Chronik | Österreich
07.11.2018

Warum Schule so wichtig für das Sozialverhalten ist

Pädagogik-Spezialist Andreas Salcher und die Schulentwicklerin Christa Koenne sprechen über ihre Ansichten zum Heimunterricht.

In den USA seien die Abmeldungen von der Schule weitaus ausgeprägter als bei uns in Österreich, erzählt der Bildungsexperte und Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule Andreas Salcher. "Dies hat unterschiedliche Gründe. Dort sind es oft signifikant fundamentalistische, religiöse Gründe. Diese Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder über moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse unterrichtet werden. Oder über Sexualerziehung. Das halte ich für sehr gefährlich." Seine Kinder von der „bösen“ Welt abzuschotten, das sei eindeutig gegen das Kindeswohl. "Solche Kinder werden dann später selbst sehr dogmatisch oder irgendwann werden sie ausbrechen. Oder davonlaufen", sagt Salcher weiter. 

 

Auch wenn die Zahlen der Abmeldungen zum häuslichen Unterricht hierzulande gestiegen sind, so beurteilt er das Thema in Österreich immer noch als unproblematisch. Man müsse das mit anderen Ländern in Relation setzen, diese Zahl sei immer noch sehr niedrig. "Was ich jedenfalls als Trend erkennen kann, ist, dass sich zunehmend Eltern zusammentun und sich ein oder zwei Lehrer selbst privat organisieren. Diese Eltern sind mit dem System unzufrieden, so wie es derzeit funktioniert. Also legen sie Geld zusammen, um sich kleine Projekte, meist Volkschulen, zu finanzieren. Dagegen ist nichts zu sagen, denn diese Schulen werden ja ohnehin überprüft."

Was aber für Salcher hauptsächlich gegen Homeschooling spricht, ist das soziale Argument. "Die Schulzeit ist das erste Mal - nach dem Kindergarten - wo das Kind aus dem vertrauten Bereich herauskommt und sich mit Gleichaltrigen und Fremden umgibt. Kinder lernen dort, sich in eine Gruppe einzufügen, mit schwierigen Situationen umzugehen." Ebenso sei es wichtig, dass die Eltern auch einmal einen anderen, nämlich professionellen, Blick auf das Kind bekommen. Lehrer sollten im Idealfall Talente erkennen, die die Eltern nicht erkennen.

Unterricht wie vor 100 Jahren

"Das System könnte besser funktionieren", räumt Salcher jedoch ein. "Wir wollen auf der einen Seite die Individualisierung fördern, setzen aber ruhige, begabte, verhaltensauffällige und nicht deutschsprechende Kinder wild gemischt zusammen. Dieser Spagat ist mit unseren Methoden nicht lösbar. Wir haben ein nach wie vor sehr restriktives System. Die Unterrichtsgegenstände sind mit jenen von vor 100 Jahren fast identisch."

Und da gebe es nun Eltern, die sagen, mein Kind ist anders. Schneller oder begabter beispielsweise. Dann sei eine öffentliche Schule, wo ein Buchstabe pro Woche gelernt wird, keine Herausforderung und das Kind langweile sich endlos. "Diese Situation erleben wir immer häufiger. Und gerade Eltern, die über wenig finanzielle Mittel verfügen, haben plötzlich ein 'begabtes' Kind. Dass sie dazu tendieren, das Kind von der Schule abzumelden, kann ich nachvollziehen", sagt Salcher

In Wien hätten die Eltern und Kinder jedoch Glück, da es viele alternative Schulmodelle gibt. "Es gibt Kinder, die brauchen klare Strukturen. Andere wiederum haben eine hohe Eigenmotivation, die fühlen sich unwohl, wenn ihnen ein Korsett angelegt wird. De facto braucht man den richtigen Lehrer, die richtige Pädagogik für das entsprechende Kind." Salcher sagt, er sei kein Freund von einseitiger Dogmatik.

Im Kindergarten anfangen

Im internationalen Vergleich stünden wir schlecht da. "Unsere große Schwäche fängt bereits im Kindergarten an. Die Gruppen sind viel zu groß. Österreich und die Slowakei sind die einzigen beiden EU-Länder, wo Kindergartenpädagogen keine tertiäre Ausbildung haben. Aber bei diesen Ausbildungen geht es exakt um diese essenziellen pädagogischen Skills. Die Pädagogen lernen den professionellen Blick auf ein Kind zu werfen, damit es ideal gefördert werden kann." Teilweise hätten wir sehr wohl hervorragende Lehrer, aber auch viele, die noch genauso unterrichten wie vor 30 Jahren. Auch in der Lehrerweiterbildung seien wir nicht gut, das meiste sei freiwillig, das sollte es aber nicht sein. "Und unsere Direktoren werden von Bürokratie erschlagen, anstatt Zeit zu haben, sich um ihre Lehrer zu kümmern."

