Nur mit Handschuhen und  Gras dürfen Kitze berührt werden, sonst könnte ihre Mutter sie
verstoßen

© APA/dpa/Matthias Balk

Landwirtschaft
05/31/2020

Drohnen als Schutzengel für Rehkitze

Jährlich fallen rund 25.000 Rehkitze den Mähwerken der Landwirte zum Opfer. Drohnentechnik soll helfen.

von Roland Pittner

Ein lautes Surren und die Drohne steigt in die Luft. Die Koordinaten sind gespeichert und das Fluggerät steuert über die hohe Wiese. Am Rumpf trägt die Drohne eine Wärmebildkamera und sendet Bilder an Pilot Peter Jammernegg am Boden. Gesucht wird nach Rehkitzen, die von den Muttertieren im hohen Gras abgelegt wurden.

Sie haben noch keinen Fluchtreflex und keine Chance gegen das Mähwerk der Traktoren, die in diesen Wochen die erste Mahd durchführen. „Wir fliegen meistens in der Früh, dann sieht man die Tiere am besten, weil die Umgebung noch kälter ist“, sagt Jammernegg und beobachtet den Bildschirm.

Angebot jetzt auch im Osten

Der Drohnenpilot aus Kitzbühel in Tirol beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit der Thematik und bietet Landwirten und Jägern Überflüge mit seiner Wärmebild-Drohne in Westösterreich an. Gemeinsam mit seinem südburgenländischen Kollegen Hannes Langmann aus Stinatz hat er das Angebot auch im Osten gestartet.

 

Die Piloten sind auf der Plattform rehkitzrettung.at vom Tiroler Jagdverband gelistet. „Die Nachfrage nach der Drohne für die Kitzrettung ist in den vergangenen beiden Jahren enorm gestiegen. Das hauseigene Angebot wurde sehr gut in ganz Tirol angenommen, die Nachfrage übersteigt schon das Angebot,“ erklärt Tirols-Landesjägermeister Anton Larcher.

Schwierige Suche

In ganz Österreich suchen Landwirte und Jäger oft zu Fuß oder mit Hunden die Wiesen nach Kitzen ab. Da die Jungtiere noch keinen Eigengeruch haben und klein sind, ist die Suche im hohen Gras auch für die Hunde schwierig. Die Drohnen mit ihren empfindlichen Wärmebildkameras können die Tiere viel besser erkennen. Die Piloten werden von den Landwirten oder Jägern vor der Mahd kontaktiert.

Wird ein Rehkitz geortet, speichert der Pilot die Koordinaten und die zuständigen Jäger werden dann an die richtige Stelle gelotst. Die Jäger bringen mit Handschuhen und etwas Gras das Kitz an den Wiesenrand in Sicherheit. Sie müssen verhindern, dass die Kitze menschlichen Geruch annehmen, denn sonst werden sie von ihrer Mutter verstoßen. Nach der Mahd wird das Kitz wieder an einer Stelle nahe dem Fundort freigelassen. Geiß und Kitz finden dann durch Laute wieder zusammen.

25 Tausend Rehkitze
fallen in Österreich laut dem Jagdverband Tirol jedes Jahr den Mähwerken zum Opfer

40 Tausend Rehe
wurden im Jagdjahr 2018/19 im Straßenverkehr getötet, weitere 34.752 Rehe wurden als Verlust gemeldet

284 Tausend Rehe
wurden im Jagdjahr 2018/19 laut Statistik Austria in ganz Österreich von der Jägerschaft erlegt

„Diese Technik ist bereits enorm fortgeschritten und verzeichnet eine Erfolgsquote von 95 Prozent“, heißt es vom Niederösterreichischen Landesjagdverband. „Von der Kitzrettung profitieren auch die Landwirte. Denn dadurch kann Botulismus vorgebeugt werden, der durch verderbliche Fleischreste im Futter verursacht werden kann. Die Kitzrettung ist ein gutes Beispiel von vielen für die hervorragende Zusammenarbeit von Jägern und der Landwirtschaft“, sagt NÖ-Landesjägermeister Josef Pröll.

Piloten gesucht

Langmann und Jammernegg haben in den kommenden Wochen viel zu tun. Sie haben die notwendigen Lizenzen der Austro-Control samt Gewerbeschein für den Einsatz ihrer Wärmebilddrohnen. Damit möglichst viele Rehkitze gerettet werden können, werden aber noch weitere Piloten gesucht.

Manchmal fliegt Jammerneggs Drohne aber vergeblich in der Luft herum. „Dieses Mal haben wir kein Kitz gefunden“, sagt der Pilot und die Mahd geht los. Er packt seine Drohne ein und fährt zur nächsten Wiese.

So können Jungtiere gerettet werden

Die Jäger sind im Mai beinahe täglich in den Revieren im Einsatz, um die Landwirte mit unterschiedlichen Maßnahmen bei der Kitzrettung zu unterstützen. Wir bringen dafür die notwendige Expertise mit und tragen die Tiere artgerecht und schonend aus dem Feld oder der Wiese aus“, sagt Niederösterreichs Landesjägermeister Josef Pröll.

Denn auch abseits der Drohnentechnik  setzen viele Jäger auf Maßnahmen, um Rehkitze vor dem sicheren Tod zu bewahren. Vor allem am Tag vor der Mahd zeige das Durchstreifen der Flächen mit Hunden die beste Wirkung, da durch den Geruch der Jagdhunde über Nacht die Rehe ihre Kitze aus der Wiese führen.

Eine weitere effiziente Methode sind Wildlampen, die ebenfalls am Vorabend der Mahd aufgestellt werden. Durch die Lichtreflexe werden die Tiere beunruhigt und verlassen den Gefahrenbereich.

Die Landwirte können vor allem mit ihrer Mähtechnik zum Schutz der Wildtiere beitragen. Wird von innen nach außen gemäht, können die Tiere fliehen. Bei Feldern neben Straßen sollte bei der Fahrbahn begonnen werden, damit die Tiere nicht auf die Straße laufen.

Zusätzlich können an den Landmaschinen und Mähwerken noch Wildsirenen oder Wildwarner angebracht werden. Aufgrund der erzeugten Hochfrequenztöne verlassen die Wildtiere die Fläche.