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Hipp-Giftkrimi: Ex-Geheimdienstchef löste das Rätsel

Der frühere Staatsschutz-Chef Omar Haijawi-Pirchner lieferte der Polizei wichtige Hinweise auf den tatverdächtigen Slowaken.
SWIFT-ABSAGE: PK ZU AKTUELLEN POLIZEILICHEN ERMITTLUNGEN -HAIJAWI-PIRCHNER

Es ist vielleicht das Glück des Tüchtigen, dass nur vier Monate nach der Gründung seines eigenen Sicherheitsunternehmens einer der spannendsten Kriminalfälle des Landes auf dem Tisch des Ex-Geheimdienstchefs landete.

Omar Haijawi-Pirchner (45), früherer Leiter der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), hat im Auftrag des Babykostherstellers den mutmaßlichen Hipp-Erpresser zur Strecke bringen sollen. Der frühere Verfassungsschützer hat dem Landeskriminalamt Burgenland und der Polizei Ingolstadt (Deutschland) den verdächtigen 39-jährigen Slowaken ans Messer geliefert – in Form von Umfelderhebungen und einer Indizienkette.

Haijawi-Pirchner hatte nach dem BVT-Skandal mitgeholfen, den Staatsschutz in Österreich völlig neu aufzubauen. Anfang Dezember 2021 hatte der Niederösterreicher die Leitung der neu geschaffenen DSN übernommen. Es kam überraschend, als er Ende 2025 auf eigenen Wunsch aus dem Geheimdienst ausschied. Zum Jahreswechsel wurde klar, wieso der 45-Jährige den Staatsdienst hinter sich ließ.

Zusammenarbeit mit Ex-Cobra-Chef

Er wollte sein Netzwerk sowie die langjährige operative und strategische Erfahrung im Sicherheitsbereich nutzen und machte sich selbstständig. Im Jänner wurde bekannt, dass er mit der Sicherheitsfirma des früheren Kommandanten der Polizei-Sondereinheit Cobra, Wolfgang Bachler, eng zusammenarbeitet. 

Mit dem Sicherheitsunternehmen HP Strategic Consulting (HPSC) mit Sitz in Himberg berät Haijawi-Pirchner Unternehmen, Führungskräfte oder Institutionen bei Bedrohungslagen und der Bewertung sicherheitsrelevanter Risiken. Und genau da spielten ihm seine guten Beziehungen zum Spar-Konzern in die Hände.

Babynahrungshersteller Hipp

Der deutsche Babybrei-Hersteller wurde erpresst.

Bankomatbande richtete 4,6 Millionen Euro Schaden an

2019 war Haijawi-Pirchner noch Leiter des NÖ Landeskriminalamtes, als im Zuge der „Operation Krähe“ beim kosten- und ressourcenintensivsten Polizeieinsatz, den es in NÖ jemals gab, die Bankomatbande nach 13 Coups geschnappt wurde. Die Gangster hatten Bankomaten – vorwiegend in den Foyers von Spar-Supermärkten – gesprengt. Schaden: 4,6 Millionen Euro.

Als vergiftete Hipp-Gläser im April ausgerechnet in einer Spar-Filiale in Eisenstadt platziert wurden, war Haijawi-Pirchner nicht nur für den Lebensmittelkonzern die erste Wahl in Sachen Krisenmanagement. Er bekam auch das Vertrauen von Hipp.

Die HP Strategic Consulting erhielt den Auftrag des deutschen Babykostherstellers, parallel zu der Polizei auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen und den Konzern im Zusammenhang mit der Erpressung strategisch zu beraten. Mit den von Hipp zur Verfügung gestellten Informationen geriet rasch der 39-jährige Slowake ins Visier, er war am Standort Gmunden Business Development Manager für Asien. Weil er das Unternehmen geschädigt und diverse Betrugshandlungen in der Firma gesetzt haben soll, wurde er am 24. März freigestellt. Drei Tage später trudelte die Erpresser-Mail ein, in der 2 Millionen Euro in Kryptowährung gefordert wurden.

Vergiftete Gläser im Supermarkt

Haijawi-Pirchner durchleuchtete, wie er es bei der Polizei und beim Staatsschutz verinnerlicht hatte, den 39-Jährigen und dessen Umfeld. Der Verdächtige hatte finanzielle Probleme, durch interne Dokumente wurde rasch klar, dass er „kriminelle Energie“ aufwendete, um sich bei Hipp finanziell zu bereichern.

Vergiftete Gläser mit der Babynahrung wurden nicht nur in Eisenstadt im Regal platziert, sondern auch in Tesco-Filialen in Brünn (Tschechien) sowie in Dunajská Streda in der Slowakei.

Das Himberger Sicherheitsunternehmen fand unter anderem heraus, dass der 39-jährige Verdächtige enge familiäre und soziale Kontakte im engeren Umfeld aller drei Tatorte hat. Familienangehörige wohnen beispielsweise nur wenige Kilometer von der besagten Tesco-Filiale in Dunajská Streda entfernt.

Slawischer Hintergrund

Wie eine forensische Analyse zur Linguistik des Erpresserschreibens ergab, hat der Verfasser laut Sachverständigengutachten „slawischen Hintergrund“, was bei dem 39-Jährigen zutrifft. Er soll unter anderem russisch sprechen und in Moskau einen Sprachkurs absolviert haben.

Außerdem förderte die Risikoanalyse zu Tage, dass der Verdächtige auch als Geschäftsführer eines Lokals im Designer-Outlet-Center in Parndorf im Firmenbuch aufscheint. Und noch etwas fiel dem Sicherheitsexperten auf: Im Erpresserschreiben war davon die Rede, dass weitere Tathandlungen in Ländern wie Deutschland, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden oder Spanien erfolgen können. Die Roamingdaten des Diensthandys des Ex-Hipp-Managers zeigen, dass er sich seit März 2025 persönlich in all diesen Ländern aufhielt.

Strafverteidiger Manfred Arbacher-Stöger

Strafverteidiger Manfred Arbacher-Stöger vertritt den Verdächtigen.

"Kein Kommentar"

Die HP Strategic Consulting stimmte sich eng mit der Polizei ab und stellte alle Ermittlungsergebnisse zur Verfügung. Nach tagelanger Observation wurde der Tatverdächtige schließlich an seinem Wohnort in St. Gilgen am Wolfgangsee festgenommen. An der Adresse fand die Kripo unter anderem Rattengift und andere belastende Beweise. Der 39-Jährige sitzt in Eisenstadt in U-Haft.

Omar Haijawi-Pirchner wollte auf Anfrage des KURIER seine Tätigkeit in der Causa weder kommentieren noch bestätigen.

Kredit ergaunert?

Was das Motiv anbelangt, sind sich die Ermittler sicher, dass der Slowake versuchte, seinen aufwendigen und teuren Lebensstil weiterhin finanzieren zu können.  Nach der Trennung von der Mutter seiner drei Kinder hatte der Mann hohe Unterhaltskosten zu leisten.

Am Computer des mutmaßlichen Erpressers wurden gefälschte Lohnzettel entdeckt, mit denen er sich einen hohen Kredit bei einer slowakischen Bank erschlichen haben soll. Mit dem Geld soll er sich kürzlich ein Grundstück im Wert von fast 700.000 Euro im Salzkammergut gekauft haben. Wie sein Anwalt, Manfred Arbacher-Stöger erklärt, sollen die Gehaltszettel nur dazu gedient haben, „bessere Konditionen“ bei der Bank zu bekommen.

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