Ernesto Kern und Hundedame Charlie, weniger sportlich als das Herrli, aber ebenso stur 

© Kurier/Gerhard Deutsch

Porträt
08/08/2021

Ernesto, stur wie sein Hund

Die Welt hat sich auch im Kleingartenverein weitergedreht. In der Siedlung Großjedlersdorf trifft man keine Gartenzwerge mehr. Aber einen unerschrockenen Obmann, den fast alle hier gewählt haben

von Barbara Mader

Das Schild an der Tür sagt: „Vorsicht vor der Frau, der Hund ist harmlos.“ Die Nachbarschaft lacht herzlich, die Warnung ist unbegründet. Seit 24 Jahren lebt Ernest „Ernesto“ Kern mit seiner Frau Gabi hier im Kleingartenverein Großjedlersdorf und man hat den Eindruck, das passt ganz gut, für alle Beteiligten.

Gabi Kern empfängt Gäste ebenso freundlich wie die rundliche Hundedame Charlie, ein sechs Jahre alter Beagle, schon der dritte dieser Rasse. Der Beagle ähnle ihrem Mann, sagt Gabi. „Der Hund ist genauso stur wie er.“ Macht aber nix, sie kommt seit dreißig Jahren ganz gut zurecht mit seiner Sturheit, sagt sie und zupft an den vom starken Regen in Mitleidenschaft gezogenen Rosenblättern.

Der sture Ernest, Künstlername Ernesto, ist seit 2013 Obmann im Kleingartenverein. Davor war er Gruppensprecher und Kassier. „Warum tust du dir das an?“ hat ihn die Gabi jedes Mal gefragt.

Vielleicht, weil sich sonst niemand gefunden hat für die Zores um Parkplätze, laute Kinder, bellende Hunde oder über den Zaun wachsende Pflanzen. Vielleicht aber auch, weil ihm das „Gschaftlhubern“, wie er sagt, im Blut liegt. Die Mama war Hausmeisterin in einem Hochhaus auf der Wagramer Straße. Eine Gefürchtete.

Gefürchtet ist Ernesto Kern nicht. Aber respektiert. Die ganze Siedlung hat den Mann mit dem zuversichtlichen Lächeln gewählt. Bis auf drei Kleingartenbewohner. Er weiß eh, wer.

Man muss Idealist bleiben. Ein Obmann ist wie ein Bürgermeister. Für alles zuständig. Für die Infrastruktur und fürs Streitschlichten. Bambus, etwa, ist so eine Sache. Wenn der zum Nachbarn wächst, gibt’s Probleme. Manchmal fragt man sich, warum die Leut’ so uneinsichtig sind. Das Leben hier hat einen eigenen Charakter. Gartenzwerge gibt’s keine mehr, die Menschen sind trotzdem anders als, sagen wir, in einer Wohnhausanlage. Man kennt einander. Muss man mögen.

Weit draußen, zwischen Brünnerstraße, Siemensstraße und Shuttleworthstraße liegt, erreichbar mit der S-Bahn oder der 31er-Bim, die Kleingartensiedlung Großjedlersdorf, mit 427 Parzellen die größte in Floridsdorf. Ein Schutzhaus gibt’s natürlich auch. Mittwoch ist Schnitzeltag. Jeden August wird mit dem Lichterfest die 1974 abgeschlossene Elektrifizierung der Siedlung gefeiert. Dann ist die ganze Anlage geschmückt und beleuchtet, und jeder schaut bei jedem auf ein Achterl vorbei. Wer mitmacht, kriegt einen Gutschein fürs Schutzhaus.

Wenn Ernesto im Schutzhaus sitzt und ein großes Bier leert, dann steht, ohne, dass er was sagen muss, bald das nächste da. Daheim hat er drei Kühlschränke, einen davon nur fürs Bier. Er kann sich das leisten, rein figurtechnisch. Mit 65 ist der Mann gertenschlank. Er geht mit seinem erwachsenen Sohn radeln und laufen. Der weißgraue, volle Schopf und der Schnauzbart ergänzen den zeitlosen Look. In der Jugend war Kern Ruderer. Auf der Alten Donau, bei den Argonauten, hat er begonnen. Ein traditionsreicher Club, gegründet 1909. Kern war Staatsmeister. Mit Anfang 30 ist er als Ruderer in Pension gegangen. Die Spätfolgen merkt er ein bisserl, „wenn alles wehtut“. Er lacht darüber. Früher hat der gelernte Elektriker als Vertriebler in der Telekommunikation gearbeitet. Nach 49 Jahren war’s genug. Von 15 bis 64 hat er ohne Pause durchgearbeitet. Die abschlagsfreie Hacklerregelung, die nun wieder abgeschafft wurde, hat er noch ausgenutzt. Jetzt bestimmt der Kleingartenverein das Leben. Als die Kinder klein waren, sind die Kerns aus der Rennbahnsiedlung hierher gezogen. Nichts anderes wäre heute mehr vorstellbar. Und das, obwohl Ernesto und Gabi einst die halbe Welt bereist haben. Jetzt: Garten, Natur, Freiheit. Günstiger als jede Wohnung. Insbesondere in der Pandemie stieg die Nachfrage. Jeder will jetzt einen Kleingarten. Auch die Jungen, das hat sich stark verändert. Heute muss man mit 15, 20 Jahren Wartezeit für so einen Garten rechnen.

2019 feierte man das hundertjährige Jubiläum des Vereins. Es hat geschüttet. Zelte und der standhafte Entertainer Frankie Martin haben das Fest gerettet.

Die Leute sind zufrieden mit Ernesto. Sie haben ihn ja auch wiedergewählt. Der Typ, der den Präsidenten raushängen lässt, ist er trotzdem nicht. Wie man den Leuten kommt, so sind sie auch zu einem.

In diesem Sommer wird Ernesto Kern noch viel radeln, nach Tulln oder Ernstbrunn. Weit verreisen muss jetzt nicht sein. „Bei uns is’ a schee.“

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