Die Schule bereitete Ricardo Albträume. Er und seine Geschwister bekommen Heim-Unterricht von ihrer Mutter Claudia Haas.  

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Chronik | Österreich
12/17/2018

Hochbegabte: Wohnzimmer statt Klassenzimmer

Eltern, die ihre hochbegabten Kinder selbst zu Hause unterrichten, stoßen oft auf Unverständnis

Wenn Claudia Haas erzählt, dass sie ihre drei Söhne daheim unterrichtet, stößt ihr meist Unverständnis entgegen. „Die Leute glauben, dass wir nichts machen. Dabei arbeite ich ständig, Freizeit habe ich keine.“

Haas lebt in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Wiener Neustadt. Sie ist Alleinerzieherin. Und sie ist nicht freiwillig zur „Lehrerin“ geworden. Ihr ältester Sohn Ricardo, heute 15, hat diesen Weg vorgegeben. Er ist hochbegabt.

Albtraum Schule

„Die Schule war mein schlimmstes Erlebnis“, sagt er. Schon mit zwei, erinnert sich seine Mutter, kannte er Buchstaben. Als er in die Volksschule kam, konnte er bereits lesen, schreiben, rechnen und ein wenig Englisch. Die Schule beschreibt er mit einem Wort: „Hirn-zerfressend.“

Claudia Haas: „ Er ist plötzlich nur noch herumgelegen, er hatte Albträume. Und täglich kam ein Anruf von der Lehrerin – Ricardo hatte wieder im Unterricht geschlafen.“ Erst eine Psychologin erkannte: Ricardo ist hochbegabt.

Das Lerntempo in der Schule frustrierte ihn. Auch, dass er eine Klasse überspringen konnte, half nichts.

Neue Motivation

Erst daheim, so erinnert er sich, fand er die Freude am Lernen wieder. Geschichte und Mathematik faszinieren ihn ganz besonders. Schon jetzt beginnt er ein Mathe-Fernstudium. In seiner Freizeit spielt er Schach, ist im Sportverein.

Auch der jüngere Bruder Silvano (elf Jahre) hat eine Hochbegabung. Er hat sich das Piano-Spielen beigebracht, aktuell lernt er Chinesisch und Japanisch. „Den dritten Sohn habe ich dann gar nicht mehr testen lassen“, erzählt Claudia Haas. Er wäre jetzt in der ersten Klasse Volksschule.

Für die Alleinerzieherin heißt das: Lernen. „Wenn alle im Bett sind, setze ich mich vor den Computer und bereite den Lehrstoff vor.“

Auch der elfjährige Markus Miklauschina und seine Mutter Doris ernten befremdete Blicke, wenn sie vom häuslichen Unterricht erzählen. „Ich will die Schule nicht schlechtreden. Aber Hochbegabte haben oft große Probleme in der Schule“, schildert die Mutter.

Auch ihr Sohn sei auffällig geworden. Der Bub, interessiert, wissbegierig, intelligent. Und plötzlich machte er Probleme. „Er hat sich weggeträumt, hat den Anschluss verloren.“ Und schließlich wollte Markus nicht mehr in die Schule gehen.

„Innerhalb von drei Monaten hat er sich komplett gewandelt. Er hat Ticks entwickelt, wurde depressiv.“ Auch hier brachte erst ein Psychologe die Erklärung.

Der häusliche Unterricht war nie geplant. Miklauschina hat ihren Job aufgeben müssen.

Der Aufwand ist riesig. Auch, wenn in Mathe und Geografie ein Privatlehrer hilft. Jetzt sei Markus aber wieder neugierig. Auf einer Maturaschule macht er Latein. Mit 14, so der Plan, will er Jus studieren (via Fernstudium). „Weil auch sein Vater Rechtsanwalt ist.“

Kein Leben in der Blase

Sie hatte Angst, gibt die Mutter zu. „Ich wollte auf keinen Fall, dass er in einer Blase aufwächst.“ Die Sorge blieb unbegründet, sagt sie. Markus spielt Theater und Gitarre, hat viele soziale Kontakte.

Dass der häusliche Unterricht zuletzt vermehrt in die Kritik geraten ist – konkret werden Freilerner (Kinder lernen alleine und nur Inhalte, die sie interessieren, legen keine Prüfungen ab) aktuell von Stadt- und Landesschulrat besonders kritisch beäugt – setzt ihnen zu.

„Dass mit dem häuslichen Unterricht auch Missbrauch betrieben werden kann, ist klar. Eine Überprüfung durch den Staat finde ich gut“, sagt Claudia Haas.