© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
09/26/2020

Was Gastronomen zur Registrierungspflicht sagen

Wiener Gastronomen müssen Name, Telefonnummer und Mail-Adresse ihrer Besucher erfassen. Kommt’s zur chaotischen Zettelwirtschaft?

von Julia Schrenk, Christoph Schwarz, Raffaela Lindorfer

In wenigen Stunden, exakt Montag, 0 Uhr, tritt die neue Gastro-Verordnung der Stadt Wien in Kraft. Und sie wird bis Ende des Jahres gelten. Bis dahin müssen alle Gastrononomen in Wien (ohne Ausnahme) Name, Telefonnummer und eMail-Adresse ihrer Gäste erfassen. Außerdem die Tischnummer und die Uhrzeit. Wer das nicht macht, muss mit Strafen rechnen. (Wie hoch sie sein werden, stand bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest, Anm.)

Andere Bundesländer ziehen prompt nach – oder planen es zumindest. In Niederösterreich sollen nur bei oranger Ampelschaltung Gäste registriert werden. In Kärnten soll es ebenfalls erst ein Thema werden, wenn die Infektionszahlen steigen.

Im Büro des Salzburger Landeshauptmanns Wilfried Haslauer hält man die Registrierung für „sehr, sehr sinnvoll, um den Gesundheitsbehörden bei der Kontaktverfolgung zu helfen“. Man prüfe gerade einen Weg, die Registrierung datenschutzkonform und praktikabel umzusetzen.

In Tirol hat Landeshauptmann Günther Platter bereits Gespräche mit der Wirtschaftskammer geführt – auch dort könne man sich die Gäste-Registrierung „durchaus vorstellen“, sagte Platter am Samstag auf Ö1. Man müsse sich noch anschauen, „inwieweit das im Rahmen des Gesetzes möglich ist“.

Dass die Bundesländer strengere Regeln verhängen dürfen, hat die Novelle des Pandemiegesetzes ermöglicht. Am Mittwoch hat der Nationalrat die Novelle beschlossen, am Freitag ging sie durch den Bundesrat. Damit steht den Ländern formal der Weg frei für schärfere Regeln. Basis für die Wiener Verordnung, die ab morgen gilt, ist Paragraf 5, Absatz 3 des Epidemiegesetzes. Denn der blieb von der Novelle unangetastet.

Daten nur im Ernstfall

In Wien darf die Gesundheitsbehörde auf die Daten der Gäste nur dann zugreifen, wenn sich tatsächlich ein Infektionsgeschehen in dem Lokal abgespielt hat. Wenn sich ein an Covid-19 erkrankter Gast im Lokal aufgehalten hat, muss die Behörde (die MA 15) auf die „relevanten Kontakte“ zugreifen können. Das sind jene Personen, die unmittelbar in der Nähe des Infizierten waren. Wer als „K1“ definiert wird – als Kontaktperson ersten Grades –, muss für zehn Tage in Quarantäne. Unabhängig davon, ob man Symptome zeigt oder nicht. Das ist bisher schon gängige Praxis beim Contact Tracing.

Mit der neuen Maßnahme will Wien die Infektionszahlen drosseln. Die Stadt will zeigen, dass man die Krise händeln kann, vor allem nach der zuletzt laut gewordenen Kritik am Corona-Management (langes Warten auf Tests, ebenso langes Warten auf Testergebnisse). Und Wien will so versuchen, von den „Roten Listen“ jener Länder zu kommen, die Reisewarnungen ausgesprochen haben.

Ob die Maßnahmen taugen, wird sich erst in einigen Wochen zeigen. Der KURIER hat mit vier Wiener Gastronomen über die Registrierungspflicht gesprochen. Zwar sei die Zettelwirtschaft etwas mühsam, aber alles besser, als zusperren zu müssen. Dass aber am Freitag eine neue – wesentliche Maßnahme – verkündet wurde, die bereits zwei Tage später gilt, das sei sehr wohl eine Herausforderung.

Christina Hummel: „Mein Ober ist nicht die Exekutive“

500 Zetteln pro Tag wird Christina Hummel schon brauchen. Für die kommenden zwei Wochen hat sie deshalb vorerst 7.000 Formulare  bestellt. Designt von ihrer Grafikerin. Schließlich sei ja nicht klar gewesen, ob da noch eine Vorlage von Stadt oder Kammer komme. Und einen „Kaszettel“ wollte Christina Hummel auch nicht auf die Tische in ihrem Kaffeehaus legen.

Hummel ist Chefin des gleichnamigen Cafés in Wien-Josefstadt. Die Krise hat dieses – dank Wiener Publikum – ganz gut gemeistert.  Aber dass jetzt schon wieder etwas daherkommt, das ärgert sie fast ein bisschen. „Mein Ober ist nicht die Exekutive“, sagt sie. „Was soll ich tun, wenn sich einer als Max Müller einträgt?“ – und offensichtlich nicht Max Müller ist. Und was soll sie tun, wenn sich jemand, der 50 Jahre Stammgast in ihrem Kaffeehaus ist, nicht eintragen will? „Die Frage ist: Kann ich es mir erlauben, einen Gast wegzuschicken, der meinen Mitarbeitern und mir die Existenz sichert? Oder ist es existenzbedrohend, wenn ich ihn einlasse und  eine Strafe bekommen?“

Egal, wie die Antwort lautet: Hummel wird ab Montag ihre Gäste registrieren. Sie wird deren Daten sammeln, diese vorschriftsmäßig  aufbewahren und kurz vor der Vernichtung ein Gewinnspiel veranstalten. Die Preise werden von Unternehmern  aus dem Grätzel zur Verfügung gestellt. Für die sei es Werbung, für die Gäste vielleicht eine kleine Entschädigung. Oder, wie Christina Hummel sagt: „Krone richten, kreativ sein.“

Robert Huth: „Das ist nichts, was mich lange beschäftigt“

Robert Huth scheint ein Pragmatiker zu sein. Große Schimpftiraden über Dinge, die er ohnehin nicht ändern kann, dürften seines nicht sein. Huth betreibt gemeinsam mit seiner Frau Gabriele sechs Lokale in Wien. Kürzlich hat er das ehemalige Jamie’s Italian von Jamie Oliver  am Lueger-Platz wieder (zurück)übernommen und dort das Italo-Restaurant „Viva la Mamma“ eröffnet.

