Chronik | Österreich
07.11.2018

Konfliktstoff Freilerner: Nie mehr Schule

Kinder, die sich ihr Wissen selbst zu Hause beibringen, werden mehr. Die Behörden sind alarmiert

Alexandra Terzic-Auer nennt sie „Freilandkinder“ – jene Kinder und Jugendliche, die ihr Wissen selbst oder mit Unterstützung der Eltern erwerben. Außerhalb der Schule. „Solche Kinder finden mit Handkuss einen Job, weil sie selbstständiger und motiviert sind“, meint die „Bildungsaktivistin“. Doch die Freilerner, wie sie allgemein bezeichnet werden, werden nicht überall so positiv aufgenommen. Auch deshalb, weil die Zahl der Kinder, die zum häuslichen Unterricht angemeldet werden, steigt (der KURIER berichtete). Im vergangenen Schuljahr waren es 2320, davon 442 in Wien. Und die Freilerner beschäftigen auch schon die Gerichte. Landes- und Stadtschulräte sehen die Entwicklung durchaus kritisch.

In der Steiermark etwa macht sich bei Wolfgang Pojer, Landesschulinspektor für Volksschulen, eine gewisse Resignation breit. „Wir haben versucht, stärker zu prüfen, ob ein entsprechender Unterricht stattfindet. Mit dem Erfolg, dass ein Elternteil Widerspruch eingelegt hat und der Bundesverwaltungsgerichtshof gesagt hat: Das dürfen wir nicht.“ Jetzt würde man Ansuchen auf häuslichen Unterricht „einfach durchwinken“ müssen. „Als Pädagoge habe ich ein großes Unwohlbehagen damit. Die Arbeit der Lehrer wird schließlich auch laufend überprüft.“

Stärken/Schwächen

Von Prüfungen allgemein hält Terzic-Auer wenig. „Selbstbestimmte Bildung sollte ein Recht sein“, sagt sie. Und da sei es auch kein Problem, wenn – wie in einem aktuellen Fall – ein 13-jähriger Wiener in Mathe einen Nachholbedarf von vier Jahren Stoff hat und nur sehr langsam in Druckbuchstaben schreiben kann. In Englisch beherrscht er nur ein paar Wörter. „Konkret dieser Bub hat so viele andere Stärken. Und wenn ihn Mathematik interessiert oder er es braucht, wird er sich dieses Wissen auch selbstständig aneignen.“

Auch wenn der Oberste Gerichtshof (OGH) durchaus bemerkenswerte Begabungen des Burschen feststellte – er baute sogar einen Roboter – die Obsorge in Bildungsfragen wurde dem Jugendamt übertragen. Der Bub sollte in eine Neue Mittelschule kommen. Nicht unproblematisch für einen 13-Jährigen, der das noch nie erlebt hat. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

Rund 250 Familien befinden sich im Netzwerk der Freilerner. „Es sind auch viele Pädagogen unter den Eltern“, sagt Terzic-Auer. Sie kann die Bedenken nicht verstehen. „Sie müssen diese Kinder einmal erleben. Die sind nicht gedeichselt, haben nicht dieses Konkurrenz-Denken, sind hochsensibel und weitaus sozialer als andere Kinder in ihrem Alter.“

Kritik an Schule

Ihr eigener Sohn habe sich selbst mit drei Jahren das Lesen beigebracht. „Im Kindergarten war ihm dann sterbenslangweilig. Und in der Schule war es mit seiner Entwicklung schlagartig zu Ende.“

Sie lehnt auch Externisten-Prüfungen ab – als jährliche Wissensüberprüfungen. „Wozu? Das sehe ich nur ein, wenn es um ein Studium geht.“

Das ist nur ein Punkt, der auch bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft die Alarmglocken schrillen lässt. „Die Schule hat neben der Wissensvermittlung eine hohe Sozialfunktion und den klaren Bildungsauftrag, junge Menschen zu erziehen.“ Sie fordert, dass der häusliche Unterricht ausdrücklich bewilligt werden muss. Und zusätzlich zur Externistenprüfung soll, zumindest zwei Mal jährlich, die „sozioemotionale Entwicklung“ des Kindes untersucht werden. Zumindest in einer Sache sind sich die Kinder und Jugendanwälte mit den Freilernern einig: Erhebungen, wie diese Kinder später Alltag und Beruf meistern, gibt es nicht. Auch nicht, ob sie es schaffen, eine Matura oder ein Studium zu absolvieren. „So eine Erhebung sollte die Wissenschaft endlich durchführen“, meint auch Terzic-Auer.

Mit Bedenken ist auch Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen konfrontiert. Zumeist wenden sich Familienangehörige an sie, die an dem Freilerner-Konzept zweifeln. „Den Kindern entsteht ein riesiger Schaden. Sie werden intellektuell und sozial an einer gesellschaftlichen Teilnahme gehindert“, meint Schiesser. Die Konsequenzen sind minimal. Legen die Kinder keine Externistenprüfung ab, gibt es maximal Verwaltungsstrafen – im Fall des 13-Jährigen betrug die erst 160 Euro, später 280 Euro.