Franz Müller, Hausmeister im Atomkraftwerk Zwentendorf: "Ich mag das hier. Ich hab kein Problem mit dem Alleinsein und Horrorfilme schau ich mir auch keine an"

© DANIELA MATEJSCHEK

Chronik Österreich
11/22/2020

Hausmeister im Atomkraftwerk Zwentendorf: "Keiner redet zurück"

Franz Müller ist der Herr über 1.050 leere Räume - am stillsten Ort Österreichs.

von Barbara Mader

„Man darf keine Angst vor der Stille haben. Und das Wichtigste ist die Routine.“ Franz Müller ist der Herr über 1.050 Räume, die außer ihm so gut wie nie jemand betritt. Er ist Hausmeister im Atomkraftwerk Zwentendorf, das seit 1985 leer steht und nur fallweise von Besuchergruppen frequentiert wird. Kein Problem für Herrn Müller. Die Welt sei ohnehin so laut.

Das Tullnerfeld, wo Zwentendorf liegt, ist per se schon keine überlaufene Gegend. Der Betrieb des Atomkraftwerks hätte die Gegend belebter gemacht, sinniert Herr Müller. 250 Menschen haben hier bis Mitte der 1980er gearbeitet. Alles war vorbereitet, man hätte nur auf den Knopf drücken und die Kernspaltung initiieren müssen. Der Fleischhauer aus dem Ort war der größte Fan des Kraftwerks, er lieferte täglich tausende Wurstsemmeln auf die Baustelle.

Der Tag X kam nie

Nach dem Nein bei der Volksabstimmung 1978 wollten die Eigentümer nicht glauben, dass dies das Ende des Kraftwerks sein sollte, sie beschlossen einen „Konservierungsbetrieb“, um das Kraftwerk für den Tag X vorzubereiten. 1985 kam das endgültige Aus. Die Geschäftsführer reagierten unterschiedlich. Der eine beging Selbstmord, der andere wechselte in die Alternativenergiebranche.

Hollywood und Hundertwasser scheiterten

Zwentendorf wurde zu einem Ort der gescheiterten Projekte. Hollywood wollte hier einen Actionfilm drehen, Hundertwasser ein Museum der fehlgeleiteten Technologien einrichten, ein Baumeister ein Abenteuerland errichten. Und Udo Proksch hatte vor, auf der Wiese neben dem Kraftwerk seine Idee eines Friedhofs der senkrecht Bestatteten weiterzuverfolgen. Nichts davon wurde realisiert. 2005 kaufte der niederösterreichische Energieversorger EVN das Kraftwerk und ermöglicht interessierten Besuchern Führungen. Heute ist Zwentendorf das weltweit einzige Atomkraftwerk mit einer Facebook-Fan-Seite. Dass der Ort überlaufen sei, kann man dennoch nicht behaupten.

Franz Müller ist als Hausmeister meistens allein auf dem 24 Hektar großen Areal. Der 57-Jährige ist privat ein geselliger Mensch. Langweilig wird ihm bei seiner unbelebten Arbeit aber nie. Er dreht seine Runden, überprüft die elektrischen Anlagen, hält die Wasserpumpen in Schuss. Ob er sich hin und wieder einsam fühlt? „Na ja. Vielleicht ein bisserl, mich stört’s jedenfalls nicht. Ich bin ganz gern allein. Das Gute ist: Es redet niemand zurück. Dazu kommen die vielen Kontrollgänge. Das nimmt einen so in Anspruch, dass man nicht zum Nachdenken kommt. Nicht einmal im Keller find ich’s entrisch. Es ist ein ganz normales Kraftwerk, nur halt ohne Leute. Mir vergehen die Tage schnell, oft werden sie sogar zu kurz. “

Ob das ein Job für jeden sei? „Wahrscheinlich nicht, darum mach’s ja ich. Ich komm gut zurecht damit.“

Schwarze Messen

Das Atomkraftwerk Zwentendorf ist einer der stillsten Orte Österreichs. Im Kraftwerk selbst hört man nichts von draußen, drinnen nur das Geräusch der Entwässerungspumpe. Kein Problem für Herrn Müller, er kennt keine Angst, wenn er allein durch die Gänge geht.

Ob er vom Gerücht gehört hat, dass hier nachts schwarze Messen abgehalten werden? „Es ist mir noch nie jemand entgegengekommen und ich bin kein ängstlicher Mensch. Horrorfilme schau ich mir auch keine an. Aber wenn ich in der Früh meinen Kontrollgang mache und eine Tür sehe, die offen ist, obwohl sie geschlossen sein sollte, dann nehme ich jedenfalls meinen Stecken mit.“

Es ist hier stiller als auf einem Friedhof. „Mit g’fallt das hier. Für mich ist das der perfekte Arbeitsplatz. Eigentlich liebe ich das.“

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