Ewald Schatzer ist nicht der Letzte seiner Art,  aber er gehört  zu einer aussterbenden Spezies. Ein Fachhändler, der selbst in seinem Geschäft berät und weiß, wo seine Produkte herkommen

© Kurier/Juerg Christandl

Leben
09/19/2019

Dieser Mann weiß, was Sie brauchen

Jeder will sie, wenige wissen, was sie bedeutet: Eisenwarenhändler Ewald Schatzer lebt Nachhaltigkeit

von Barbara Mader

Natürlich gibt es sie hier, die sprichwörtliche einzelne Schraube. Herr Schatzer packt sie bei Bedarf liebevoll in ein Papierstanitzel. Mit der selben Aufmerksamkeit, als hätte man einen ganzen Werkzeugkoffer gekauft. Auch Ringschrauben, Karniesen, Mauerhaken, Sicherheitszylinder, Einkochtrichter, Fondue-Sets oder Klobürsten hat Eisen- und Haushaltswarenhändler Schatzer im Angebot. Abflusssiebe, Mehlschaufeln, Wäscheklammern, Mausefallen. Es gibt eine eigene Lade mit Türhaken, eine mit Flaschenbürsten und eine mit Schaumrollen-Formern (davon mindestens zehn verschiedene Modelle).


Außerdem Patisserie-Garnier-Spritzen in jeder erdenklichen Größe und Form. Und natürlich Ersatzköpfe für Spülbürsten in mehreren Varianten. Die unzähligen, jahrzehntealten Holz-Laden sind die Voraussetzung dafür, dass Herr Schatzer mehr als 12.000 Fachartikel in seinem Geschäft auf der Josefstädterstraße anbieten kann. In einem Selbstbedienungsgeschäft könne man gar nicht so viele Produkte unterbringen, glaubt er. Unter den Waren sind viele, deren Namen die Kunden gar nicht mehr kennen. Herr Schatzer hilft ihnen auf den Weg, er weiß meist besser als die Kundschaft, was diese braucht. Wörter wie Gerüstkloben oder Halbreiber haben meist nur sehr passionierte Heimwerker auf Abruf parat. Ersatzteile für so gut wie jedes Haushaltsprodukt findet man hier. Man kann Deckel ohne Topf und Topf ohne Deckel kaufen. Wer wissen will, was Nachhaltigkeit bedeutet, bekommt hier Anschauungsunterricht.

Neben Werkzeug, Eisen- und Küchenwaren hat Schatzer auch Malerei- und  Gartenartikel auf Lager. „Wir profitieren davon, dass die Leute  im Grätzel immer weniger Autofahren wollen. Bevor sie ins Gartencenter oder in den Baumarkt fahren, kommen sie   zu mir.“ Fachwissen heißt das Schlüsselwort. Die wichtigste Funktion des Fachhändlers:  Er kann  die Spreu vom Weizen trennen,  das „Glumpert“ vom Nützlichen. Außerdem muss  er gemeinsam mit seinem Kunden herausfinden, was dieser eigentlich will. Ewald Schatzer ist nicht der Letzte seiner Art,  gehört aber zu einer aussterbenden Spezies.  Ein Fachhändler, der selbst im Geschäft berät und weiß, wo die Produkte herkommen. Dabei ist auch  er kein Fachmann der ersten Stunde, also kein gelernter Eisenwarenhändler.  Schatzer, 61,  ist Quereinsteiger. Vor zwanzig Jahren hat der Betriebswirt das Geschäft von seinem Schwiegervater übernommen und sich in mühsamer Kleinarbeit Wissen um Produkte und Manufakturen, viele davon aus Österreich, angeeignet. Damals, erzählt er,  begann die  Preisspirale, sich nach unten zu drehen. „Früher  hat man nach dem Nutzen gefragt, danach nur mehr nach dem Preis.“


Damit begann das großflächige Sterben der kleinen Händler – unabhängig davon, ob es stimmt, dass man für deren Qualität und Fachwissen stets mehr als im Baumarkt bezahlt.  „Entweder erwischen die Leute dort das Falsche, oder sie kaufen mindere Qualität, die schneller kaputtgeht. Es ist günstiger, sie gehen gleich zum Fachhändler.“
Die meisten Produkte, die man hier findet, hätten  im Selbstbedienungsregal keine Chance, glaubt Schatzer,  weil die Kunden ohne Beratung immer nach dem Preis entscheiden.  „Man muss ihnen erklären, was hinter dem Produkt steckt. Ich kenne die  meisten meiner Lieferanten persönlich und weiß, wie sie produzieren.“ Er schwärmt  von einer kleinen Messermanufaktur, nach wie vor in Familienbesitz.  „Ein gut geschmiedetes Messer gibt es bei mir ab 50 Euro aufwärts. Die Leute wissen leider  nicht, dass der große Mitbewerber,  bei dem ein  geschmiedetes Messer nur 20 Euro kostet,   in Asien maschinell produzieren lässt.“ Und dann ist da das Wissen um den richtigen  Umgang mit den Waren. „Ein Messer muss regelmäßig gebürstet werden. Dann können Sie es an die übernächste Generation vererben. Für diese Informationen brauchen Sie einen Fachhändler.“
„Händler wie wir wären  die Lösung für viele Umweltprobleme“, sinniert Herr Schatzer vor sich hin, während er eine kleine  schwarze Pfanne, in der man genau ein Spiegelei braten kann, andächtig  in  Zeitungspapier packt. Mit der gleichen Sorgfalt,  als hätte man eine ganze Küchenausstattung gekauft.

 

Klasse statt Masse: 12.000 Produkte auf 160 Quadratmetern Verkaufsfläche bietet Ewald Schatzer in seiner Eisenwarenhandlung auf der Josefstädterstraße an. 1864 wurde das Geschäft gegründet, es gibt bereits einen Nachfolger, der übernimmt, wenn Herr Schatzer  in Pension geht. Grandia GmbH 1080 Wien, Josefstädterstraße 50 Tel: (01) 405 27 51. Di–Fr 9.30-18 Uhr, Sa 9.30–16 Uhr. office@klassestattmasse.at.

Weitere Empfehlungen: Goldene Kugel, Wiedner Hauptstraße 42, 1040 Wien; Eisenwarenhandel Stütz, Löwengasse 29, 1030 Wien;
Werkzeug Willi Mariahilferstraße 170, 1150 Wien