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Chronik Österreich
10/06/2019

Faktencheck: Steigt die Zahl der Morde in Österreich?

Nach Fünffachmord: Zahl der (versuchten) Tötungsdelikte ist derzeit hoch, aber nicht extrem.

von Dominik Schreiber

Die Zahl der Tötungsdelikte ist seit Jahrzehnten stark schwankend, der aktuelle Fünffachmord wird aber natürlich Auswirkungen auf die Bilanz haben. Den bisherigen Höchstwert erreichte das Jahr 1983 mit 99 Morden in Österreich – diese Zahl ist bis heute unübertroffen. Auf den Plätzen in der traurigen Bilanz folgen in dieser Reihenfolge die Jahre 1996, 1956 und 1975.

Diese Verteilung zeigt vor allem eines: Österreich ist seit der Republiksgründung vergleichsweise relativ konstant auf einem Niveau. Die niedrigste Zahl an Mordopfer etwa gab es 2007 (mit 39 Taten), gefolgt von 2015. Also ausgerechnet in jenem Jahr als die Flüchtlingswelle am höchsten war.

Zwischen diesen Extremen – 39 und 99 Mordopfern – gibt es ein ständiges Auf und Ab. 2018 (der letzten verfügbaren Bilanz) wurde mit 76 Opfern wieder ein vergleichsweise hoher Wert erreicht, doch den gab es vor sechs Jahren auch schon.

Taten rücken näher

Dass die Wahrnehmung eine andere ist, könnte auch damit zu tun haben, dass durch das Internet Taten, die in anderen Bundesländern verübt werden, de facto näher rücken. Früher war das Interesse eines Wieners an einem Mord in Bregenz relativ gering, über derartige Vorfälle wurde in den Wiener Ausgaben der Zeitungen nur klein berichtet.

Heute kann das jeder ausführlich im Internet nachlesen. Und Klickraten zeigen auch eines: Wenn ein Ausländer involviert ist, dann werden diese Berichte stärker angeschaut. Durch alle diese Dinge verschieben sich offenbar auch die Wahrnehmungen.

Fachleute meinen aber ohnehin, dass die Zahl der Mordversuche eigentlich das wichtige Maß ist. Denn oft entscheiden nur Millimeter, ob ein Messerstich oder eine Kugel tödlich ist. Doch auf der anderen Seite gibt es auch noch schwere Körperverletzungen. Es ist also oft Entscheidung der Ermittler und der Justiz, ob eine Tat als absichtliche Körperverletzung oder Mordvesruch gewertet wird. Beobachter meinen, dass es zuletzt den Trend gab, in Zweifelsfällen eher zu einem Mordversuch zu tendieren.

Mehr Mordversuche

Das wäre eine mögliche Erklärung für die zunehmende Zahl an Mordversuchen. Denn Faktum ist, dass 2018 der Höchststand seit zumindest einem Jahrzehnt erzielt wurde. Überraschend mag dabei für manche sein, dass hier fast doppelt so viele Opfer männlich (105) sind wie weiblich (55). Dies analysiert derzeit auch die SOKO Frauenmorde im Innenministerium, deren Bericht aber noch nicht vorliegt.

Fest steht aber bei allen Bilanzen: Die meisten Morde passieren stets in Beziehungen und in den eigenen vier Wänden.