Daher dürfe man sich nicht wundern, warum bei uns nichts wirklich gut funktioniert. "Wenn die Regierung eine einzige Maßnahme setzen soll, dann plädiere ich dafür zu forcieren, dass wir die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt haben. Denn dann werden wir auch die besten Maturanten und Universitätsabsolventen der Welt haben. Man muss bei den ganz Jungen ansetzen", sagt Salcher.

"Ich bin sehr dafür, dass Kinder in ein soziales Gefüge wie eine Schulklasse eingeführt werden. Meine Sorge beim häuslichen Unterricht ist, dass diese Kinder dann in einem noch engeren Ghetto aufwachsen als das schon bei Schulen der Fall ist", sagt die Schulentwicklerin Christa Koenne eingangs. Koenne ist Bildungsexpertin am Institut für Unterricht- und Schulentwicklung der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt und Leiterin der Senior Academy an der Donau-Universität Krems. 18 Jahre lang war sie als AHS-Direktorin tätig. Sie leitete auch die Pisa-Science-Gruppe Österreich.

Schule sei sehr wichtig für das soziale Zusammenleben der Menschen, betont sie. "Schule ist friedensstiftend, das ist ihr Ziel. Wenn es darum geht, zu erlernen, wie man miteinander umgeht, andere Kulturen, Andersdenken und Verschiedenheiten zu erleben, brauchen wir die Schule. Je kleiner eine Gruppe ist, umso weniger Chance haben die Kinder, Fremdheit zu erfahren. Meine größte Sorge ist also, dass diese Kinder, die von der Schule abgemeldet werden, sehr stark in ihrem engen Soziotop bleiben." Der Besuch einer Schule sei also sehr wichtig für das Sozialverhalten eines Kindes. 

Widerstand und Leitung

"Wenn Eltern ihre Kinder nicht in die reguläre Schule geben, weil sie das System für falsch halten, weil sie die Gesellschaft, in die sie hineinwachsen nicht gut finden, erzeugen sie Widerstand. Widerstand gegen die Gemeinschaft, in der wir leben. Das ist höchstproblematisch, das zu unterstützen", sagt Koenne weiter. "Verstehen Sie mich nicht falsch, die Unzufriedenheit mit dem teilweisen schlechten Umgang mit den Kindern in unseren Schulen trage ich mit. Ich bin nicht der Meinung, dass unser Schulsystem optimal ist, das ist wahrlich nicht meine Position. Aber es hat sich viel verändert und das wird es noch."

Die große Veränderung, die wir brauchen, liege bei der Sekundarstufe 1. Dort sieht Koenne unsere größte Schwachstelle im Bildungssystem. "Schulen müssen besser werden. Ich finde aber dennoch nicht, dass wir Kinder herausnehmen sollten", meint Koenne.

Man könne das native Lernen als ein Element in die Lernerfahrung einführen, aber sich an einen Lehrplan zu halten, sich einer Vorgabe quasi "auszuliefern", hält Koenne für ganz wesentlich. "Wir erziehen die Kinder damit zu Führerpersönlichkeiten, wir sollen sie dazu erziehen, damit sie fähig sind, geführt zu werden. Sich einer Leitung anschließen können und nicht nur protestieren, wenn ein Anspruch an sie von außen kommt. Eigenverantwortlichkeit ist auch sehr wichtig. Sonst sehen wir nur Aufmüpfigkeit und Widerstand. Folgsamkeit muss aber auch sein. Dieser Balanceakt ist Aufgabe der Schule."

Die Schule solle also quasi sagen: „Das ist relevant, daher konfrontiere ich euch damit. Nicht alles muss hinterfragt werden.“ Reinen Laissez-fair Stil hält Koenne für sehr problematisch. "Das einzige, was wirklich wirksam ist: Erfolgserlebnisse für die Lernenden organisieren als Lehrer. Nur der Erfolg ist ein Motivator. Mit Strafen und schlechten Noten motivieren wir die Kinder nicht. Neugierig wird man durch Gutes."