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Chronik Österreich
02/03/2020

Ein neues Steuer-Modell statt Kirchenbeitrag

Neues Modell der Finanzierung könnte die hohe Zahl der Austritte in der Kirche stoppen. Experte will die Bischöfe überzeugen.

von Bernhard Ichner, Martin Gebhart

67.583 Österreicher traten 2019 aus der katholischen Kirche aus – rund 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Und ein Ende des Negativtrends ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Laut Professor Rudolf Höfer, der an der Universität Graz Kirchengeschichte unterrichtete, macht der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung bei gleich bleibender Entwicklung im Jahr 2060 nur mehr 27 Prozent aus. Er beruft sich auf eine Studie der Uni Freiburg für Deutschland.

Ein Teil der Austritte mag auf diverse Missbrauchsfälle, Konflikte innerhalb der katholischen Kirche wie jenen in Kärnten oder ein zunehmend indifferentes Verhältnis junger Menschen zu Religion und Kirche zurückzuführen sein. Für Höfer gibt es aber einen weitaus triftigeren Grund: den Kirchenbeitrag. Dieser sei für zwei Drittel der Ausgetretenen das Hauptmotiv – das habe die katholische Bischofskonferenz bereits im Jahr 1998 bestätigt.

Um dieser Abwärtsspirale Einhalt zu gebieten, schlägt Professor Höfer den 16 in Österreich anerkannten Religionsgemeinschaften ein alternatives Finanzierungssystem vor: Das italienische Modell – eine demokratische Steuerwidmung, durch die den Bürgern keine zusätzlichen Kosten entstünden.

Nazi-Erbe

Dass sich der Kirchenbeitrag in Österreich etablierte, ist für ihn historisch gesehen eigentlich blanke Ironie. Wurde er doch vom NS-Regime eingeführt, um Kirchenorganisationen „einen vernichtenden Schlag“ zu versetzen, wie Höfer erinnert. Und das durchaus mit Erfolg: Von 1939 bis ’42 traten gleich einmal rund 300.000 Katholiken aus der Kirche aus. „Was die Nazis als Zwang eingeführt hatten, wurde von den Bischöfen nach dem Krieg als Freiheit empfunden“, sagt der Kirchenhistoriker. Die Kirche trete seither wie eine Art Finanzamt auf.

Zudem bezeichnet Höfer den einkommensabhängigen Kirchenbeitrag, dessen Einhebungssystem 60 Millionen Euro im Jahr koste, als asozial. Das System benachteilige Menschen mit geringerem Einkommen. Es verwundere also keineswegs, dass Umfragen zufolge 85 Prozent der Bevölkerung eine Alternative zum Kirchenbeitrag begrüßen würden.

Das italienische Modell

Und die gäbe es. In Italien, aber auch in Slowenien, Ungarn, Polen und Spanien gehen die Gesetzgeber zur Finanzierung von Religionsgemeinschaften folgenden Weg: Dort können Bürger im Rahmen ihrer Steuererklärung einen kleinen Teil ihres Steueraufkommens spezifisch widmen. In Italien macht dieser Anteil 1,5 Prozent aus.

Davon kann man 0,8 Prozent für eine Religionsgemeinschaft der persönlichen Wahl oder für den Staat widmen. Aus einem zweiten Topf können 0,5 Prozent für Kultur, Soziales und Umwelt verwendet werden. Und aus einem dritten 0,2 Prozent für politische Parteien. Fehlt eine Widmung, wird im Verhältnis der Widmungsoptionen aufgeteilt.

In Österreich müssten die Prozentsätze zwar höher angesetzt werden, damit den Religionsgesellschaften kein finanzieller Nachteil entstehe. Höfer streicht aber eines hervor: Das italienische Modell wäre keine Steuererhöhung. Und da den Bürgern keine zusätzlichen Kosten entstünden, würde das Hauptargument für die vielen Kirchenaustritte wegfallen.