Dass er dort und in seinen anderen Lokalen ab Montag seine Gäste registrieren muss, kostet ihn nur ein Achselzucken. „Das ist absolut in Ordnung und keines der Dinge, wo ich mich geistig und emotional lang damit beschäftige“, sagt Huth zum KURIER. Auch die Maskenpflicht ist keines dieser Dinge. „Wenn es im Interesse der Allgemeinheit ist, dann machen wir das jetzt einfach“, sagt er.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in seinem Lokal tragen seit Mai Maske. Sie haben sie auch nicht abgelegt, als  sie nicht verpflichtend waren, Mund-Nasen-Schutz-zu tragen. Wo man für Sicherheit sorgen kann, mache man das auch.

Laut Huth ist ohnehin nicht die Gastronomie das Problem. In Restaurants wie seinen seien die „klassischen Corona-Regeln“ – Abstand, Maske, Hygiene – nicht nur kein Problem, sondern praktisch State-of-the-Art. Problematisch sei anderes: Mangelnde Eigenverantwortung, Partys am Kanal, weniger Polizeikontrollen. „Aber die Registrierung, die ist für uns kein Problem.“

Bruno Jakes: „Wenn sich einer aufregt, kriegt er halt nix“

Eine Zettelwirtschaft werde das wohl werden ab Montag, sagt Bruno Jakes. Er betreibt  das Espresso W.I.F. neben der Rochuskirche im 3. Bezirk. Dort geht man hin, um sein Achterl, sein Seiterl oder seinen Kaffee zu trinken. Das Nichtrauchergesetz macht Jakes (und seinen  Gästen) heute noch zu schaffen. Dagegen ist  die Registrierungspflicht ein Lercherl.

„Natürlich ist das ein Aufwand. Aber wenn das jetzt die Vorschrift ist, dann werde ich die natürlich befolgen“, sagt Jakes.   Was sollte er auch sonst tun? „Sicher, ich könnt zusperren und meine Mitarbeiter in die Arbeitslose schicken.“ Aber das will Bruno Jakes nicht. Jeder Tag, an dem er auch nur ein bisschen Geld verdient, ist ein guter Tag, sagt er.

Was Bruno Jakes nicht möchte ist, „der Polizist sein“.  Wenn sich einer mit Max Mustermann eintrage, dann ist das halt so, sagt Jakes. Das müsse man dann einfach so hinnehmen, Ausweise darf er ja ohnehin nicht kontrollieren. Jakes glaubt aber ohnedies an die Vernunft seiner Gäste. Wenn einer zuletzt den Mund-Nasen-Schutz  nicht getragen hat, wurde er ermahnt. „Die Leut’ lassen es eh nicht auf eine Auseinandersetzung ankommen“, sagt Jakes.

Also legt er ab Montag „weiße Zetteln“ auf.  Wo  sich das Formular der Stadt zum Download versteckt, habe er nämlich noch nicht entdeckt. „Und wenn sich einer aufregt, kriegt er halt nix.“ So einfach ist das, im Espresso W.I.F..

Dieter Elsler: „Gemeinsamer Kraftakt gegen den  Lockdown“

Der Sommer war schuld. Da ist sich Dieter Elsler sicher. In den warmen Monaten habe Österreich  den Vorsprung verspielt, den es in der Corona-Bekämpfung hatte.  „Wir sind zu früh   zurück in alte Normalität gekippt. Maßnahmen wurden nicht eingehalten – und nicht kontrolliert.“ Dass jetzt neue Verschärfungen  kommen, dagegen hat er grundsätzlich wenig  einzuwenden: „Es braucht einen gemeinsamen Kraftakt, um den zweiten Lockdown zu verhindern.“

Vor mehr als zwei Jahren hat Elsler „Das Kolin“ im 9. Bezirk übernommen. Auf die Krise hat er mit kreativen Lösungen reagiert. Bekannt wurde Elsler etwa für die Schaufensterpuppen, die  er an die Tische setzte, um für nötigen Sicherheitsabstand zu sorgen. Jetzt vertraue er auf seine Gäste: „Ich hoffe,  dass die Menschen das ernst nehmen und korrekte Daten anführen.“ Im Gegenzug garantiere sein Team „größtmögliche Sorgfalt“: Die Daten werden bei Tisch aufgenommen, um Gedränge am Eingang zu vermeiden und die Anonymität zu wahren. Die Kellner unterschreiben eine Verschwiegenheitsklausel.

Als Allheilmittel sieht Elsler die Registrierungspflicht nicht: „Aber sie ist im Falle des Falles eine gute unterstützende Maßnahme.“ Und eine Vorverlegung der Sperrstunde? „Mit 23 Uhr hätte ich kein Problem. Wer als Wirt da seinen Umsatz noch nicht gemacht hat, macht ihn bis 1 Uhr auch nicht mehr“, sagt Elsler. Anders sei das freilich bei Bars und in der Nachtgastronomie: „Da braucht es endlich eine ordentliche finanzielle Unterstützung.“

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