© Heinrich C. Berann/Atelier Berann, Lans

Interview
10/20/2019

Es wird geschwindelt: Tourismusregionen in einem guten Licht

Panoramakarten informieren, betonen das Schöne und wecken Erinnerungen. Nur wenige beherrschen die Kunst.

von Marco Weise

Ob beim Wandern oder Skifahren, irgendwann stehen sie hilfreich vor einem: Panoramakarten, auf der Orte, Lifte, Pisten, Gipfel, Loipen und (ganz wichtig!) Einkehrmöglichkeiten der Region eingezeichnet sind.

Was kaum jemand weiß: Diese Karten werden von Hand gezeichnet. Nur noch wenige Menschen weltweit beherrschen diese Technik, diese Kunst, bei der auch immer ein bisschen geschwindelt wird. Soll heißen: Berge werden auf ihre schönste Seite gedreht, Gipfel werden weglassen, manches wird vergrößert oder verkleinert. Die Realität wird zurechtgebogen und Problemzonen werden übermalt. Anders ist es auch nicht möglich, aus einer dreidimensionalen Landschaft ein zweidimensionales Bild zu erstellen. Platz für Infrastruktur und Beschriftung muss schließlich auch noch sein.

Wozu man in Zeiten des Smartphones und Online-Kartendiensten wie Google Maps noch solche meist überdimensional ausfallenden Panoramamalereien braucht, weiß Tom Dauer. Der Autor und Alpinist hat sich für den im Prestel Verlag veröffentlichten Bildband „Alpen. Die Kunst der Panoramakarte“ mit der Thematik auseinandergesetzt. Der KURIER hat nachgefragt ...

KURIER: Es gibt Navis, GPS und Google Maps. Wer braucht überhaupt noch Panoramakarten?

Tom Dauer: Alle, die nicht nur wissen wollen, wie sie von A nach B kommen, sondern auch, was zwischen A und B liegt. Panoramakarten sind für Reisende, deren Reisen im Kopf beginnen, in der Welt der Fantasie und der Imagination.

Was unterscheidet Panoramakarten von kartografisch genauen Karten wie Wanderkarten?

Kartografische Karten dienen der bestmöglichen Orientierung im Gelände und geben mit Nordausrichtung, Schummerung (Anm. Flächentönung), Höhenlinien und Geländestrukturen entsprechende Hilfsmittel zur Hand. Panoramakarten sollen dagegen eher, ja, unterhalten. Sie müssen ästhetisch ansprechen und die Umgebung so wiedergeben, wie man sie als Besucher vielleicht wahrnehmen würde. Panoramen bilden also nicht das tatsächliche Gebirge ab.

Kann man sich dann überhaupt auf Sie verlassen?

Nun, zum Wandern oder Bergsteigen würde ich mit einem Panorama nicht gehen. Das wäre so, als würde man mit Schneeschuhen einen 100-Meter-Lauf machen wollen. Das Instrument wäre völlig ungeeignet.

Welche Aufgabe haben Panoramakarten?

Sie sollen Tourismusregionen in ein angemessen positives Licht rücken. Dazu müssen sie dem Besucher die Landschaft so erklären, dass dieser sich auf den ersten Blick auszukennen glaubt. Es gilt, räumliche Beziehungen von Landschafts- und Siedlungsstrukturen deutlich zu machen, prominente und markante Orte herauszuarbeiten, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Wie viel Schwindel steckt in Panoramakarten?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich würde aber mal behaupten, dass man auf jedem Panorama etwas sieht, was man in Natura – angenommen, man nähme den Blickwinkel des Malers ein – nicht sehen könnte.

 

Die Natur wird überhöht, poetisch dargestellt. Wozu?

Jede Landschaft hinterlässt bei ihrem Betrachter einen bestimmten Eindruck. Im besten Fall ist der dieser von der Schönheit, der Erhabenheit, der Perfektion der Landschaft ergriffen. Ein Panorama hat die Aufgabe, dieses Gefühl beim Betrachter hervorzurufen. Und das gelingt nun mal eher durch malerische Freiheiten, die sich der Künstler nimmt, als durch den Versuch einer exakten Wiedergabe.

Wo und für was werden Panoramakarten überhaupt noch hergestellt?

