicher noch Wochen. Außerdem kommt jetzt die Gelsenplage. Das sei so sicher wie das Amen nach dem Gebet.

Handgranate

Die Schauplätze der Schlammschlachten waren auch gestern entlang der Donau austauschbar. 1800 Feuerwehrleute und 1750 Soldaten werkten in den verwüsteten Orten von Emmersdorf bis Hainburg. Das NÖ Militärkommando warf zusätzliche 250 Soldaten in das Gefecht. In OÖ bekamen die uniformierten Helfer den Sonntag frei, um Kräfte für den Wochenbeginn zu sammeln.

Glück hatten Melker Pioniere in Emmersdorf. In einem schlammigen Hauskeller buddelten sie auch eine scharfe Handgranate aus dem 2. Weltkrieg aus. Sie wurde gestern vom Entminungsdienst gesprengt.

Goldwörth bleibt im Ausnahmezustand

Zwei Kilometer vor Goldwörth, dem von der Flutkatastrophe am schwersten betroffenen Ort in Oberösterreich, geht plötzlich nichts mehr weiter. Die Straße ist gesperrt, alle Autos werden angehalten. Nur Anrainer, Einsatzkräfte und Medienvertreter dürfen passieren. „Wir wollen die Schaulustigen fernhalten“, erklärt Feuerwehrmann Stefan Oberhauser mit strenger Miene und winkt uns durch.

Es ist Sonntag, kurz vor 10 Uhr. Im Zentrum der Gemeinde herrscht hektisches Treiben. Ursula Wolfsegger vom Arbeiter-Samariter-Bund holt gerade Mineralwasserflaschen aus einem Zelt. „Wir versorgen Helfer und Einwohner mit Getränken“, sagt die 49-Jährige. Schräg gegenüber wird in einer mobilen Küche das Mittagessen zubereitet. Es gibt Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat. „Insgesamt 1900 Portionen“, erzählt Alois Affenzeller, der die Aktivitäten der Feuerwehr koordiniert.

Gestern, Sonntag, waren in dem 932-Seelen-Ort im Bezirk Urfahr-Umgebung 200 Feuerwehrleute, 100 Mitarbeiter vom Roten Kreuz und vom Arbeiter-Samariter -Bund, 50 Personen des Teams Österreich und weitere 100 Freiwillige im Einsatz. Trotz der gewaltigen Schäden haben die Einwohner ihren Humor nicht verloren. „So haben wir wenigstens wieder einmal entrümpelt“, sagt Erika Jacubetz-Thaler. Gästezimmer, Kellerbar, Werkzeugraum, Heizung – alles ist zerstört. „Wir müssen nach vorne schauen“, sagt die 70-Jährige. Gabriele Thalhammer hat ebenfalls das Schlimmste hinter sich. „In unserem Haus ist wieder alles halbwegs trocken, der Schlamm weg.“ So stark überflutet sei Goldwörth schon lange nicht mehr gewesen. „Als ich drei Jahre alt war, hatten wir auch ein derart gewaltiges Hochwasser“, sagt die 51-Jährige.

35 Tonnen Müll

Für Alois Affenzeller sei das Zusammenspiel der Hilfskräfte vorbildhaft. Das habe man am „extrem harten“ Samstag gesehen. „Da wurden hier insgesamt 35 Tonnen Müll entsorgt.“

Man könne jetzt nur hoffen, das die für die nächsten Tage angekündigten Regenfälle nicht zu heftig ausfallen. „Wenn unser Zuhause nochmals unter Wasser steht, ziehe ich weg“, stellt Erika Jacubetz-Thaler klar.

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