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Interview
05/07/2020

„Gesellschaften lernen nur wider Willen“

Der deutsche Soziologe und Publizist Harald Welzer über Feindbilder, Stress in Familien und Lehren aus der Coronakrise.

von Nikolaus Tuschar

Harald Welzer:

Der 1958  in Bissendorf (D) geborene Publizist ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg sowie
an der Universität St. Gallen

Bücher:
Welzers Werke sind bisher in
21 Ländern erschienen. Zu den bekannteren zählen „Opa war kein Nazi“ und seine Gesellschaftsutopie „Alles könnte anders sein“

Privates:
Welzer besitzt kein Smartphone und ist Unterstützer der
Fridays-for-Future-Bewegung

KURIER: Lassen Sie uns in die Glaskugel blicken: Was könnte in hundert Jahren in den Annalen des Jahres 2020 stehen?

Harald Welzer: Ich muss gestehen, ich liebe solche Fragen – weil solche Prognosen nie tragen. Vielleicht ist der historisch entscheidende Aspekt, dass es tatsächlich eine Krise gibt, die alle Menschen auf dem Globus gleichermaßen trifft. Das hat es bis heute noch nicht gegeben. Woran man sich schlussendlich erinnern wird, hängt davon ab, wie gut eine Sache bewältigt worden ist.

Bevor die Krise bei uns ausbrach, waren Chinesen das Feindbild. Nun sind es mancherorts die Europäer? Braucht der Mensch ein Gesicht zum Feind?

Das Problem ist, dass wir Menschen alles und jedes kategorisieren, um uns in der Welt zurechtzufinden. Das ist unter anderem leider auch die Basis für ausgrenzendes Handeln. Einerseits ist das total normal. Man versucht ja immer, sich in der Welt zurechtzufinden, und da braucht es Anhaltspunkte und Kategorien. Anderseits halte ich mich zum Beispiel für eher vorurteilsfrei – und doch habe ich (bitte sagen Sie es nicht weiter) um Besuchergruppen, die mir chinesisch aussahen, einen Bogen gemacht, als ich kurz vorm europäischen Corona-Ausbruch in Madrid war. Die wenigsten von uns sind von solchem Rassismus frei, aber man soll sich das natürlich bewusst machen und dagegen ankämpfen. Insofern ist diese Frage extrem schwer zu beantworten.

Führen Krisenzeiten tendenziell zu Egoismus oder werden wir solidarischer?

Weder noch! Ich würde sagen, da ändert die Krise jetzt nicht die Menschen. Diejenigen, die vorher zu solidarischem Verhalten geneigt haben, tun dies auch jetzt und es kommt vielleicht nur noch stärker zum Ausdruck. Egoisten bleiben auch in der Krise Egoisten.

Wie gehen wir mit dem Verlust von Sicherheit um?

Wir leben ja in modernen Gesellschaften mit einem Höchstmaß an Lebenssicherheit. Sowohl wirtschaftlich, als auch sozial und gesundheitlich. Das bedeutet, dass unsere Erwartungen an die Zukunft immer an unserem Sicherheitsgefühl orientiert sind. „Es wird so weitergehen, wie es ist“ – das ist die erste Grunderwartung. „Für alles ist gesorgt“ – das ist die zweite. Die Krise knallt deswegen psychologisch so rein, weil man im Moment keine Erwartungen haben kann, da kein Mensch weiß, wie die Sache weitergeht.

Kann enges Zusammenleben in der Familie auch zu zwischenmenschlicher Distanz führen?

Erstmal ist es Stress, weil man das Zusammenleben in der Form nicht gewohnt ist. Was Beziehungen angeht, kann man das auch von anderen Forschungsbereichen sagen. Ich habe früher psychologische Arbeitsforschung gemacht – und aus diesen Feldern weiß ich, wenn eine Familie sehr gut funktioniert, dann wird das durch äußeren Stress gestärkt. Wenn sie schon von Haus aus nicht harmoniert, dann ist Stress ein natürlicher Sprengfaktor. Sowohl positive wie auch negative Faktoren potenzieren sich in Zeiten der Krise. Vor allem für Pubertierende bedeutet das Leben auf engstem Raum puren Stress in einem ohnehin schwierigen Lebensabschnitt, in dem man sich sowieso in allen Lebensbereichen neu finden will.

Wird es eine Renaissance der „guten alten Nachbarschaft“ geben?

Man sieht ja, dass Nachbarschaft funktioniert und Menschen aus ihrer Anonymität heraustreten, um zum Beispiel älteren Bewohnern beim Einkaufen zu helfen. Das wird vermutlich auch nach der Krise so bleiben. Wenn Anonymität und zwischenmenschliche Distanz durchbrochen sind, dann bleibt das gewöhnlich auch hinterher so.

Sollen oder müssen gesellschaftliche Veränderungen in Krisenzeiten fallen?

Es gibt da einen schönen Satz des 2007 verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich. In Bezug auf die Verarbeitung von Kriegsfolgen hat er gesagt: „Gesellschaften lernen nur wider Willen.“ Als Einzelner kann man auch durch Interesse lernen, aber Gesellschaften brauchen immer eine Unterbrechung des Normalzustandes, eine Krise, dann lernen sie. Ein meiner Ansicht nach sehr zutreffender Satz. Ich glaube, der stärkste Punkt ist die Entzauberung der Globalisierung, da sie uns von Unternehmern und Ökonomen immer im Sternenglanz präsentiert wurde. Und jetzt sehen wir – Stichwort Lieferketten –, dass viele Aspekte der Globalisierung unsere Gesellschaft verletzlicher gemacht haben und nicht robuster. Es kann durchaus so sein, dass lokale Produktion wieder mehr wertgeschätzt wird, als Produkte, die von weit her importiert werden müssen.

Inwiefern prägen uns Zeiten des Verzichts – gibt es einen Lernprozess?

Das kommt sehr auf den Diskurs an. Wenn jetzt Medien darüber sprechen, wie toll es ist, dass so wenige Autos fahren, es keinen Flugverkehr gibt und dass das die Lebensqualität erhöht, dann bekommt das, was wir vor ein paar Monaten als einen unvorstellbaren Verzicht empfunden hätten, einen anderen Klang. Eines wird sich in Europa sicherlich verändern: Der Mythos der Unantastbarkeit und der Überlegenheit gegenüber anderen Teilen der Welt wird wegfallen. Plötzlich war Europa der Hotspot der Pandemie und uns trifft diese Krise genauso wie alle andere Kontinente.

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