Ach, da gibt es noch viele Möglichkeiten: als Schautafeln in touristischen Orten, an Talstationen von Seilbahnen, als Übersichten für Skigebiete oder Wanderregionen. Oftmals kann man Panoramen auf Faltblättern oder Flyern sehen. Auch zur Identifikation von Berggipfeln oder ähnlich markanten Punkten in der Landschaft werden sie aufgestellt, oft an Aussichtspunkten.

Was macht die Kunst der Panoramakartenmalerei aus?

Die Kunst liegt darin, den Betrachter glauben zu lassen, dass die Landschaft um ihn herum genau so aussehen könnte, wie sie abgebildet wurde. In dem Wort „abbilden“ steckt aber „bilden“ im Sinne von „schaffen“ oder „herstellen“. Genau darum geht es bei Panoramen: Sie sollen ein Ideal entwerfen, das die Natur selbst gar nicht sein kann.

Welche Panoramakarte hat Ihnen denn am meisten Freude bereitet?

Ich mag die Alpenpanoramen am liebsten, die Erinnerungen an vergangene Bergerlebnisse wecken oder Vorfreude auf die kommenden. Wenn ich eins aussuchen müsste, würde ich die Ansicht des Karwendels wählen – das sind meine Hausberge.

Wecken Panoramakarten auch Sehnsüchte?

Oh ja, ich denke schon. Mir geht es jedenfalls so. Sie erinnern mich daran, was ich alles noch sehen will in meinem Leben.

Der Tiroler Heinrich C. Berann (1915–1999) war einer der wichtigsten Panoramakartenmaler. Was hat seine Arbeit ausgemacht?

Berann verstand es hervorragend, seine handwerklichen Fähigkeiten als Maler im Sinne der Panoramamalerei einzusetzen. Seine Bilder zeichnen sich durch eine unglaublich detaillierte Wiedergabe aus, durch einen gekonnten Einsatz der Farben, durch Brillanz, durch die Schönheit der Schattenwürfe und der Wolkenstimmungen. Berann interpretierte die Landschaft so, wie es seinen Zwecken dienlich war, aber er kompromittierte sie nicht. Das können nur die wenigsten.

Sie haben sich für den nun vorliegenden Bildband intensiv mit Panoramakarten beschäftigt. Was war für Sie der größte Aha-Moment?

Ich musste zwei Mal hinsehen, als ich auf dem Blick über die Sella-Gruppe in den Dolomiten aus östlicher Richtung am Bildrand die vergletscherte Nordseite der Marmolata entdeckte. Das kann doch gar nicht sein, dachte ich, die kann man doch so gar nicht sehen. Dann wurde mir klar, dass der Maler sie dort hingesetzt hatte, um die Möglichkeiten aufzuzeigen, die ein Tourist in dieser Region hat.

Wer beherrscht im Alpenraum noch diese Technik?

Es gibt noch eine Handvoll Menschen, die die Kunst der Panoramamalerei pflegt, wie etwa Heinz Vielkind, der ein Schüler von Heinrich C. Berann war. Leider werden es immer weniger und ich befürchte, dass dies eine aussterbende Kunst ist.

Von Slowenien, Italien über Österreich, Deutschland und die Schweiz bis nach Frankreich: Der Bildband versammelt die schönsten Panoramakarten der Alpen.  Von 1950 bis heute präsentiert dieses Buch Werke berühmter Künstler wie Heinrich. C. Berann  (1915–1999) und dessen Schüler Heinz Vielkind, deren Karten einzigartige Perspektiven gewähren.  
„Alpen. Die Kunst der Panoramakarte“.  Mit einem Essay von Tom Dauer. Prestel Verlag. 192 Seiten, 91 farbige Abbildungen, 41,20 Euro. 

Autor

Tom Dauer, geboren 1969, wuchs in Mexico City und München auf. Er arbeitet als Literaturwissenschaftler und Journalist und ist am liebsten in den Gebirgen der Welt, weil er dort Leidenschaft und Beruf miteinander verbinden kann. Dauer schreibt für „Geo“ und „National Geographic“ und ist Kolumnist für das Magazin „Alpin“. Er hat zahlreiche Bücher zum Thema Berge, Alpinismus und Abenteuer veröffentlicht und führt Regie bei Dokumentarfilmen.
 

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