Dass das Modell funktioniere, zeige der Ländervergleich, sagt Höfer. So verzeichnete etwa die Südtiroler Diözese Bozen-Brixen mit rund 480.000 Katholiken im Jahr 2018 nur 14 Kirchenaustritte. „Österreich hätte mit der etwa zehnfachen Katholikenanzahl im selben Zeitraum also nur 150 Austritte haben dürfen“, rechnet Höfer vor. „Es waren aber 58.376. Im Jahr 2019 sogar 67.583 und seit 1945 mehr als 2,4 Millionen.“

Schwierige Debatte

Um die Verantwortlichen für das Modell zu begeistern, wandte sich der Professor nun an die Plattform der Religionsgemeinschaften. „Denn würde dort ein repräsentativer Mehrheitsbeschluss gefasst werden, hätte das politisches Gewicht.“ Dem könnten Initiativen folgen.

In der katholischen Kirche ist diese Thematik immer wieder ein Diskussionsthema. Offensiv geführt wird es aber nicht. Bei den verschiedensten Presseerklärungen zu den hohen Austrittszahlen ging nur der St. Pöltner Diözesanbischof Alois Schwarz kurz darauf ein. Er ist in der Bischofskonferenz für das Thema zuständig. „Bischof Alois Schwarz ist es ein Anliegen, in Bezug auf die Art der Vorschreibungen des Kirchenbeitrags Verbesserungen herbeizuführen“, so seine Pressesprecherin Katharina Brandner. Vor allem der Umgang mit jungen Menschen, die erst zu Kirchenbeitragszahlern werden, soll umgänglicher gestaltet werden.

Kirchenstatistik

4,98 Millionen Mitglieder zählt die katholische Kirche derzeit. Das sind 55,9 Prozent der Bevölkerung.  2011 waren es noch 5,4 Millionen (64,3).

474 Millionen Euro wurden 2018 über den Kirchenbeitrag eingenommen. Das war eine leichte Steigerung gegenüber 2017 (461 Millionen Euro). Die Kirchenbeiträge machen rund 75 Prozent der Gesamteinnahmen aus.

Weitere Einnahmen stammen aus der Vermögensverwaltung, aus Vermietungen, Leistungen, Subventionen und sonstigen Erträgen. Da sind rund 111 Millionen Euro. Dazu kommen noch 49 Millionen Euro aus staatlichen Leistungen zur Abgeltung von NS-Schäden.

Sein Vorgänger als Vorsitzender der Finanzkommission war Bischof Klaus Küng. Und der hatte Sympathien für das italienische System gezeigt. Als „interessant und diskussionswürdig“ nannte er es im Jahr 2012, als die Diskussion über den Kirchenbeitrag wieder einmal hochgekocht war. Küng sprach von „durchwegs positiven Erfahrungen“ in jenen Ländern, in denen dieses System angewendet wird. Aber: „Es bedarf vor so einem Schritt einer gründlichen Prüfung der Rahmenbedingungen und der Machbarkeit.“

Außerdem geht man in der katholischen Kirche derzeit davon aus, dass auch der Staat an so einer Neuregelung wenig Interesse zeigen würde. Wirkliche Gespräche dazu soll es zuletzt unter ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel gegeben haben.

Muslime wären dafür

Mehr Initiative ist da von anderen Religionsgemeinschaften zu erwarten. Etwa der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), die finanziell eingeschränkter agieren muss. Diese lukriert aus Spenden und Kultusumlage rund eine halbe Million Euro im Jahr. Zu wenig, um damit Imame zu bezahlen, Moscheen zu errichten oder den im Islamgesetz auferlegten Pflichten nachzukommen. IGGÖ-Präsident Ümit Vural lässt deshalb durchaus Sympathien für das italienische Modell erkennen. Dieses sei „ein gangbarer Weg“. Die Realisierung erfordere aber ein gemeinsames Vorgehen aller Religionsgemeinschaften, betont er.

Gesprächsbereit zeigt man sich auch seitens der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), die über ein Jahresbudget von 17 Millionen Euro verfügt – und 20 Prozent davon für Sicherheitsvorkehrungen ausgibt.